»Laß das Theater! Erschossen wirst du auf alle Fälle – nach dem Spruch eines Militärgerichts!«
»Na also, doch erst später! Da könnten wir doch wirklich noch eine wunderschöne Num …« Der Schock kam mit Spätzündung: »Erschossen?«
»Erschossen.«
»Aber weshalb denn, um Himmels willen?«
»Ja, bist du dir denn nicht einmal der Schwere deines Delikts bewußt?«
»Ach, du meinst den Beschiß mit den Eiern? Mein liebes Kind, rate mal, wer die hundertfünfzig Zentner Milchpulver und die hundertfünfzig Zentner Eipulver geschickt hat!«
»Ich weiß nichts von Milchpulver und von Eipulver.«
»Na, aber ich hab’ es doch geschickt! Als Wiedergutmachung sozusagen. Was kann ich denn dafür, wenn hier solche Trottel in den Behörden sitzen?«
»Nur weiter so, du Wallstreet-Ratte.«
»Und so was habe ich zur Freiheit verholfen, tck, tck, tck«, wunderte sich Jakob.
»Ich bin erst seit kurzem hier. Hatte noch einen Auftrag in Hamburg zu erledigen.«
(Die Unterhaltung wurde nun ein bißchen verworren.)
»Was für einen Auftrag?«
»Wirtschaftsverbrechen! Das Schlimmste, was du tun konntest!«
»Was für einen Auftrag in Hamburg?«
»Einen Geheimauftrag.«
»Für wen?«
»Dieses Schwein Harry! Der war verheiratet! Zwei Kinder! Zwei!«
»Also, das tut mir aufrichtig leid, Jelena.«
»Für mein Vaterland.«
»Dein Vaterland?«
»Die Sowjetunion. Ich bin nun endgültig sowjetische Bürgerin geworden.«
»Was für ein Auftrag das war, meine ich!«
»Sie haben mich verfolgt und gefunden. Sie finden jeden. Keiner entkommt ihnen.«
»Wem?«
»Dem sowjetischen Geheimdienst.«
»Der hat dich erwischt?«
»Aber das sage ich doch.«
»In Hamburg?«
»In Hamburg. Und mich umgedreht.«
»Aha.«
»Kapiert?«
»Nein.«
»Ich war angewidert von Harry. Angewidert vom Westen. Angewidert von diesem dreckigen kapitalistischen System. Sie hatten es also nicht schwer mit mir.«
»Dich umzudrehen.«
»Jetzt verstehst du.«
»Jetzt verstehe ich. Und als du deinen Auftrag erledigt hattest, bist du hierhergekommen und Major geworden.«
»So ist es.« Sie hob den Kopf und rief mit kräftiger Stimme an die Decke, wo sich das Mikrofon befand: »Ich habe allen ja sofort gesagt, du bist ein kluger Kopf! Das war nur der Schock des Wiedersehens, der dich zum Kretin werden ließ. In Wirklichkeit wirst du erstklassige Arbeit leisten und einer unserer Besten werden.«
»Einer eurer Besten … wovon?«
»Von unseren Agenten im Westen«, sagte Jelena, und jetzt kehrten Leben, Wärme und Freundlichkeit in ihre blauen Augen zurück. »Wir drehen auch dich um, und du gehst in den Westen für uns und bekommst deine Aufträge und erfüllst sie und sühnst so dein Verbrechen! Ist doch ganz einfach. Nach einer Weile wirst du zurückgezogen und befördert wie ich. Wir tauschen dauernd unsere Leute aus. Auf diese Weise kommst du vielleicht demnächst nach Amerika …«
»Da komme ich gerade her.«
»Ich weiß. Das ist ja das Feine. Niemand schöpft Verdacht, wenn du wieder hinfliegst – in unserem Auftrag.«
»Nein, so etwas tue ich nicht, Jelena«, sagte Jakob. Sie sah beschwörend zuerst ihn an und dann hinauf zu dem Mikrofon an der Zimmerdecke. Aber nun schrie Jakob: »Zum Teufel mit dem Mikrofon! So hören sie es wenigstens gleich! Ich mache für niemanden einen Agenten! Ich übernehme von niemandem Aufträge!«
»Schrei nicht so!«
»Ich schreie, so laut ich will!« tobte Jakob. (Jetzt geht’s nur noch mit Gebrüll. Ach, ist mir wohlig warm!) »Ich bin für so was nicht gebaut!«
»Wofür?«
»Für Einschleichen und Abhören und Beschatten und diese ganze blödsinnige Agentenspielerei!«
»Dann wird man dich wirklich erschießen!«
»Dann wird man mich wirklich erschießen!« brüllte Jakob. (Also jetzt ist es richtig heiß, ganz wie manchmal im Krieg.)
