»Aber … Schau mich nicht so bös an, Franzl … Aber ist das nicht sehr unsozial?«
»Unsozial? Inwiefern?«
»Na ja, ich meine: Ich, ich habe zufällig Werke und Sachkapital. Die meisten Menschen haben das nicht. Die kriegen keine Steuervergünstigungen, die armen Hunde …«
»Verflucht«, schrie Franzl, »mach’ mich nicht wahnsinnig! Die armen Hunde müssen in Unternehmen arbeiten, nicht wahr? Dazu müssen aber erst Unternehmen dasein, nicht wahr? Dazu mußt du sie erst bauen, nicht wahr?«
»Ja, wenn man es so sieht«, murmelte Jakob.
»Besonders beliebt ist die Methode, weil bei den Abschreibungen – im Gegensatz zum Beispiel dazu, wenn man dich subventionieren würde – verborgen bleibt, welche Summen du für dich behältst!«
Der Franzl, dachte Jakob, über die nächtliche Autobahn Berlin entgegenrasend, träumerisch. Ach ja, der Franzl …
Das war vielleicht ein Trick!
So hat er funktioniert: Bei der Ermittlung des Jahresgewinns darf ich als Unternehmer und Besitzer einer Fabrik auch die zum Teil ›unsichtbaren‹ Kosten berücksichtigen. Also zum Beispiel Wertminderung und Verschleiß der Anlagen, die ich zur Produktion brauche. Das ist noch verständlich. Da man diese Wertminderung von der Steuer her aber niemals einschätzen kann, tut es die liebe Steuer auch nicht, sondern überläßt das mir, dem Besitzer! Und erkennt die Summen, die ich nenne – ohne Widerspruch an! Was war das? Einen Hasen überfahren werde ich haben. (Gott, mein geliebter Hase, meine über alles geliebte Julia in Theresienkron! Noch immer war ich nicht bei ihr! Die Geschäfte fressen mich auf. Jetzt, gleich wenn Berlin vorbei ist, fahre ich aber zu Julia. Bestimmt!) Wo war ich? Ach ja: ohne Widerspruch! Ich kann also meine Abschreibungen in irrsinnige Höhen treiben, und der Staat sagt kein Wort dazu. Das heißt: einen einigermaßen richtigen Staat, eine einigermaßen richtige Regierung haben wir ja überhaupt bloß in den Ländern. Im Freistaat Bayern. In Niedersachsen. In Württemberg-Hohenzollern. In Württemberg-Baden, und in Baden ohne Württemberg auch noch. Und dann haben wir noch einen ›Parlamentarischen Rat‹. In Bonn. Der soll eine neue Verfassung machen. Und die Staaten in den Ländern haben Regierungen. Und die Regierungen haben Kindermädchen. Das sind die Westalliierten. Die passen schön auf.
Immerhin: Arbeiten tun die Regierungen in den Ländern schon. Besonders auf den Gebieten, die mich interessieren. Auf dem Gebiet der Steuer zum Beispiel …
Ach, glorreicher, wunderbarer Franzl!
Ich habe also meine Abschreibungen abgesetzt in einer Höhe, die fast bis zum Himmel gereicht hat – und das Finanzamt hat keinen Mucks gemacht. Nicht einen einzigen! Dadurch war mein angeblicher ›Gewinn‹ sehr, sehr klein geworden. Obwohl er irrsinnig hoch war! Und nur für den klitzekleinen ›Gewinn‹ habe ich Steuern zahlen müssen …
Na, und so ist mir mein Geld geblieben, und ich habe damit die neuen Werke aufbauen können. Verdient habe ich daran, daß ich angeblich verloren habe. Meine Eierfarmen und Fertighausfabriken werden mir schon im ersten kompletten Steuerjahr, weil sie Sachkapital sind, mehr als eine Viertelmillion D-Mark einbringen. Dazu habe ich die Preise erhöht! Noch mehr Geld! Also, ich darf mich wirklich nicht beklagen. Das kann doch eben nicht schon der zweite Hase gewesen sein!
Unsinn, diese Autobahn ist kaputt, aber mächtig. Schlagloch nach Schlagloch. Und ich immer feste rein. Krach! Hoffentlich hält der Porsche das alles aus. Mein Porsche. Der erste Porsche, den es überhaupt gibt in Deutschland. Klar, daß ich den haben mußte! War ganz einfach, ihn zu kriegen. Das Volkswagenwerk hat wieder zu produzieren begonnen. Und dann hat der Porsche angefangen. Na ja, und wir haben schon eine ›Auto-Test‹-Seite in OKAY. Schreibt natürlich auch der Schreiber. Es gibt doch nichts, was der nicht schreibt, der alte Säufer, Gott erhalte ihm seine Leber. Jetzt, wo das Geld was wert ist, sind die Menschen anders geworden. Sie achten auf ihr gutes Geld. ›Marktbewußt‹ heißt das Wort. Marktbewußter sind alle geworden. Das habe ich den Herren von Porsche auch gesagt. Und das mit unserem ›Autotest‹ – und im Handumdrehen hatte ich meinen Porsche. Der Test ist aber auch ausgezeichnet ausgefallen …
96
»Was ist los?« Jakob fuhr aus tiefen Träumereien auf.
