Выбрать главу

»Und wer sagt dir, daß Dewey gewinnt?«

»Jeder, mit dem du sprichst, Jake! Das ist sicher. Absolut sicher! Mit Truman ist es aus. Alle großen Meinungsforscher sagen das. Das Gallup-Institut! Kommentatoren von Walter Lippmann bis Dorothy Thompson! Der Sieger heißt Dewey! Du kannst darauf wetten! Und wenn erst Dewey da ist, dann wird hier alles genauso wie im Norden, dann gibt es keine Rassendiskriminierung mehr, keinen Ku-Klux-Klan! Und wegen der paar Tage soll ich noch daran denken, wegzuziehen?«

»Tja, wenn ihr so an Dewey glaubt …«

»Er hat ein Herz für die Schwarzen. Er haßt jede Ungerechtigkeit.«

»Woher weißt du das?«

»Das sagt er jeden Tag, und jeden Tag hält er zehn Reden! Die beiden reisen durchs Land, weißt du, der Truman und der Dewey, seit über einem Monat. Ich vertraue Dewey. Wir alle hier vertrauen Dewey!«

Jakob gab es auf.

»Ja dann … Was hast du vorhin gesagt?« In seinem Kopf arbeitete es schon wieder. »Man kann darauf wetten?«

»In diesem Land kannst du auf alles wetten, Jake! Auf Truman wetten ist reiner Wahnsinn. Auf Dewey mußt du schon sehr hoch setzen, denn die Quoten werden niedrig sein. Das heißt: Ich müßte für dich setzen! Weil ich Amerikaner bin. Du darfst nicht. Ich müßte mit dir zu einem Buchmacher nach Phoenix fahren. Da kriegst du ein Formular und füllst es aus, und es wird verschlossen, und mein Name mit meiner Adresse kommt drauf, ich kriege den Kontrollschein, und du zahlst das Geld ein. Du kommst doch jetzt bestimmt bald wieder in die Staaten …«

»Da kannst du Gift drauf nehmen, Jesus.«

»… und dann habe ich das Geld schon für dich! Wie gesagt aber: Bei einem so sicheren Sieg von Dewey mußt du schon was ausspucken, damit bei der niederen Quote überhaupt noch was rauskommt!«

92

In der Nacht des 2. zum 3. November 1948 flog Jakob vom ›La Guardia‹-Flughafen in New York zurück nach Frankfurt. Mit ihm flog des Plastic-Experte von ›Atkinson’s Plastics‹, Dr. Addams Jones, ein smarter, gutaussehender junger Herr. Er stand nun bei Jakob unter Vertrag.

Zwischen Gander und Shannon kam der Copilot aus dem Cockpit und sagte etwas zu einem Mann, der in der ersten Reihe saß. Der sagte es seinem Nachbarn. Der Nachbar sagte es der Dame, die hinter ihm saß. In drei Minuten wußte das ganze Flugzeug Bescheid. Angenehm warm fühlte Jakob sich – wie stets in solchen Situationen. Die Piloten hatten über Funk Nachricht vom Ausgang der amerikanischen Wahlen erhalten. Der war eine einzige Sensation! Die Passagiere betrugen sich wie irre. Nur Jakob nicht. Jakob saß ganz still und summte ein kleines Liedchen vor sich hin. Entgegen den Voraussagen aller Meinungsforschungsinstitute, entgegen den Prognosen der berühmtesten politischen Kommentatoren war nicht Dewey Sieger der Wahl – sondern Harry S. Truman!

Na ja, dachte Jakob, so ein kleiner Tritt in den Hintern war bei mir eigentlich schon überfällig. Schade um das viele schöne Geld, das ich auf Dewey gesetzt habe. Jesus kann was erleben, wenn ich ihn nächstes Mal sehe! Als sie dann auf dem Rhein-Main-Flughafen landeten, hörten alle eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern: »Herr Jakob Formann … Herr Jakob Formann … soeben gelandet mit PAN AMERICAN AIRWAYS aus New York … Bitte, kommen Sie zum Informationsschalter! Wir haben eine Nachricht für Sie! Herr Jakob Formann aus New York, bitte …«

»Warten Sie einen Moment«, sagte Jakob zu seinem Experten. Übernächtigt, unrasiert und mit schmerzenden Knochen ging er zum Informationsschalter. Das wird Jesus sein, dachte er. Hat mir vermutlich ein Telegramm geschickt. Entschuldigt sich.

