»… zum Vater blickst du und Seufzer schickst du …«, deklamierte Jakob und dachte, weil er wegen des Aufbrüllens der Zuschauer wieder einmal pausieren mußte: Lacht nur, Genossen! Macht euch in die Hosen vor Lachen, Genossen! Ganz schlecht werden soll euch vor Gelächter! Leute, die lachen, können nicht schießen.
Die Idee, die unserem Jakob vor drei Monaten gekommen war, hatte er damals in einem Birkenwäldchen, gerade als sie es, in einer sanften Kuhle liegend, wieder einmal hinter sich hatten, dem Sergeanten Jelena anvertraut: »Ich will hier raus, Jelena. Ich habe die Schnauze voll.«
»Ich möchte auch gerne zu Harry«, flüsterte sie, an seiner Schulter. Es war noch sommerlich warm in dem Birkenwäldchen. Und sie waren beide nackt. »Was für eine Idee ist dir gekommen, Jakob?«
»Wir werden Theater spielen«, sagte er.
Sie sah ihn mit offenem Munde an.
»Sieh mich nicht mit offenem Munde an, Liebste«, sagte Jakob. »Natürlich werden wir nicht nur Theater spielen.«
»Was noch?«
Er sagte ihr, was noch. Sie stieß einen Freudenschrei aus.
Jakob hatte lange nachgedacht über seinen Plan.
In Europa und Asien wurde zu jener Zeit noch immer viel gestorben, und auch in dem vergleichsweise kleinen Lager nahe der vergleichsweise sehr kleinen Stadt Opalenica war das Sterben reichlich im Schwange. Es starben nach dem Ende des Tausendjährigen Reiches noch viele, viele Hunderttausende. Im Lager, so hatte Jakob festgestellt, waren jene, die starben, fast immer solche, die sich selbst aufgegeben hatten und einfach überhaupt nichts mehr taten, um zu überleben. Indessen: Überleben, das hatte sich Jakob Formann eisern vorgenommen, und er erkannte, daß die Voraussetzung dazu fortwährende Beschäftigung körperlicher wie geschäftlicher Art war. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln betrieb er regelmäßige, fast übertriebene Körperpflege. Er stand als erster auf (lange vor dem Herausschreien zum Zählappell), um seine Freiübungen und seinen Langlauf zu machen, hinter Stacheldraht. Er arbeitete willig und freiwillig, ja, er drängte sich zur Arbeit, wo andere versuchten, sich zu drücken, weil sie zu erschöpft waren, denn es gab sehr wenig zu essen – nicht viel weniger als für die sowjetischen Sieger.
»Dich nehme ich natürlich mit«, sagte Jakob zu Jelena. »Ich will nach Wien, du kommst zu deinem Harry nach Hamburg. Du mußt halt einen kleinen Umweg machen.«
»Was für einen kleinen Umweg?«
»Über Wien.«
»Du bist verrückt!«
»Hoffentlich verrückt genug«, sagte er und klopfte gegen einen Baum.
In den folgenden Wochen und Monaten ging er methodisch vor. Geschickt erbrachte er Beweise seiner Russisch-Kenntnisse, so oft ein Sowjetmensch in der Nähe war – mit der Folge, daß er zum Lagersprecher ernannt wurde. Als solcher avancierte Jakob zum Leiter der Lagerbibliothek.
Hier machte er (absolut verständnis- und interesselos natürlich) Bekanntschaft mit sowjetischen, aber auch mit deutschen Klassikern, über deren Werken er einst in der Schule sanft geschlummert hatte. Vom Bibliothekar wechselte er dann auf Wunsch des guten Lagerkommandanten Blaschenko, der ein weicher, schwerblütiger Mensch war, hinüber in die Schreibstube, und schließlich wurde er aufgefordert, Kulturabende zu veranstalten.
Nachdem er dem guten Lagerkommandanten Major Blaschenko gewisse Sonderzuteilungen an Grundnahrungsmitteln abgerungen hatte, übergab Jakob einem Kameraden, der vor dem Krieg im Stadttheater von Teplitz-Schönau den Jugendlichen Helden gespielt hatte, den Befehl des Lagerkommandanten, Goethes ›Faust, Erster Teil‹ zu inszenieren, wobei er ihm einschärfte, so viele Gefangene wie möglich als Arbeiter für eine noch zu errichtende Bühne, als Darsteller und als Komparsen zu beschäftigen. Es fand sich ein Düsseldorfer für die Marthe Schwerdtlein, das Gretchen behielt Jakob sich vor …
»… zum Vater blickst du«, betete er nun, am Abend des 5. November 1945, während die Strohperücke wiederum verrutschte, mit dröhnender Stimme, »und Seufzer schickst du hinauf um sein und deine Not …«
Manche Russen rangen vor Lachen nach Atem.