»Ich habe ihnen doch gesagt, daß ich dich dazu bringen werde, für uns zu arbeiten«, flüsterte sie, und jetzt – stellte er mit Genugtuung fest – schossen Tränen in ihre wunderschönen Augen. »Ich habe ihnen doch gesagt, du wirst den Ernst der Lage, in der du dich befindest, sofort begreifen.«
»Ich begreife ihn durchaus, mein liebes Kind.«
»Nenn mich nicht immer mein liebes Kind, du Scheißkerl!« brüllte der Major Wanderowa.
»Nicht brüllen, Genossin Major«, sagte Jakob, stand stramm und lächelte charmant. »Was soll überhaupt diese Heulerei? Wirst du erschossen oder ich? Na also!«
Sie trat ganz nahe an ihn heran.
»Ach, wollen wir also doch noch schnell …?« erkundigte sich Jakob, sehr schnell sehr begeistert.
»Laß den Blödsinn! Hör mir zu! Das große dialektische Weltgesetz gilt auch für die Gesellschaftsordnung. Jedes sozioökonomische System als These gebiert zwangsläufig eine Antithese.«
»Kein Wort verstehe ich!«
»O Gott im Himmel. Es kippt um, das System! Es verwandelt sich in sein Gegenteil!«
»Tatsächlich?« fragte Jakob, ohne das geringste zu verstehen.
»Tatsächlich! Und zwar liegt das an den Produktionsverhältnissen. Und am Überbau. Die Tage des Westens sind gezählt. Und wenn du darüber noch so viele Witze machst! Und wenn es im Westen jetzt einen scheinbar noch so blühenden Wiederaufbau geben wird, weil ihr von den Amis aufgepäppelt werdet! Es ist eine kapitalistische Scheinblüte! Es kommt die Zeit … und wir erleben sie noch, verlaß dich drauf …«
»Du vielleicht. Ich werde jetzt erschossen.«
Jelena überging das. »… da bricht alles zusammen in Europa, da ist alles zu Ende, die Wirtschaft, die Sicherheit, der Wohlstand, alles. Der Untergang des Abendlandes – er ist unaufhaltsam!«
Na, dachte Jakob, Jelena war ja immer eine recht gescheite Person, aber das da, das ist ja nun bloß propagandistischer Quatsch! (Ach, ein Vierteljahrhundert später dachte er nicht mehr so.) Und ach, ein Vierteljahrhundert später hätte er auch niemals mehr gesagt, was er jetzt lachend sagte: »Untergang des Abendlandes, aber natürlich, aber klar! Wegen der Produktionsverhältnisse! Weil wir alle rangehen! Weil wir keinen Überbau machen, sondern einen Aufbau! Darum kann es ganz einfach nicht immer besser und besser werden und den Menschen immer besser und besser gehen, und wenn sie noch so hart arbeiten und sich noch so sehr bemühen, nein, darum muß es zu einem Rückschlag kommen, aber natürlich! Und zu was für einem Rückschlag es kommen muß! Politisch! Wirtschaftlich, was, mein liebes Kind! Arbeitslose wird es wieder geben in die Millionen! Und Elend und Fanatismus, wenn’s erst mal wieder hübsch bergab geht im Westen, so wie ihr es euch wünscht, nicht wahr? Und wenn’s schon bergab geht, dann auch noch Mord und Totschlag und …« Jakob prustete vor Lachen. »… und Banküberfälle und Menschenraub und Erpressung! So wie im kapitalistischen Amerika, was?« Jakob schnappte nach Luft, er konnte nur noch ächzen: »Oijoijoij …!«
»Jakob«, sagte Jelena Wanderowa, »du bist ein ganz großer Narr!«
»Natürlich bin ich ein ganz großer Narr! Jeder, der nicht das glaubt, was ihr glaubt, ist ein ganz großer Narr! Muß es sein, da gibt’s keine Würschteln, mein liebes Kind!«
»Du sollst nicht immer mein liebes Kind …«
»Aber wie ist es denn bei euch?«
»Wo?«
»Na hier, im Osten! In den autoritären Staaten? So ein autoritärer Staat – da staunst du, daß ich das Wort kenne, was? Erinnere dich, ich war Leiter der Bücherei in dem Gefangenenlager, da habe ich doch eine ganze Menge gelesen. Nicht nur Rilke, diesen Spinner, der gedichtet hat ›Armut ist ein großer Glanz von innen!‹ Dafür allein hätte man ihn in das treten sollen, was er ist … Ich irre ab. Nein, nicht nur Rilke habe ich gelesen! Also, wie ist das? Der autoritäre Staat, der alles plant und alles regelt und anordnet und befiehlt – muß der nicht auch eines Tages seine Anti … Anti …«
»Antithese.«
»Danke. Muß der nicht auch eines Tages seine Antithese gebären und zusammenbrechen?«
Jelena schwieg und sah ihn bloß an.