»Nicht wahr, Frau … eh, Baronin? Und so plastisch! Dieser Busen von der Person! Wie der aus der Künstlerkarte herausknallt! Übrigens, im Vertrauen: Einer von den Portiers im Hotel hat mir gesagt, daß der Leonardo ein Warmer gewesen ist, und die Mona Lisa war gar keine Frau, sondern dem Leonardo sein Lieblingsknäblein.«
»Herr Formann!«
»’tschuldigen Sie, gnädigste Frau Baronin, aber der Portier hat’s wirklich gesagt. Nach neuesten Forschungen soll es feststehen, daß …«
»Und der Busen?«
»Den hat der Vintschi aus dem Gedächtnis gemalt, stell’ ich mir vor, Baronin. Als Maler wird er ja Gott behüte schon einmal einen gesehen haben, auch wenn er ein Warm … pardon … auch wenn er andersrum gewesen ist. Vielleicht in Erinnerung an seine liebe Frau Mama …«
Diese Unterhaltung fand am Nachmittag des 28. Oktober 1956 im weltberühmten Louvre, vor dem Bildnis der Mona Lisa, zwischen Jakob und der Baronin von Lardiac statt. Unter ihrer Leitung absolvierte Jakob seit längerer Zeit Kurse in Malerei, Literatur, Konversation, Geschichte, Musik, Bildhauerei und vor allem in gutem Benehmen.
Die Freifrau hatte ihm der Fertigbauhaus-Ingenieur Karl Jaschke aus Murnau besorgt. Dort war die Aristokratin eines Tages erschienen und hatte sich um den Posten einer Public-Relations-Managerin beworben. Jaschke, in lebhafter Erinnerung an verschiedene peinsame Begebenheiten, die allesamt mit Jakobs universeller Unbildung zusammenhingen, war ans Telefon geeilt und hatte seinen Chef aus einer Konferenz in Hamburg rufen lassen …
»Jakob, hier ist Karl! Ich hab’ was für dich … Paß auf: Da ist gerade eine Baronin bei mir … Ich weiß, du willst von Baroninnen nichts wissen, aber du mußt! … Halt den Mund und hör zu! Also beschäftigen kann ich die Baronin bei mir natürlich nicht … Werbeabteilung wollte sie … aber die hat in ihrem Leben nie einen Finger krumm gemacht … Hat keine Ahnung, was das ist, Arbeit … Nein, eben nicht sofort rausschmeißen, ich habe sie engagiert … Für dich! … Na, wegen deiner Ungebildetheit und deinem schlechten Benehmen … Sei ruhig, jetzt rede ich! Bis zur Währungsreform, und noch ein bißchen danach, da hast du ungebildet sein können noch und noch, und Manieren brauchtest du überhaupt keine zu haben. Das hat sich jetzt aber geändert! Du weißt es selber. Denk an die vielen Leute, die dir vorn ins Gesicht schöntun, und hinten … Wir wissen doch, was die feinen Leute von dir sagen: Emporkömmling … Pülcher … Mit dem Mann kann man nicht verkehren … Der frißt wie ein Schwein … Der redet so ordinär … Na, ist doch aber auch wahr – oder? … So geht das nicht weiter mit dir, Jakob! Du brauchst eine Dame, die dir Benimm und Bildung beibringt! Und die schick’ ich dir jetzt. Hat zwar bloß ein einziges Hemd auf dem Hintern, aber einen Stammbaum, der geht zurück bis zu Kaiser Friedrich Lobesam … Hast natürlich keine Ahnung, wer das war … Ach, Mensch, mach kein Theater, ich kenn’ dich doch! Bis zu diesem Friedrich also! Oder in der Gegend da … Warte, sie hat mir ihre Papiere mitgebracht. Ich lese dir mal was vor … Also, sie nennt sich Très noble et très puissante Dame Baronesse de Lardiac, Dame Haute-Justicière … Ach so, du kannst ja nur zehn Wörter Französisch … Ruhe! … Hör dir mal diesen Titel an, ich übersetze: Sehr Edle und Sehr Mächtige Frau Baronin von Lardiac, Edle Frau und Gerichtsherrin von Valtentante, erbliche Palastdame am Hof von Jerusalem zufolge des Privilegs, verliehen der sehr ruhmreichen Familie Lardiac durch Kaiser Friedrich den Zweiten, späterhin König von Jerusalem … Was? … Wie … Nein, ich bin nicht meschugge! Du, du machst mich meschugge, Mensch! Weißt du, wann der Lobesam König von Jerusalem gewesen ist? Zwölfhundertungerade, sagt sie! – Nach Christi Geburt, Trottel! Jetzt steht dir deine Schlabberschnauze still, was? … Wie? … Was heißt: Wieso König von Jerusalem? … Junge, hast du vielleicht schon mal was von den Kreuzzügen gehört? … Ja? Na, ich glaube es ja nicht, aber bitte … Also der Lobesam, der hat so einen Kreuzzug gemacht … was weiß ich der wievielte, und er hat sich selber zum König von Jerusalem gekrönt! Sagt sie! – So eine finden wir nie wieder! Ich habe sie ganz preiswert geschossen, Jakob! Monatsgehalt und Spesen … Herrgott, ja, Krankenkasse und Angestelltenversicherung, alles klar … Aber die wird ja nicht ewig bei dir … Was? … Wie? … Ich bin ganz normal! … Entlassen? Kannst du ja gar nicht! Wir sind Fifty-fifty-Partner! Hör auf zu brüllen, Mensch! … Die Edle Frau kommt heute abend um zweiundzwanzig Uhr sechsundzwanzig am Dammtor-Bahnhof in Hamburg an. D-Zug aus München! Mach bloß, daß du zum Empfang da bist. Was? … Ja … Nein … Ja … Nein … Ja! Danke könntest du auch wirklich mal sagen, verflucht!«
An jenem Abend war die Edle Frau dann am Hamburger Dammtor-Bahnhof eingetroffen. Jaschke hatte sie noch genau beschrieben, und Jakob erkannte sie gleich. Lautlos wüst fluchend machte er einen tiefen Diener, als er ihr gegenüberstand.