»Berlin, Che … Chef«, sagte Schreiber.
»Tatsächlich? Das ging aber schnell … Mensch, wird das hell da vorne beim Kontrollpunkt!« rief Jakob. »Langsam … Ich muß doch sehen, ob der Senkmann schon … Gott sei Dank, ja! Schauen Sie sich an, was sich da tut, Schreiber!«
Der sprach in sein Handmikrofon: »Tau … Tausende von Berlinern … La … Lachen … Winken … Ein Wa … Wagen nach dem andern p … passiert die Sperren, die alle geöffnet sind … Wir … eh … Moment … wir werden gerade von hü … hübschen Mädchen geküßt, die die K … Köpfe in die Wagenfenster stecken … Wieder F … Flieder … Kla … klarer Himmel … Schon hell … Auf der Gegenbahn sehe ich einen Interzo … zonenbus … Zum erstenmal nach zehn Mo … Monaten fährt er wieder in den We … Westen … Da … Darf er wieder fahren. An den K … Kühler geheftet ein Schild, da … darauf steht … steht … ›HURRA, WIR LEBEN NOCH!‹; steht darauf … und da … daneben … ich kann nicht … ka … kann nicht … Zwei Mädchen knu … knutschen … m … mich ab … Da … Das wird ein Tag werden heute, Allmächtiger …«
Vor dem Schöneberger Rathaus feierten sie dann alle: die Militärgouverneure, die Kommandeure der amerikanischen, britischen, französischen Truppenteile, die Delegation des Bonner ›Parlamentarischen Rates‹. Schreiber kam nicht einmal richtig zum Saufen, soviel hatte er zu tun. Und Senkmann wurden die Kameras heiß. Weiter ging’s drinnen im festlich geschmückten Saal des Stadtparlaments. Hier dankte das offizielle Berlin dem in wenigen Tagen scheidenden General Clay, dem Schöpfer der ›Luftbrücke‹.
Dann wurden wieder Reden gehalten – drinnen. Draußen standen Tausende von Berlinern und vernahmen, über Lautsprecher, gerührt und verlegen, das Lob, das man ihnen allen spendete.
Festessen. Weitere Toasts.
Am Nachmittag verstopften Hunderttausende dann die Straßen rings um das Schöneberger Rathaus. Viele waren auf Bäume und Dächer geklettert, um die Männer zu sehen, die zu ihnen sprachen, zum Beispiel Konrad Adenauer und Carlo Schmid.
Die Berliner hörten den Herren aus dem Westen geduldig zu. Aber dann riefen sie nach ihrem geliebten ›Lieschen‹, der zierlichen Louise Schröder, die als amtierende Oberbürgermeisterin während der Blockade das Herz und das Rückgrat dieser Stadt gewesen war. Und alle jubelten, als ihr ›Lieschen‹ endlich auf den Balkon des Rathauses trat, klein und sehr verlegen …
Und wiederum Toasts! Und Abendessen! Mit noch mehr Toasts! Gegen 22 Uhr konnte Jakob nicht mehr. Er, der in täglichen Freiübungen Gestählte, der nicht zu Besiegende, der allem und jedem Gewachsene, hatte nur noch einen Wunsch: im Bett seines Hotels zu liegen. Er verdrückte sich heimlich, niemand bemerkte es.
Jakob suchte und fand seinen brandneuen Porsche. Jakob kletterte – mühsam – hinter das Steuer. Jakob fuhr, reichlich abenteuerlich, los. Er hatte sich den Weg zum Hotel genau gemerkt. Da kann gar nichts passieren, dachte er, schwer alkoholisiert. Ich finde wieder zurück, klar finde ich.
Nachdem er das eine Stunde lang gedacht und immer wieder neue Straßenecken umkurvt und Kreuzungen überquert hatte, wurde er nachdenklich. So weit ist das doch nicht gewesen? Und die Gegend kommt mir vollkommen fremd vor! Was ist das für ein Tor, durch das ich fahre? Was ist das für eine Riesenstraße? Vielleicht ist es doch besser, ich drehe wieder um …
Bevor es dazu kam, erklang eine Sirene. Jakob stoppte und sah in den Rückspiegel. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern kam ihm ein Streifenwagen nachgeschossen. Na schön, dachte Jakob. Mit kreischenden Pneus hielt der Wagen neben seinem. Zwei Volkspolizisten sprangen heraus. Noch schöner, dachte Jakob.