»Sie können nicht weg jetzt, Mister Formann, denn ich habe mit dem Pentagon gesprochen!«
»Na ja, und?« Jakob hob eine Augenbraue.
»Sie kommen aus Österreich, habe ich gesagt. Fast alle Wirtschaftsberater des Weißen Hauses sind Österreicher. Österreichische Geschäftsleute waren zu allen Zeiten bei uns sehr beliebt …«
»Jajaja. Und?«
»Und das Pentagon kauft Ihnen erst mal tausend Fertigbau-Truppenunterkünfte ab.«
»So. Na, sehr schön.« Jakob ließ sich gelangweilt in einen Sessel fallen.
»Und was zahlen die Herren?«
»Das hängt von Ihrer Tüchtigkeit ab, Mister Formann! Ich habe gesagt, ich kenne Sie als seriösen Geschäftsmann! Die Herren erwarten Sie. Ich habe noch eigens ein weiteres Empfehlungsschreiben an den Verteidigungsminister diktiert … Moment!« In die Sprechanlage: »Liebe Jill, würden Sie wohl bitte den Brief betreffend Mister Formann hereinbringen?«
»Gerne, Senator«, kam Jills Stimme aus dem Lautsprecher. Sanft und ruhig. So erschien sie gleich darauf auch in persona. Sie legte Connelly ein getipptes Schreiben auf den Tisch. Neben das zierliche Modell eines Do-Raketenwerfers. Und sah dabei lächelnd zu Jakob herab, wobei sie ihm einen Zettel in die Hand gleiten ließ. Der Senator las stehend, was er diktiert hatte. (Er stand die ganze Zeit.)
Jakob entfaltete vorsichtig den Zettel und las: ›Heute abend um 8 Uhr wieder bei mir?‹
Er nickte.
In Jills Gesicht ging die Sonne auf.
Der Senator strahlte Jill an.
»Ich danke Ihnen, liebe Jill. Das haben Sie wunderbar getippt.«
»Danke, Senator.« Jills Hüfte streifte Jakobs Schulter, als sie hinausging. So ist es schön, dachte Jakob. Er sah gerne glückliche Menschen.
Der Senator nahm stehend einen besonders schönen Plastic-Kugelschreiber zur Hand, um seine Unterschrift auf dem Brief anzubringen. Der Stift lag ihm schräg in der Hand. Jakob blinzelte. In dieser Lage sah man auf dem Schaft ein nacktes Mädchen – in Farben! Der Senator stellte den Stift gerade – das Mädchen war verschwunden.
»Toll«, sagte Jakob.
»Was? Ach so, das kleine Spielzeug hier! Ja, das ist schon komisch, hahaha! Wollen Sie mal …?«
Jakob wollte mal.
Er bekam den Kugelschreiber und kippte ihn immer wieder. Immer wieder tauchte die Nackte auf und verschwand.
»Ach, das bringt mich auf eine Idee, Senator …«
»Ja?« Connelly überschlug sich vor Herzlichkeit. »Was für eine Idee, lieber Mister Formann?«
»Ich … äh … ich bin auch hier, um Lizenzen für die Fabrikation von Plastics zu kaufen. Das ist ja eine Riesenindustrie bei Ihnen, habe ich gehört.«
»Stimmt.«
»In Deutschland gibt’s das überhaupt noch nicht …« (Hier irrte Jakob. Auch in Deutschland gab es Plastics – schon seit langer Zeit. Es war Jakob indessen nie aufgefallen, daß zum Beispiel die Gehäuse der ›Volksempfänger‹-Radios, die der ›geliebte Führer‹ dem deutschen Volke beschert hatte, aus Plastic gewesen waren – nur hieß das in Deutschland ›Kunststoff‹. Und Deutschland hinkte in Sachen ›Kunststoff‹ ganz erheblich hinterher.) »Das ist eine hochinteressante Sache und …«
»Warten Sie!« Der Senator wollte sich setzen, schnellte aber mit einem Wehlaut wieder empor. (Junge, muß Jill den bearbeitet haben, dachte Jakob und drückte herzlich die alte Hasenpfote.) »Da kann ich Ihnen weiterhelfen! Ich bin bestens befreundet mit dem Boß eines der größten Plastic-Konzerne in den Staaten. Rufe ihn gleich mal an …«
»Wirklich, Sie machen sich zuviel Mühe, Senator!«
»Mühe? Es ist mir doch eine Freude!« Connelly stand über die Telefon-Sprechanlage gebeugt und flötete: »Ach, liebe Jill, verbinden Sie mich doch mit Boston. Donald … ja, sehr richtig, Donald Atkinson! Ich danke Ihnen, liebe Jill!«
Drei Minuten später war das Gespräch da. Der Senator führte es im Stehen. Ab und zu massierte er mit seiner freien Hand den Rücken dabei. (Der muß auch hübsch aussehen, dachte Jakob.) Es war ein überaus freundschaftliches Gespräch …