»Wer fühlet«, steigerte Jakob sich immer mehr, »wie wühlet der Schmerz mir im Gebein …«
Der ehemalige Jugendliche Held vom Stadttheater zu Teplitz-Schönau und nunmehrige Regisseur wurde vor Wut tobsüchtig. Die Vorstellung aber war ein ungeheurer Erfolg!
Da es schon so kalt geworden war, hatten die Gefangenen wenigstens alte Decken erhalten. Nun erhielten sie alle eine, wenn auch sehr kleine Portion Wodka. Und der gute Lagerkommandant Major Jurij Blaschenko veranstaltete eine Feier in der Wachbaracke. Ehrengast war Jakob Formann. Zwischen ihm und Blaschenko saß Jelena. Hier gab es dann mehr Wodka. Hier gab es viel mehr Wodka. Hier gab es unglaublich viel Wodka.
98
»Auf das herrliche Lustspiel ›Faust‹ und auf den genialen deutschen Dichter Wolfgang Schiller, der es geschrieben hat!« rief, lichterloh begeistert, der sonst so stille Major Blaschenko.
»Auf den werten Genossen Major Blaschenko!« rief Jakob.
»Auf Wolfgang Schiller, den deutschen Lieblingsschriftsteller des genialen Genossen Stalin!« konterte Blaschenko.
Wer da seinen Wodka nicht hinunterkippte, spielte mit seinem Leben.
Also kippte jedermann schnellstens.
»Der weise Genosse Stalin hat gesagt: ›Die Hitler kommen und gehen. Aber das deutsche Volk bleibt bestehen‹«, revanchierte sich Jakob.
Da capo!
Solche Saufereien um Leben und Tod sollten Jakob in späterer Zeit noch häufig widerfahren. Dies war die erste. Er hatte, klug und vorsichtig (in Jakobs Vokabular zwei Wörter für den gleichen Begriff) einen Viertelliter Sonnenblumenöl getrunken, bevor die Feier begann, und Jelena dringendst geraten, ein Gleiches zu tun. Auf diese Weise ertrugen die beiden das Stunden währende Fest und unzählige weitere Toasts, indessen die Gastgeber selig entschlummerten, einer nach dem anderen. Als letzter rutschte der gute Major Blaschenko unter den Tisch. Schon ein toller Kerl, dachte Jakob, hab’ ihn wirklich liebgewonnen. Allein was sein muß, muß sein.
Zusammen mit Jelena schleppte er den schnarchenden Major in dessen Baracke. Dort zogen sie ihm die Uniform und die Stiefel aus. Jakob legte seine verdreckte Uniform der Deutschen Wehrmacht sel. ab. Dann zog er die Uniform des Majors Blaschenko und dessen Stiefel an. In der Uniformjacke befanden sich, wie es die Dienstvorschrift befahl, alle militärischen Personalpapiere des Lagerkommandanten.
Eine Viertelstunde später chauffierte Jelena den Jeep des Kommandanten zum Lagertor, wo zwei – mächtig angetrunkene – Wachen mit Maschinenpistolen standen. Jelena überreichte den Herren einen Fahrbefehl für den neben ihr sitzenden Major und einen für sich, beide ausgestellt nach Wien. Der Major rauchte gelangweilt eine überlange Papirossa. Die Mütze hatte er tief in die Stirn gezogen. Er schnauzte ein paar russische Brocken. Die besoffenen Wachen salutierten. Der Schlagbaum ging hoch. Jelena trat den Gashebel hinunter. Der Jeep schoß auf einen vereisten Feldweg hinaus.
Anläßlich seiner Tätigkeit in der Schreibstube hatte Jakob reichlich Muße und Gelegenheit gehabt, alle erforderlichen Dokumente für Jelena und sich auszufüllen, zu stempeln und mit dem Namen des Majors Blaschenko zu unterschreiben. In Voraussicht auf das Ende der Reise lagen in der Ledertasche neben ihm nun auch absolut echte Entlassungs-, Heimkehrererlaubnis-und andere Papiere auf den Namen Jakob Formann, Schütze. Er hatte Muße und Gelegenheit genug gehabt, um für etwas mehr als hundertfünfzig Kameraden alle diese Papiere in den vergangenen Wochen auszustellen. Manche Kameraden waren aus Österreich, die meisten aus Deutschland. Zu der Zeit, da die beiden besoffenen Wachen am Haupttor des Lagers die Insassen des Jeeps kontrollierten, kletterten die hundertfünfzig Gefangenen der Deutschen Wehrmacht unseligen Angedenkens über die Drahtumzäunung des Lagers und machten sich teils in Gruppen, teils allein, nach allen Himmelsrichtungen hin auf den Heimweg. Jelena hatte zum Glück alle ihre alten Papiere aufbewahrt, die sie als Deutsche auswiesen, zuletzt wohnhaft in der Hansestadt Hamburg, daselbst im Hause Adolfstraße 81.