»Tot … tot … tot …«
»Was?«
»Total nüchtern.«
»Des glaub’ i dia net.«
Herrgott, hilf! Ich bin verrückt geworden, dachte Jakob verzweifelt.
»Du hast doch mit mir z’samm’ gearbeitet, Burschi! Weißt es nimmer? Die Gschicht mit dem depperten Colonel Hobson und unsere Eia?«
»Eier? Ich habe in meinem Leben nur mit einem Jesus Eier geklaut!«
»Endlich …«
»Nichts endlich! Das war ein Schwarzer!«
»I bin noch imma a Schwarzer!«
»Der kein Wort Deutsch verstanden hat!«
»Na, jetzt versteh’ i halt Deitsch!«
Jakob brüllte los: »Wer macht sich da einen schlechten Witz mit mir? Antworten Sie! Los, antworten Sie!«
Aus dem Hörer kam eine sanfte Stimme: »Mei Hasenpfote hat dir aba Glück gebracht, Jakob!«
»Jesus!« schrie Jakob. »Du mußt Jesus Washington Meyer sein! Kein anderer Mensch hat mir eine Hasenpfote geschenkt!«
»Nur i!«
»Nur du! Aber wieso sprichst du so österreichisch?«
Tiefes Lachen. Dann: »I hab’ mir denkt, ich mach’ dir a Freud damit. I hab’ nämlich eine Linzerin mitgenommen nach Haus. Geheiratet noch in Linz. Die Fanny.«
»Die Fanny …«, wiederholte Jakob blödsinnig.
»Ein süßes Madl! Die beste Frau von der Welt!«
»Wie … Wieso weißt du, daß ich in Boston bin? Und in diesem Hotel?«
»Napoleon.«
»Was?«
»Napoleon is ana von de Wagenmeister im ›Ritz‹. Der hat g’hört, daß du reserviert hast. I hab’ eahm von dir erzählt. Wie die ganze Familie hier bei uns z’sammg’sessen ist, nach meina Heimkehr. I hab’ dir doch immer g’sagt, wir san a sehr a große Familie, net?«
»Ja …«
»Der Napoleon, des is a Vetter von mir.«
»Aha.«
»Also, wann kummst zu mir?«
»Vorläufig habe ich noch dringend hier zu tun, Jesus. Plastics. Lizenzen kaufen. Ein paar Wochen. Vielleicht drei, vier … aber dann sofort!« Jakob richtete sich auf, wieder der alte Jakob. »Es wird Arbeit geben, wenn ich komme, Jesus.«
»Für wen?«
»Du kannst es noch nicht wissen«, sagte Jakob. »Seit zwei Minuten bist du mein Generalbevollmächtigter für die Vereinigten Staaten.«
91
»Bevollmächtigter für was?« fragte Jesus Washington Meyer. Das war am Nachmittag des 26. Oktober 1948. Bis Birmingham, Alabama, war Jakob geflogen, dann hatte er einen Leihwagen genommen. Einundzwanzig Lizenzen von ›Atkinson’s Plastics‹ trug Jakob in seinem Diplomatenkoffer.
»Bevollmächtigter, Punkt«, sagte Jakob zu Jesus. »Zuerst einmal dem Pentagon gegenüber für Fertigbauhäuser nach deutschem Patent, aber sei sicher, da kommt noch ein Haufen dazu! Ich hab’ gerade erst angefangen. Ich brauche noch mehr Leute. Wo sind eigentlich Mojshe und Misaras?«
Jesus schüttelte betrübt den Kopf. »Ich bin zuerst aus der Army entlassen worden. Danach ist jede Verbindung abgerissen. Weiß Gott, wo die beiden stecken.«
Sie sprachen englisch miteinander. Zur Begrüßung hatte der baumlange Neger noch österreichisch gealbert. Auf die Dauer ging das nicht. Es wurde ihm zu anstrengend. (Von der Begrüßung am Telefon hatte er das meiste mit Hilfe seiner blonden jungen Frau, der Fanny, auswendig gelernt, um Jakob zu erschrecken, freudig zu erschrecken, versteht sich.)
Die Fanny war dem Jakob sogleich sympathisch gewesen und er ihr. Im übrigen hatten ihn außerdem an die zwanzig Familienangehörige (längst nicht alle, nur jene, die gerade in Tuscaloosa waren!) empfangen wie einen uralten Freund. Sie alle wußten von Jesus, wer Jakob war.
Jakob schwitzte. Hier unten war es mächtig heiß. Die ›Main Street‹ – Sechste Straße hieß sie – sah aus wie alle Hauptstraßen in den kleinen Städten des Südens. Ein- und zweistöckige Häuser, Ziegelbauten der Hotels. Tankstellen. Modegeschäfte. Warenhäuser, Bars, Restaurants. Das Bürgermeisteramt, das Polizeigebäude. Als Jakob in Tuscaloosa einfuhr, hatte er einen Schrecken bekommen.
Jesus wohnte außerhalb der Stadt, in einem geräumigen Haus. Er hatte erstaunlich viel Grundbesitz. Und den größten Hof weit und breit. Auf den Feldern sah Jakob durch die Fenster des Wohnzimmers Menschen arbeiten, gebückt, langsam, in der brütenden Hitze.
