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»Siehst du«, lärmte Jakob fröhlich, »das Ding geht nach beiden Seiten los! Es ist aus mit uns – und es ist aus mit euch! Warte, warte nur ein Weilchen!« Und er lachte wieder herzinniglich.

»Jakob«, sagte Jelena traurig, »du bist ein noch viel größerer Narr, als ich gedacht habe.«

Jäh hörte er zu lachen auf.

Und wenn sie recht hat? durchzuckte es ihn. Und wenn es wahrlich keinen Grund gibt, sich lustig zu machen? Und wenn es tatsächlich so kommt, wie sie sagt? Was ist dann mit meinem Krieg? Ach was, den führe ich …

»Ich muß mich korrigieren«, sagte Jelena. »Du bist nicht ein Riesennarr. Du bist das Produkt deiner Umwelt, einer zum Untergang verdammten Welt. Und also wirst du einen sehr, sehr nützlichen Narren abgeben. Denn du bist, wenn man dir nur alles richtig erklärt, natürlich ein sehr gescheiter Narr. Und mit deiner Umwelterziehung werden sie dich auch niemals im Verdacht haben! Du bist auch ein …« Jelenas Stimme wurde weich. »… ein sehr guter Narr. Und es war … es war sehr schön mit dir. Und … und du hast mir sehr geholfen, damals …«

»Eh, eh, eh! Das Mikrofon!«

»Ach was, sollen sie es hören! Sehr geholfen hast du mir damals, jawohl!«

»Das war doch selbstverständlich, mein liebes Kind!«

»Das war gar nicht selbstverständlich! Deshalb will ich doch auch dir jetzt helfen! Deshalb habe ich gesagt: Laßt mich mit ihm reden! Jakob! Du mußt für uns arbeiten!«

»Ich will aber nicht. Nicht für euch und nicht für die andern!«

»Du hast keine Wahl! Ich lasse dich jetzt allein, damit du dir alles ganz genau überlegst. Bitte, bitte, bitte, lieber Jakob, sei kein vertrottelter Held! Sei vernünftig! Wenn du es nicht bist, kann … kann ich nichts mehr für dich tun. Hier sind Zigaretten. Und wenn du … wenn du, o Gott … noch einen Wunsch hast, einen letzten …«

»Hätte ich, ja.«

»Nämlich was?«

»Nämlich, wenn ich ein paar Schmalzbrote bekommen könnte«, sagte Jakob. »Mit Grieben!«

101

Fünf dick bestrichene Griebenschmalzbrote brachte ihm sehr bald nach Jelenas Abgang ein Posten in die Zelle.

Und mit den Grieben kehrten Jakobs optimistische Lebensgeister zurück. Der Posten, der draußen auf dem Gang durch ein Guckloch in der Tür Jakob immer wieder beobachtete, auf daß dieser sich kein Leid antat, sah einen kauenden, schmatzenden, die Lippen mit dem Handrücken abwischenden Mann und war beruhigt. Natürlich konnte er nicht auch noch sehen, was Jakob dachte.

Jakob dachte an eine alte Geschichte, die er als Landser mit den Kameraden unzählige Male durchgespielt hatte – in unzähligen Variationen.

Also fangen wir in Herrgotts Namen schon wieder damit an, dachte er: Ich fürchte mich nicht! Denn es gibt immer zwei Möglichkeiten! Entweder sie erschießen mich wirklich gleich, oder sie lassen mich noch ein bißchen hier, damit sie mich weiter bedrohen können und ich es mir vielleicht doch noch überlege. Das sind ja keine Trottel. Wenn sie mich auf der Stelle erschießen, kann ich auf keinen Fall für sie arbeiten. Also werden sie mich wohl noch ein bißchen hier piesacken. Gut. Dann gibt’s wieder zwei Möglichkeiten. Entweder ich fall’ doch um und mach’ ihnen den Wurschtl (ich kenne doch meinen Charakter!), oder ich falle nicht um. Wenn ich ihnen doch den Agentenwurschtl mache, ist es gut. Wenn ich ihnen den Agentenwurschtl nicht mache, verurteilen sie mich zu Lebenslänglich und stecken mich in ein Zuchthaus. Und da gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder es ist ein anständiges, gepflegtes Zuchthaus oder ein verdrecktes, stinkendes, nasses, mit Ratten. Stecken sie mich in ein anständiges, gepflegtes Zuchthaus, dann ist es gut. Stecken sie mich in ein mieses, stinkendes, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich bleibe dank meiner ausgezeichneten Kondition selbst dort gesund. Bleib’ ich gesund, ist es gut. Oder wir haben schon wieder einen Weltkrieg angefangen, und sie brauchen mich für’n Krieg und holen mich aus dem stinkenden Gefängnis. Da gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder ich komm’ zum Roten Kreuz. Dann ist es gut. Oder ich werde schießen müssen. Gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich schieß’ immer rechtzeitig auf den bösen Feind (keine Ahnung, wer das sein wird, aber irgendeinen Feind haben wir immer), dann ist es gut. Oder der böse Feind schießt rechtzeitig auf mich. Dann ist es schlimm. Aber es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder die Wunde ist leicht. Dann ist es gut. Oder sie ist schwer. Scheiße. Aber es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ich werde trotzdem wieder gesund. Dann ist es gut. Oder ich bin tot. Na, und wenn ich tot bin, brauche ich mich doch erst recht nicht zu fürchten! Aber wo steht geschrieben, daß ich tot sein werde? Vielleicht komme ich wieder mit dem Leben davon wie gerade eben erst! Dann gibt es zwei Möglichkeiten! Entweder es gelingt mir beim neuen Anlauf, endlich meinen privaten Krieg zu gewinnen. Dann ist es gut. Oder es gelingt mir beim neuen Anlauf nicht, dann gibt es …