»Habe die Ehre, Frau Baronin …«
Können wir wieder mal ein Weib vollkommen neu einkleiden, dachte er. Und tat es. Danach blinzelte er ungläubig. Die sah prima aus! Groß, schlank, gut gewachsen, schwarzes Haar und schwarze Augen, Anfang der Vierzig, also einfach edel! So etwas von edel hatte die Welt noch nicht gesehen! Nach ein paar Wochen rief Jakob seinen Freund Jaschke an und bedankte sich …
»Alle bewundern die Edle!«
»Na bitte! Und daß du sie mir ja immer überall mit hinnimmst!«
»Klar. Glaubst du, daß man so was, wo bis zwölfhundertleipzig und einundleipzig zurückgeht, aufs Kreuz … Ich meine … Denkst du, sie hätte was dagegen?«
»Frag sie doch.«
Jakob hatte gefragt. Die Edle hatte etwas dagegen. Sie wollten nur gute Freunde sein, sagte sie. Und begleitete Jakob fortan auf allen Reisen, um ihm Benimm und Bildung beizubringen. Und das war wirklich nötig. Jakob sah es ein.
Früher, 1946, als abgerissener Civilian Guard und Ia-Nebbich, hatte man sich doch ganz anders aufführen können als jetzt, zehn Jahre später, besonders wenn man Jakob Formann hieß, weltbekannt war und Multimillionär. Da mußte man schon anständig essen und trinken können und wissen, wer Baruch de Spinoza gewesen war und wer Sigmund Freud und wer Debussy! Und reden können mußte man auch über all dies, und zwar so verblasen und idiotisch unverständlich wie möglich. Denn man kam immer wieder mit den Großen dieser Erde zusammen und immer wieder mit denen aus der ach so provisorischen Hauptstadt Bonn, wo Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister bestaunt wurde, der mit der ›Sozialen Marktwirtschaft‹, der jetzt schon einen geradezu legendären Ruf als ›Vater des deutschen Wirtschaftswunders‹ besaß.
»Und jetzt, Baronin«, sagte Jakob, mit dem Zeigefinger weisend (was man nicht tun soll), »schauen Sie sich den Schinken da an der Wand an! Den Unterschied möchte ich Lessing spielen können! Der kleine Japaner ja, aber der große Leonardo da Vinci, nein, der hat das nicht fertiggebracht, daß die Mona Lisa auch gleich so plastisch ausschaut und so bewegliche Gesichtszüge hat! Ich will Ihnen mal sagen, was ich glaube: Diese ganzen alten Meister werden irrsinnig überschätzt! Und mir tun die Füße weh!«
Das ignorierte die Edle.
»Geben Sie mir sofort die Karte, Herr Formann«, sagte sie energisch.
»Ich denke nicht daran!«
»Sie werden sie mir auf der Stelle geben!«
»Wenn Sie weiter so mit mir rummachen, schmeiße ich Sie raus, Baronin«, murrte Jakob. »Wie reden Sie denn mit mir! Bin ich bei Ihnen angestellt, oder sind Sie bei mir angestellt?«
Die Edle maß ihn von oben bis unten, sehr langsam, mit einem unendlich verachtungsvollen Blick. Palastdame am Königlichen Hof zu Jerusalem … Eiweh!
»Wie oft haben Sie schon gesagt, daß Sie mich entlassen werden, Herr Formann? Und wie oft haben Sie es dann nicht getan?«
Jakob senkte das Haupt.
Das stimmt, dachte er. Weiß Gott, wie oft habe ich es gesagt! Getan? Getan habe ich es nie! Warum nicht? Also, ganz ehrlich: Weil mir das Weib imponiert! Diese Haltung! Diese Würde! Dieses – na, eben dieses Edle einfach. Jawohl, das alles imponiert mir! Und ich würde die Edle doch so gerne flirten. Aber das läßt sie sich nicht. Verflucht, und das imponiert mir auch!