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»Hier, bitte«, sagte Jakob Formann, charmant lächelnd, und überreichte die Karte. Mir selber kann ich es ja gestehen, dachte er dabei: Ich bin nicht mehr der alte Jakob, der ich einmal gewesen bin. Langsam und immer mehr werde ich sogar stolz auf den Umgang mit den feinen Leuten!

Die Baronin nahm die Karte.

»Das ist obszön«, sprach sie dazu. »Das ist ein Sakrileg, Herr Formann. Das ist … Lästerung! Wenn wir fortgehen, werde ich dieses … Ding vernichten. Das geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa bewegt seit Jahrhunderten die größten Geister der Welt.«

Entweder etwas ist ein Sakrileg bei ihr, oder es ist obszön, dachte Jakob. Ihre Lieblingsausdrücke. Ich habe nachgeschaut im Wörterbuch (auf einmal habe ich einen Haufen Wörterbücher, den ich mit mir herumschleppe), was das heißt.

Also ein Sakrileg ist ein Vergehen gegen geweihte Personen und Dinge der katholischen Kirche (aber der Edlen ist es piepegal, ob es sich da um was Katholisches oder Evangelisches oder Jüdisches oder Kommunistisches oder um Austern handelt), und obszön ist lateinisch und heißt soviel wie unanständig, schmutzig oder schamlos.

Der Jaschke hat ganz recht gehabt. Es ging nicht so weiter mit mir! Ich weiß genau, was die Hunde, mit denen ich arbeite, hinter meinem Rücken reden! Neidisch sind sie! Neidisch, ja, diese Scheißbankiers und Wirtschaftskapitäne. Die können eine so edle Dame nicht mit sich führen! Das ist schon was, was ich da habe an der Baronin, ah ja!

»…der Sinn des Bildes«, klang der Edlen Stimme an Jakobs Ohr, »ist begreifbar, wenn man sich mit Leonardos figurativen Motiven im Zusammenhang mit seinen wissenschaftlichen Studien befaßt …«

Herrgott, meine Füße. Aber ich muß aufmerksam zuhören. Schließlich geht es um meinen Krieg! Und den gewinne ich nur mit Bildung und mit den feinen Leuten als Freunden, nicht ohne Bildung und nicht mit den feinen Leuten als Feinden. Ein Jammer, daß meine Edle sich nicht flirten läßt. Weil, die ist nämlich lesbisch.

»… zu der Zeit, als Meister Leonardo seine Mona Lisa malte, wandte er sich gegen die im fünfzehnten Jahrhundert vorherrschende Raumauffassung …« Verflucht, tun mir die Füße weh von dieser Herumrennerei. Gleich zieh’ ich mir die Schuhe aus! Das ist ja ein Mordsding, der Louvre! Immer das gleiche mit diesen elenden Museen. Um die halbe Welt bin ich mit der Edlen geflogen, auf meinen Geschäftsreisen. Petöfi-Irodalmi-Museum in Budapest, Walker Art Center, Minneapolis. Die Albertina in Wien. Metropolitan Museum, New York. Uffizien, Florenz. Grünes Gewölbe, Dresden. Corcoran Gallery of Art in Washington. (Da bin ich besonders oft hingekommen.) Eremitage in Leningrad. Sixtinische Kapelle im Vatikan. Großer Gott, bin ich herumgeflogen in diesen letzten Monaten! Allein die Museen, in die mich die Edle geschleppt hat! Soviel Kultura! Das hat sie gar nicht fassen können, hehe, meine Edle, wie freundlich sie mich mit ihr in die Sowjetunion reingelassen haben und nach Dresden. Uns Westler! Und sie noch dazu eine Aristokratische von anno Dutt. Jakob Formann kommt überall rein! Überall ist man freundlich zu Jakob Formann, in West und Ost! Sie hat natürlich wissen wollen, was ich mit Rußland für Geschäfte mache, die Edle. Habe ich ihr natürlich nicht verraten. Habe nur leichthin geantwortet: »Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus, Baronin.« Na, und das stimmt aber auch wirklich! Ich bin immer zwei Schritte voraus. Nicht nur der Zeit! Auch allen anderen Menschen!