»Du mußt raus hier, Jesus!« An der Decke des Zimmers kreiste surrend ein Ventilator.
»Raus, wohin?«
»Nach Norden! In eine Großstadt! Hier, das ist doch …«
»Was?«
»Nichts …« Jakob schämte sich.
»Dreck und Armut meinst du, wie?« Jesus sah ihn an.
Jakob nickte.
»Eben der Arsch der Welt. Weißt du, wie viele Hunderttausende in Wellblechhütten oder überhaupt im Freien leben von uns Negern? Mann, wenn irgendwo Fertighäuser gebraucht werden, dann hier!«
»Ja«, sagte Jakob. »Da ist was dran. Überhaupt der ganze Süden.«
»Siehst du! Natürlich müßte ich Büros in einer großen Stadt mieten, das sehe ich ein.«
»Es geht nicht um die Büros«, sagte Jakob leise. »Ich habe Angst! Ich habe in meinem Leben noch nicht solche Angst gehabt! Um euch Schwarze!«
»Unsinn! Die Weißen sind … na ja, manche natürlich nicht … aber die meisten sind sehr nett zu uns! Und mir hat noch keiner was getan! Ich habe weiße Freunde und eine weiße Frau.« Jesus lachte.
»Was ist so komisch?«
»Meine weiße Frau.« Jesus hörte auf zu lachen. »Es ist schon eine Schande, was mit uns Negern geschieht, da hast du recht! Die ›Segregation‹ – also die Absonderung der Weißen von den Schwarzen –, hier ist sie komplett! Warum ich gelacht habe? Paß auf: Fanny und ich haben doch noch in Linz geheiratet, nicht?«
»Ja und?«
»Und als ich dann mit ihr hierherkam, haben sie mir sofort erklärt, daß die Heirat ungültig ist.«
»Ungültig?«
»Ja! Im Staat Alabama gibt es ein Gesetz, das eine Ehe zwischen Schwarzen und Weißen verbietet. Natürlich gilt das Gesetz grundsätzlich für weiße Männer und schwarze Mädchen! In meinem Fall war’s umgekehrt! Mensch, Jake, ich habe vielleicht einen Wirbel gemacht! Gut genug für die Invasion war ich, gut genug für den ganzen Scheißkrieg! Und dann darf ich nicht mit einer Weißen verheiratet sein? Bis zum Obersten Bundesgerichtshof bin ich gegangen! Dort habe ich die Anerkennung meiner Ehe mit Fanny dann endlich durchgesetzt!«
»Ich finde das gar nicht lustig, Jesus.«
»Aber ich habe die Anerkennung erhalten, Jake! Glaub’ bloß nicht, daß das so bleiben wird, wie es jetzt ist.«
»Das glaube ich ja nicht. Es wird schlimmer werden«, sagte Jakob.
»Schlimmer?« Jesus lachte wieder. »Besser! Nach der Wahl im nächsten Monat wirst du staunen! Und überhaupt! Wie viele Neger werden von den Weißen vergöttert? Duke Ellington! Lena Horne, die Schauspielerin und Sängerin! Paul Robeson, auch ein Schauspieler! Joe Louis! Doktor Drew, der große Mediziner!«
»Das sind nicht sehr viele, Jesus!«
»Ich kann dir noch ein paar Dutzend andere nennen!«
»Ein paar Dutzend andere sind auch noch nicht sehr viel, Jesus.« Jakob faßte seinen Freund bei der Hand. »Paß auf, mein Alter. Ich bin über den Highway elf hergekommen. Bei der Ortseinfahrt habe ich die vielen Tafeln und Schilder gesehen. Die sieht man überall, ich weiß. Immer heißt es ›Welcome to‹ oder ›Home of‹. Jede Stadt in Amerika ist das ›Heim‹ von irgend etwas. Von Käse. Von Wurst. Von einer Automarke. Einem bestimmten Whiskey. Das meine ich nicht. Eine Tafel habe ich gelesen, Jesus, eine Tafel, bei der hat mir der Atem gestockt. Es war ein großes Ding, und darauf gemalt war ein vermummter Reiter in Weiß, und darüber hat gestanden: ›Welcome to Tuscaloosa, Home of the Ku-Klux-Klan!‹ Der Ku-Klux-Klan hat hier sein Hauptquartier, Jesus! Und das weißt du doch, Mensch! Und du bist doch ein Schwarzer! Ich flehe dich an, verkauf alles und geh nach Norden, bevor es zu spät ist!«
Jesus schüttelte den Kopf. »Dir sitzen noch die Nazis in den Knochen, Jake. Ku-Klux-Klan. Na schön. Aber es gibt auch noch die Polizei und die National Guard und Washington und Gesetze, und ich sage dir, wenn die Wahlen erst vorbei sind, wenn Dewey erst gewonnen hat, dann ist hier Schluß mit dem Ku-Klux-Klan! Dewey räumt auf! Der läßt den Ku-Klux-Klan niemals zu!«