»Sondern wer?«
»Cindy, seine Frau. Die ist wie direkt der Hölle entsprungen! Du machst dir keine Vorstellung, was Bob zu leiden hat! Diese dauernden Drohungen! Immer droht sie ihm! Jetzt mit Truman und Dewey. Hat sie ihm nicht mit Dewey und Truman gedroht?«
»Ja. Wer ist Dewey?«
»Der republikanische Kandidat. Governor des Staats New York. Mein Gott, weißt du denn nicht, daß am zweiten November gewählt wird?«
»Man kann nicht alles wissen, mein Süßes. Hier, noch ein Schlückchen Champagner.« Sie trank brav. Er goß nach. Er fragte, um die Konversation wieder in Schwung zu bringen: »Und?«
»Und da bedroht sie ihn jetzt eben mit der Wahl! Jake, Bob ist kein schlechter Mensch! Er ist herzensgut! Du hast ihn nur in einem unglücklichen Augenblick getroffen.«
»Was heißt das?«
»Als Cindy anrief, da brachen alle seine Dämme unter dem Aggressionsstau …«
»Unter dem was?«
»Er wird von Cindy dauernd gedemütigt und getreten! Also entwickeln sich Aggressionen … die muß er abreagieren … sonst wird er krank! Und ausgerechnet dich hat der Stau treffen müssen …«
Er nickte ernst, dachte: Stau? Aggress … was soll das? und sagte todernst:
»Ja, wenn es so um ihn steht …«
»Viel schlimmer. Fünfmal in der Woche geht’s auf die Couch!«
»Mit dir? Mein Armes …«
»Auf die Couch von seinem Analytiker!«
»Er – hrm – geht fünfmal in der Woche zum … Nervenarzt?«
»Ja! Sage ich doch!«
»Hrm.« Jakob räusperte sich noch einmal. »Gehst du etwa auch zu einem?«
»Natürlich! Zu demselben. Ich komme immer nach Bob dran …«
Sie sagte erschüttert: »Ich habe ein Frustrationssyndrom!«
»Natürlich … ein Fru … ein … drom … Er dreiundsechzig … und du …«
»Ach, wenn es nur das wäre …« Jill schluchzte plötzlich herzzerreißend.
Nun sind wir ja wohl auf dem rechten Weg, dachte Jakob und forschte behutsam weiter: »Was ist denn noch?«
»Er will doch immer, daß ich …«
»Daß du was, mein Kind?«
»Daß ich … Nein, ich kann es dir nicht sagen, Jake, ich schäme mich so sehr!« Neuer Tränenstrom. Dann: »Ich bin gemein … Ich sollte mich schämen … aber ich habe ein Frustrationssyndrom!«
»Seinetwegen«, murmelte Jakob.
»Ja, seinetwegen!« Jill überkam neuer Seelenschmerz. Sie mußte die Augen schließen. »Und es wird schlimmer! Ist dir aufgefallen, in welchem gereizten Zustand wir zusammenarbeiten? Ist dir aufgefallen, wie traurig ich war?«
»Ja, das ist mir …«
»Immer traurig! Immer verzweifelt! Immer von Bob gequält!«
»Gequält? Inwiefern?«
»Er will, daß ich … nein, ich kann nicht, ich kann nicht!«
»Ein bißchen wird’s schon gehen! Na! Nur Mut!«
»Aber du darfst mich nicht anschauen dabei! Dreh dich um … ja, so … Also er … er …«
»Na!«
»Er ist nicht normal, Jake!« brach es hinter seinem Rücken aus der Unglücklichen hervor.
»Das habe ich schon gemerkt. Das Nazi-Museum, das er sich da eingerichtet hat …«
»Ach, wenn’s nur ein Museum wäre!«
»Wie?«
»Er war doch in Wien, nicht wahr, wegen seines Sohns! Und wegen dieses … dieses …«
»Werwolfs«, half Jakob dezent.
»Ja … ha! Und damit fing das Unglück an! Seines! Meines! Vor allem meines!«
»Unglück? Deines?«
»Er … er hat sich da was weggeholt, sagte Doktor Watkins.«
»Wer ist Doktor Watkins?«
»Unser Analytiker.«
»Was hat er sich denn weggeholt?«
»Als er zurückkam, brachte er schon einen Haufen von dem Nazi-Zeug mit. Seitdem sammelt er immer weiter und weiter und wird immer verrückter und verrückter.«
»Na, laß ihn doch!«
»Er wird auch mit mir verrückter, Jake! Zuerst war er … war er ganz normal … ein älterer Herr eben … treu-amerikanisch, verstehst du?«
»Ich verstehe …«
»Aber als er aus Europa zurückkam, ging es los. Er … er … mein Gott, ist mir das peinlich …«
»Mir kannst du es doch sagen, Liebste!«
»Ja, dir kann ich … Was seinem Sohn passiert ist, das hat ihn verwandelt! Vollkommen! Er hat von mir verlangt, daß ich eine SS-Kappe aufsetze, so eine mit dem Totenkopf, und solche Schaftstiefel anziehe, wenn … wenn wir es tun … und eine Peitsche nehme und ihm den Hintern vollhaue …«
»Mein lieber Mann!«
»… oder ich muß ihm den Rücken zerkratzen. ›Fester!‹ schreit er dann immer. ›Fester!‹ Bis er blutet. Und mir brechen die Fingernägel ab dabei …«
»Mein armes Kind …«, sagte Jakob erschüttert – und zugleich beglückt über eine Möglichkeit, die er sah.