Eine Blondine lächelte ihm entgegen. »Herr Jakob Formann?«

»Ja.«

»Wir haben ein Telegramm für Sie.«

»Ich weiß. Danke.« Jakob nahm den Unschlag und riß ihn auf, zog das Telegramm heraus und las. Danach mußte er sich ganz schnell auf eine Bank setzen, sonst wäre er umgefallen. Der Text des Telegramms lautete:

x lieber jakob du gluecklicher hund stop du musst besoffen oder verrueckt gewesen sein als du in phoenix den wettschein ausgefuellt hast stop hast versehentlich auf truman gewettet stop gewinn von dollar 234 587 wiederhole 234 587 dollar liegt bei mir zu deiner verfuegung stop gott segne dich jesus x

93

x 3. nov. 1948 x 20.41 x jesus washington meyer sixth street tuscaloosa state of alabama usa x hebe geld fuer mich auf und ueberweise sofort dollar 50 000 an miss jill bennett 126 huston street washington besten dank und herzliche gruesse stop dein lieber freund jake x

94

»E … E … Es ist so we … weit … Zwölfter Mai neunzehnhundertneunundvierzig … Nu … null Uhr eins … D … Der Schlagbaum hebt sich hier am Kontrollpunkt Helmstedt … D … Die Blockade ist zu Ende … B … Be … Berlin ist kei … keine Insel mehr …«

Der Mann, der diese Worte, langsam und stotternd, keineswegs lallend, obwohl seit Stunden trinkend, in ein Handmikrofon sprach, war Klaus Mario Schreiber. Seine Akne blühte, daß es eine Freude war! Das Mikrofon war verbunden mit einem Tonbandkoffer, der sich auf dem Wagenboden eines brandneuen Porsche hinter den Vordersitzen befand. Die Spulen des Apparates drehten sich langsam, grün glühte das magische Auge des batteriegespeisten Magnetofons, das ebenfalls brandneu war und lächerliche zweiundzwanzig Kilogramm wog.

»…so also sieht das E … Ende aus«, sprach Schreiber. »Und so der A … Anfang! Keine Fa … Fackelzüge vermutlich in Berlin, kein Freudengeheul! Ein Knipsen am Schalter nach zehn Mo … Monaten Finsternis – und es wird Licht! … Verflucht, Chef, fa … fahren Sie nicht so nervös! Jetzt ha … habe ich mir das Hemd mit Whi … Whisky versau … saut! … Fliedersträuße … Fliedersträuße fliegen in die Wagen, die sich vom We … Westen aus nach Berlin auf den We … Weg machen … OKAY ist na … natürlich dabei …«

Jakob Formann, neben Schreiber am Steuer des Porsche, spuckte fluchend Fliederblüten aus, während er sich mühte, im Feuer von blitzenden Fotografen und gleißenden Scheinwerfern der Wochenschauleute in keinen anderen Wagen hineinzufahren und gleichzeitig zu verhindern, daß ein anderer Wagen in ihn hineinfuhr.

Klaus Mario Schreiber nahm abermals einen kräftigen Schluck, bevor er Stichworte für seinen großen Bericht über das Ende der Blockade in das Mikrofon sprach: »… viele Hu … Hunderte von Journalisten aus der ga … ganzen Welt … Funkreporter … alliierte Offiziere … Neugierige … Der Schla … lagbaum … wir fahren unter ihm durch … Ha … Haben wir noch eine P … Pulle Whisky? Go … Gott sei Dank. Die ist fast leer. Und wir haben noch ein ordentliches Stück Weg vo … vor uns … Wir fahren … fahren … Fi … Finsternis … Wald … Zwei Kilometer Niemandsland … Jetzt ha … haben wir den sowjetischen Kontrollpunkt erreicht … Nur schwach beleuchtet … Ein paar sowjetische Offiziere, ein paar Volkspolizisten, sehr höflich, aber reserviert … K … Kein … Publikum … Kei … Keine Freudenstimmung … M … Moment, ich steige aus … Sinnlos … bi … bin schon wieder im Wagen … In den Ko … Kontrollräumen der drei W … Westmächte und der Polizei gibt es nur vier Telefone … Die Journalisten, die ihren Bericht du … durchte … telefonieren wollen, p … prügeln sich … Die Schlagbäume hier sind geöffnet … Wir fahren in die Zo … Zone … Na … Nacht und Finsternis hüllen uns ein … Prima Wa … Wagen, Chef! Das ha … haben wir fein gemacht …!«

1949 – BRD und DDR

4. April: Nordatlantikpakt (NATO) (Bundesrepublik tritt 1955 bei).

5. Mai: Europarat in Straßburg gegründet (Bundesrepublik tritt 1951 bei).

8. Mai: Der Parlamentarische Rat nimmt das (vorläufige) Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (BR) an.