Beide Vopos begannen sofort, ihn anzuschnauzen. Sächsisch. Schöner geht’s nicht, dachte Jakob.
»Steichen Se aus!«
Er stieg aus und schwankte.
»Se sinn ja bedrunken!«
»Tat … tatsächlich, meine Herren?«
»Bedrunken am Steuer! Was is das für ’ne Audonummer?«
»B – 427 654. München.«
»Se gomm’ aus dr Ameriganischen Zone?«
»Wenn Sie gestatten.«
»Mann, wissen Se denn nich, wo Se sinn?«
»Leider nicht. Wo bin ich denn?«
»Dief im Demogradschen Segdor!«
»Aha. Vielleicht können Sie mir erklären, wie ich zurückfinde. Ich weiß es nämlich nicht. Ich habe mich verfahren.«
»Das kann jeder sachen! Wer sinn Sie eechentlich? Zeichen Se mal Ihre Babiere.«
Jakob zeigte sie.
Die beiden Vopos studierten sie im Schein einer Taschenlampe lange und verblüfft. Dann flüsterten sie miteinander.
Dann sagte der eine: »Sie heeßen Jagob Formann?«
»Steht in den Papieren, glaube ich.«
»Nicht frech wärn, gelle? Formann … Formann …« Der zweite Vopo holte ein Fahndungsbuch aus dem Streifenwagen und begann zu blättern.
Ich habe eine dramatische Beziehung zu Alkohol, dachte Jakob. Und Alkohol zu mir. Hochdramatisch! Immer, wenn ich besoffen bin, passiert mir was. Manchmal was Gutes, manchmal was Schlimmes. Sehr selten was Gutes. Sehr häufig was Schlimmes. Ich bin eine tragische Gestalt, bin ich.
»Jagob Formann! Mann, Se sinn ja zur Fahndung ausgeschriem! Weechen Wirtschaftssabotaasche!« schrie der zweite Vopo. Sächsisch.
»Mhm.«
»Sonst ham Se nischt zu saachen?«
»Nein, eigentlich nichts. Vielleicht könnten die Herren freundlicherweise ein Auge zudrücken und …«
»Keen Wort weider! Se steichen zu dem Gameraden in den Streefenwaachn. Ich fahre den Borsche …«
»Aber passen Sie gut auf, der ist ganz neu, kaum eingefahren! Die Kupplung …«
»Schnauze! ’s wird Ihrm lieben Borsche schon nischt bassiern! Los, los, rin in dn Streefenwaachn! Und denken Se immer dran: Wir sind beede bewaffnet. Und iche bin dichte hintr Ihn’. Beim kleensten Fluchtversuch schieße ich. Und nich in de Luft!« sagte der erste Sachse. So etwas klingt auch sächsisch nicht komisch, fand Jakob und kletterte in den Streifenwagen.
»Wohin?« erkundigte sich dessen Fahrer bei dem Kameraden.
»Wirtschaftssabotaasche, Mensch! Sofort nach Garlshorsd zu de Sowjets! Steht im Fahndungsbuch! Also raus nach Garlshorsd mit ihm!«
»In Ordnung!«
Jakob wurde im Sitz zurückgeworfen, als der Vopo am Steuer losfuhr. Raus nach Karlshorst, dachte er idiotisch. Raus nach Karlshorst. Er dachte immer wieder dasselbe. Zwanzig Minuten lang. Karlshorst … Er konnte nichts anderes denken. Karlshorst … Mächtig warm war ihm nun wieder einmal …
Nach zwanzig Minuten waren sie dann in Karlshorst, dem Sitz der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland und Hauptquartier der Sowjetischen Streitkräfte dortselbst.
»Aussteichen!« schnauzte ihn der Vopo an, der neben ihm saß. Jakob stieg aus.
Also da wären wir wieder, dachte er, das Gebäude betrachtend, vor dem sie gehalten hatten. Hat sich nicht das geringste verändert, seit ich das letzte Mal hier war mit dem Wenzel. Hm, das ist aber wirklich unangenehm.
Das große Gebäude war angestrahlt. Schwerbewaffnete Posten öffneten und schlossen Gitter und Türen. Dann kamen Treppen. Dann Gänge. Dann wurde Jakob in ein Zimmer mit vergittertem Fenster gestoßen. Sehr kahl eingerichtet war das Zimmer.
»Hinsetzen!«
Jakob setzte sich auf einen Schemel.
Die Vopos ließen ihn allein. Die Tür hatten sie von draußen abgesperrt.
Jakob wartete etwa zehn Minuten.
Dann wurde die Tür aufgesperrt.
Einer der Vopos erschien und brüllte: »Aufstehen! Der Major kommt!«
Eiweh, dachte Jakob, wenn das der Major Assimow von damals ist! Er erhob sich, die Hose voll Mut.
Der Major trat in die Türöffnung.
Jakob schnappte nach Luft und plumpste auf seinen Hocker zurück.