In der Sixtinischen hat sie einen Verwandten getroffen, so einen Violetten. Ein ganz hohes Tier …

»…ließ Leonardo schon die traditionelle Aufteilung der Horizontalen durch strahlenförmig konvergierende Linien« (Ich verstehe kein einziges Wort, aber konvergierend, das muß ich mir merken, so was macht immer starken Eindruck!) »beiseite, desgleichen die Unterordnung der einzelnen Elemente unter einen Fluchtpunkt …«

Apropos Fluchtpunkt, dachte er. Da habe ich doch von der Edlen ein Buch verpaßt gekriegt von einem gewissen Poe, da steht eine Geschichte drin, in der suchen Polizisten wie verrückt einen Gegenstand in einem Zimmer. Sie finden ihn nicht, weil er nämlich mitten auf dem Tisch liegt, überhaupt nicht versteckt. Die hat mir großen Eindruck gemacht, diese Story. Seither wohne ich wieder im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS. Wie vor neun Jahren mit der Laureen, dem süßen Werwolf. Wäre ich woanders hingegangen, wäre vielleicht was passiert, einer hätte mich angesprochen, daß ich einem Mr. Fletcher so ähnlich sehe oder so. Im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS? Keine Spur. Haben den Fletcher und seine Frau längst vergessen! Niemand hat mich wiedererkannt. Großer Mann, dieser Poe. Immer mitten auf den Tisch! Und ich finde das HÔTEL DES CINQ CONTINENTS SO gemütlich. Sie gibt mir einen Haufen Bücher, meine Edle. Da ist viel Interessantes darunter, ach ja …

»… und setzte an ihre Stelle die Abstufungen durch Licht und Farbe …«

2

Es war schon dunkel, als die Edle Frau und Jakob den Louvre verließen. (Und zwar natürlich durch den Haupteingang im Pavillon Denon, wie jeder Gebildete weiß.) Ein dunkelblauer Rolls-Royce wartete hier. Der livrierte Chauffeur riß die Mütze vom Kopf und den Schlag auf. Jakob schüttelte ihm die Hand.

»Tut mir leid, daß es so spät geworden ist. Aber wir sind beim Raffael hängengeblieben. Raffael scheint im Louvre die Majorität zu besitzen.«

»Macht doch nichts, Jakob, ich bitt’ dich!« sagte der Chauffeur Otto Radtke aus Duisburg, verstaute behutsam seine Fracht, setzte sich hinter das Steuer und wandte den Kopf.

»Ins Ssäng Kongtinangs?«

»Ins CINQ CONTINENTS, ja«, sagte die Edle eisig und drückte auf einen Knopf. Summend glitt eine dicke Glasscheibe zwischen dem Fahrer und den von ihm Gefahrenen hoch.

»Was ist jetzt wieder los?« fragte Jakob.

»Ihr Benehmen.«

»Was, mein Benehmen?« Der Rolls fuhr an.

»Ist unmöglich, Herr Formann. Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß Sie Ihren Angestellten nicht die Hand geben und sich nicht plump-vertraulich mit ihnen duzen dürfen?«

»Und wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß ich den Otto seit dem Scheißkrieg …«

»Herr Formann! Ich muß doch sehr bitten! Keine obszönen Ausdrücke in meiner Gegenwart!«

Das ist vielleicht ein Spielchen zwischen uns beiden, dachte Jakob und fuhr aggressiv fort: »… seit dem Scheißkrieg kenne und ich ihm geholfen habe, wie er …«

»Als er!«

»Als er, wie bitte?«

»Es heißt nicht ›wie er‹, sondern ›als er‹.«

»… als er bei Orel verwundet worden ist, und wie er mir dann nach dem Krieg im Hafen von Antwerpen geholfen hat, wie wir die Präservative verschoben haben …«

»Herr Formann!« sagte die Edle noch eisiger (so eisig, wie es in Orel gewesen ist, dachte Jakob), »wenn Sie noch ein einziges Mal ein derart schmutziges Wort in den Mund nehmen, kündige ich auf der Stelle!«

Jakob erlitt einen kurzen Lachkrampf.

»Hahaha … komisch!«

»Was finden Sie denn so komisch, Herr Formann?«

»Einmal kündigen Sie, einmal kündige ich! Konsequenzen ziehen Sie nicht und ich nicht. Also wenn das nicht komisch ist, hahaha … Sie finden es nicht komisch, wie?«

»Nein«, sagte die Edle.

Na ja, dachte Jakob, das ist eben jahrhundertealte Kultur. Wenn ich es mir recht überlege: Es ist ja auch wirklich nicht komisch, sondern ich bin nur leicht zu erheitern. Zu leicht! Schon ein Glück, daß ich die Edle habe, wahrhaftig, dachte er, und lenkte schnellstens ab. »Rolls-Royce, Baronin – der beste Wagen, wo gibt!«

»Den es gibt!«

»Also, ich werde doch noch wissen, wo es Rolls-Royce gibt!«

»Es heißt nicht ›wo es gibt‹, sondern, ›den‹ oder ›die‹ oder ›das es gibt‹, Herr Formann.«

»Natürlich. Reine Nervosität von mir. Ich schwöre Ihnen, das habe ich gewußt! Sind wir wieder gut?«