Die Tür wurde aufgesperrt.

Der Posten von vorhin erschien und brüllte: »Aufstehen! Genosse Major kommt!«

Das ist aber lieb von der Jelena, daß sie nach mir schaut, dachte Jakob, den Mund voller Schmalzbrot. Braves Mädchen. Noch hübscher ist sie geworden!

In der Tür erschien Major Assimow, der nämliche, der Jakob und Wenzel, als sie die Verbindungsstücke für die Fertighäuser von Christoph und Unmack aus Niesky holen wollten, alle nötigen Papiere ausgestellt hatte. Jakob verschluckte sich, würgte nach Luft, spie ein Stückchen Schmalzbrot aus und sagte mit gewinnendem Lächeln: »Da freu’ ich mich aber, daß wir uns endlich wiedersehen, Genosse Major!« (Wo ist die Hasenpfote, verdammt, drücken, fest drücken!)

Der Major Assimow sah Jakob grimmig an. Er sprach kein Wort. Jakob kaute wie ein Verrückter. Er versuchte, noch so viel Schmalzbrot in sich hineinzustopfen wie möglich. Der Major Assimow wartete. Jakob schluckte den letzten Bissen. (Anständig von dem Genossen, dachte er.)

»Sind Sie fertig?« fragte Assimow.

»Melde gehorsamst, daß ich fertig bin, Herr Major«, sagte Jakob.

»Dann kommen Sie mit mir. Los, los, los!«

»Zum Erschießen?« fragte Jakob. Wie gesagt, dachte er, es gibt immer zwei Möglichkeiten …

»Erschießen, lächerlich«, sagte der Major Assimow. »Sie kommen mit mir nach Moskau.«

1950–1951 – Korea und die Wiederaufrüstung

1950

25. Juni: Nordkoreaner fallen in Südkorea ein.

27. Juni: UN beschließen Hilfe für Südkorea (16 Staaten unter US-Oberbefehl). Korea-Krieg bis 1953.

26. Oktober: »Amt Blank« in Bonn: Beginn der Wiederaufrüstung.

Lebensmittel-Rationierung in der BR aufgehoben.

»Managerkrankheit«.

Bühne: Arthur Miller: »Tod eines Handlungsreisenden«; Peter Ustinov: »Die Liebe der vier Obersten«.

Bücher: rororo-Taschenbuch 1: Hans Fallada: »Kleiner Mann, was nun?«; A. de Saint-Exupéry: »Der kleine Prinz«; Bruno E. Werner: »Die Galeere«; Martin Heidegger: »Holzwege«; Ernest Hemingway: »Über den Fluß …«; »Das Tagebuch der Anne Frank«.

Filme: »Die Sünderin« (Hildegard Knef; Skandal); »Nachtwache« (Harald Braun).

Schlager: »Auf Wiedersehen«.

1951

BR: Mitbestimmung der Arbeitnehmer in der Kohle-, Stahl- und Eisenindustrie.

Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion).

Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

BRD Mitglied der UNESCO und der WHO.

Psychosomatische Medizin (Viktor v.Weizsäcker).

Vergleichende Verhaltensforschung (Konrad Lorenz u. N. Tinbergen).

Bühne: Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele.

Bücher: James Jones: »Verdammt in alle Ewigkeit«; Heimito v.Doderer: »Die Strudlhofstiege«; Thomas Mann: »Der Erwählte«; Jean Paul Sartre: »Der Teufel und der liebe Gott«; Simone de Beauvoir: »Das andere Geschlecht«; Annemarie Selinko: »Desirée«.