»Du … du … du?« stammelte er.
»Ja, ich«, sagte der Major. Es war nicht Assimow. Er war überhaupt kein Mann. Er war eine bildschöne junge Frau. Jakob kannte ihren Namen.
Jelena Wanderowa heißt dieser Major, dachte er benommen. Als wir einander zuletzt sahen, war sie noch Sergeant. Gott, haben wir es getrieben miteinander in diesem Gefangenenlager! So was von Liebe! Jetzt ist Jelena Major geworden. Da hat sie also Karriere gemacht. Genau wie ich.
97
»Ach neiche, du Schmerzensreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not!« flehte Faustens Gretchen inbrünstig und reimgerecht. Das Gretchen trug eine Perücke aus Stroh und einen Mantel, der ihm zu klein und geliehen worden war von einer Dame, die in der ersten Reihe vor der improvisierten Freilichtbühne saß. Es handelte sich bei der Dame um den Sergeanten der Roten Armee Jelena Wanderowa, eine junge blonde Frau mit blauen Augen, die fließend Deutsch sprach. Das kam, weil sie die Tochter eines Hamburger Zimmermanns namens Wanderer war, der mit Frau und Tochter hatte fliehen müssen, als 1933 die Nazis an die Macht kamen. Wanderer war nämlich Kommunist. Die Familie flüchtete nach Moskau. Hier starben Vater und Mutter innerhalb von zwei Jahren. Jelena kam in ein Waisenheim, eine Schule, eine Hochschule, in die Rote Armee und in den Großen Krieg. Sie wurde Fahrerin und bald Geliebte des Majors Jurij Blaschenko, mit dem sie Seite an Seite gegen die Deutschen kämpfte. Seit dem 30. Mai 1945 war sie auch die Geliebte des Schützen Jakob Formann der Deutschen Wehrmacht sel. ….
Den Major liebte Jelena, weil er sich seit Jahren um sie gekümmert und immer gut zu ihr gewesen war. Den Jakob liebte Jelena aus Heimweh und anderen Gründen, die hier zu erwähnen geschmacklos wäre. Ihre wirkliche, wahre Liebe gehörte einem englischen Corporal, von dem Jakob nur wußte, daß er Harry hieß. Harry und Jelena hatten einander bei dem historischen Treffen der Alliierten an der Elbe kennengelernt und drei Tage und Nächte zusammen verbracht. Die hatten genügt. Harry war als Besatzungssoldat nach Hamburg geschickt worden, Jelena in das Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten vor der winzigen Stadt Opalenica, welche südwestlich der großen Stadt Poznan (ehem. Posen) lag. Nur etwa fünfundzwanzigtausend Gefangene saßen in diesem Lager.
Am 2. April 1945 hatte Schütze Jakob Formann sich aus der Schlacht um Berlin mit ein paar Kameraden zu den Russen ›hinübergerettet‹, wie er es nannte. Am 14. Mai war er in obenerwähntem Lager gelandet. Nun begann es sich herumzusprechen, daß alle kleineren Lager aufgelöst und ihre Insassen in große Lager weit hinten in die Sowjetunion geschafft werden sollten. Jakob wollte nicht nach weit hinten in die Sowjetunion. Er fand, daß es nun genug war. Und Jelena wollte nach Hamburg zu ihrem Harry. Obwohl doch der Major Jurij Blaschenko so gut zu ihr war. Auf die Dauer wollte Jelena, eine anständige Frau, ihren geliebten Harry nicht gleich mit zwei anderen Männern betrügen.
»… das Schwert im Herzen, mit tausend Schmerzen, blickst auf zu deines Sohnes Tod!« sprach Gretchen Formann voll tiefem Gefühl. Das Publikum – russische Offiziere, Jelena und Wachmannschaften – verstand kein Wort und war schon ganz schwach vor Lachen. Die lachen sich noch kaputt über den ›Faust‹, dachte Jakob. Klar. Die müssen das für ›Charleys Tante‹ halten. Wenn sie lachen, steigen ihnen allen Atemwolken aus den Mündern, ich kann es sehen. Wir haben Anfang November, und es ist immerhin schon saukalt.
Gott, die brüllen ja vor Lachen! Nach jedem Satz, dachte Jakob, und zog die Perücke fest, die ins Rutschen geraten war. Aber es ist ja auch komisch. Wahnsinnig komisch. Wenn Goethe vielleicht auch nicht so begeistert gewesen wäre. Aber ich spiele dieses dämliche Gretchen ja auch nicht, um dieses dämliche Gretchen zu spielen und den deutschen Dichterfürsten zu ehren, sondern weil ich mit Jelena und rund hundertfünfzig Kumpeln heute nacht abhauen will. Das ist nicht mein Krieg! Ist es nie gewesen! Ich will endlich nach Hause. Darum spiele ich. Mir ist da nämlich vor drei Monaten eine Idee gekommen …