»Und dazu muß ich ihn noch die ganze Zeit beschimpfen und bedrohen …«
»Was mußt du denn sagen?«
»Imperialistenschwein! Wallstreet-Hyäne! Deine Stunde hat geschlagen! Lauter solchen Blödsinn …«
»Aber warum?«
»Na, weil ich doch ein Werwolf bin!«
»Was bist du?«
»Ein Werwolf! In seiner Phantasie! Was da mit seinem Sohn passiert ist, das muß ihn furchtbar aufgeregt haben … und nun sitzt es im Unterbewußtsein, sagt Doktor Watkins. Er kann nichts dafür, der Arme … Aber ich doch auch nicht! Ich gehe kaputt dabei!«
»Hm …«
»Darum ist er auch so gereizt und so böse auf mich. Weil ich mich weigere … weigere, das zu tun …«
»Seit wann?«
»Seit einem Jahr, eineinhalb Jahren …« Schluchzen. »Doktor Watkins sagt, ich muß fest bleiben … nur so kann man Bobs Manie abbauen … und mein Frustrationssyndrom … Da, sagt Doktor Watkins, müßte ein anderer Mann … Du! … Schüttle nicht den Kopf! Du hast es sofort abgebaut! Sofort! Mein Gott, wie ich dir danke, Jake! Aber jetzt fliegst du weg …«
Er kraulte zärtlich ihren Nacken.
»Vielleicht bleibe ich doch noch ein, zwei Wochen da …«
»Du bleibst?«
»Vielleicht, habe ich gesagt, Jill! Und dein Doktor Watkins hat unrecht.«
»Unrecht?«
»Ja. Du darfst dich einem Mann wie dem Senator nicht von einem Tag zum andern und absolut verweigern. Du siehst ja, wohin das geführt hat. Noch ein paar Monate, und er schmeißt dich raus! Es wird mit ihm doch immer schlimmer und schlimmer! So etwas muß man langsam machen … Mit Pausen dazwischen … Glaub mir, ich verstehe etwas von solchen Dingen … Nur so kann man ihn heilen … Und nur so werden zwischen euch wieder harmonische Zustände herrschen …«
»Was … was willst du denn mit all dem sagen, Jake?«
Jakob sagte ihr, was er ihr mit all dem sagen wollte.
89
»Hier ist Ihr Paß, lieber Mister Formann«, sagte Senator Connelly zwei Tage später in seinem NS-Museum-Büro. Er hielt Jakob das Dokument mit einem gelösten Gesichtsausdruck hin. A happy old man. »Und bitte, bitte, verzeihen Sie mir! Ich … Ich muß von Sinnen gewesen sein … Ich habe Sie beleidigt … Ich habe Sie gekränkt … Aber Sie waren ja Zeuge des Telefongesprächs mit meiner … hrm … Frau, nicht wahr … Ich habe kein leichtes Leben, Mister Formann … Bitte, so nehmen Sie doch endlich Platz …«
Jakobs Gesicht war versteinert.
»Nein, Senator, so einfach geht das nicht. Sie haben sich – ich muß es leider sagen – skandalös benommen. Ich wäre nie mehr zu Ihnen gekommen, wenn ich nicht meinen Paß brauchte, um dieses Land augenblicklich zu verlassen …«
»Nicht augenblicklich, Mister Formann!«
»Ganz bestimmt augenblicklich, Senator!«
»Das dürfen Sie nicht! Das können Sie nicht!«
»Und ob ich es kann. Mir reicht es!«
»Mein Gott, ich sagte Ihnen doch, meine Frau …«
Jajaja, dachte Jakob. Rede du nur. Er hatte beim Kommen Jill Bennett im Vorzimmer gesehen. Lächelnd und stumm hatte sie ihm beide Hände hingehalten. Die Fingernägel waren gesplittert oder abgebrochen gewesen. Das ist die wahre Liebe, hatte Jakob gedacht und Jill zärtlich in den Nacken geküßt.