»… Jakob Formann! Österreicher! Großartiger Mann, ganz hervorragend … Werdet euch glänzend verstehen … Hat hier noch so zwei Wochen zu tun … Was? … Geschäfte mit dem Pentagon! … Ich sage dir ja, ein toller Kerl!« Connelly blinzelte Jakob zu. »… Riesenauftrag, ja! … Muß noch verhandeln … Aber dann kann er zu dir nach Boston kommen … Wie? … Weiß ich nicht … Lizenzen für die verschiedensten Arten von Plastics! Du wirst was … wie? … Ach so, sehr gut, du wirst ihm deine Werke zeigen … Auf diese Weise sieht er halb Amerika, hahaha! Zwanzig Staaten und … Ja … Nein … Ja … Das wäre natürlich äußerst nützlich … einen Experten! Einen erstklassigen Experten, der mit meinem Freund Formann zurück nach Europa fliegt und das ganze Know-how mitbringt! Prima, Don, prima … Bitte? … Nein, da kannst du ganz beruhigt sein! Für den Mann bürge ich! Der ist okay! Hat tadellose Bankverbindungen. Und verdient ja mehr als genug, wenn er vom Pentagon den Riesenauftrag bekommt. Großer Mann in Deutschland! Übrigens, das ist doch klar, Don, alter Junge: zwanzig Prozent für mich! … Na, ich bringe dir doch diesen Mann! Dieses Geschäft! … Zehn Prozent? Kommt nicht in Frage! Dann schicke ich meinen Freund woanders hin … Wie? Also meinetwegen, fünfzehn Prozent für mich. Okay, Don, okay! Nichts zu danken …«
90
In Amerika gibt es viele vornehme und feine Städte.
Die vornehmste und feinste Stadt Amerikas heißt Boston, sagen die Bewohner von Boston. So was von vornehm und fein gibt es nur einmal!
Am 20. September 1948, abends, traf Jakob Formann, mit dem Flugzeug aus Washington kommend, hier ein. Alle Menschen in Boston sind fein und vornehm.
Jakob war vergnügt und munter. Er hatte einen Riesenauftrag des Pentagon in der Tasche und köstliche Wochen mit Jill Bennett hinter sich. (Jills Frustrationssyndrom war von Jakob völlig zum Verschwinden gebracht worden.)
Natürlich wohnte er im RITZ, dem vornehmsten, feinsten und altehrwürdigsten Hotel von Boston. Die feinen, vornehmen und altehrwürdigen Herren an der Reception und in der Portierloge empfingen ihn hochachtungsvoll. Er hatte reserviert und wurde also erwartet. Der vornehmste und feinste Bostoner Portier sagte zu ihm in dem mit Recht bestaunten feinen und vornehmen Bostoner Englisch: »Wir haben seit Stunden ein Gespräch für Sie, Sir. Der Herr ruft immer wieder an. Wir sind auch im Besitz seiner Nummer. Sie möchten sich bitte sofort bei ihm melden.«
»Was für ein Herr?« fragte Jakob.
»Ein gewisser Jesus Washington Meyer aus Tuscaloosa in Alabama, Sir.«
»Jesus!« Schon rannte Jakob zum Lift. »Verbinden Sie mich in zwei Minuten, wenn ich auf meinem Zimmer bin!«
»Sehr wohl, Sir«, sagte der Portier. Er war erstaunt und ein wenig indigniert. Im RITZ wird niemals gerannt.
Fünf Minuten später – Jakob hatte gerade die Jacke ausgezogen und die Krawatte abgenommen – klingelte der Apparat neben seinem Bett. Er riß den Hörer ans Ohr.
»Hallo, Jesus!« schrie er begeistert und auf Englisch.
»Grüß Gott, Jakob«, sagte eine Männerstimme, deutsch mit stark österreichischem Akzent. Jakobs Hand begann zu zittern. Um ein Haar wäre ihm der Hörer entglitten. »Endlich bist da, Burschi. Was ich mich freu’, daß ich deine Stimme hör’!«
»Je … je … Wer sind Sie?«
»Na, der Jesus, Burschi.«
»Du … Sie … Sie sind nicht Jesus! Sie können es nicht sein!«
»Kloa kann ich’s sein. Kloa bin ich’s. Was hast denn?«
»Jesus Washington Meyer?«
»Sag’ i doch!«
»Aus Tus … Tus … Tuscaloosa, Alabama?«
»Sag amal, bist du deppert, Burschi?«
Na also, dachte Jakob, es geht los. Es ist soweit. Ich bin reif für die Klapsmühle. Zuviel Arbeit. Zuviel Liebe. Zuviel Streß. Jetzt hat’s mich erwischt.
»Wa … Wa … Waren Sie im Krieg Soldat?«
»Nona!«
»In … in Wien … bei der MP?«
»Zuerst in Wean und nachher in Linz, na, in Hörsching, dem Drecksnest, wo der Fliegerhorst war. Hearst, was ist denn los mit dir? Bist du bsoffn?«