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»Es sei«, sagte die Edle kühl.

»Ich habe natürlich den ersten Rolls gekriegt, wo nach Deutschland geliefert wurde!« schwärmte Jakob.

»Der!«

»Ja, natürlich der da! Habe auch den ersten Porsche gekriegt! Den fährt jetzt mein amerikanischer Plastik-Experte, Frau Baronin!«

»›Frau Baronin‹ sagen die Domestiken. Sind Sie ein Domestike, Herr Formann?«

»Was ist ein Domestike?«

»Sie wissen nicht, was ein Domestike ist?«

»Sonst würde ich Sie nicht fragen!«

»Ein subalternes Geschöpf. Ein Hausangestellter!«

»Ich danke, Baronin.«

»Im Ernst, Herr Formann: Wenn Sie wenigstens bessere Manieren bekommen und ein halbwegs intaktes Savoir-vivre …«

»Perfektes Sa …«

»Savoir-vivre!« kreischte die Edle. »Wenn Sie das nicht kriegen – ich habe Ihnen fünfzigmal erklärt, was das ist, zum einundfünfzigsten Mal erkläre ich es Ihnen nicht –, dann nützt Ihnen Ihr ganzes Geld nichts, dann sind Sie in kürzester Zeit bei allen wirklich seriösen Leuten unten durch!«

Die Baronin seufzte abgrundtief.

»Was haben Sie denn? Warum seufzen Sie denn so, Baronin?«

»Wann werden Sie wenigstens endlich anständig essen gelernt haben? Damit quäle ich mich nun auch schon eine Ewigkeit herum! Und Ihre Fortschritte, Herr Formann, sind kläglich! Wir essen im CINQ CONTINENTS natürlich im Salon unserer Appartements. Im Restaurant kann man Sie immer noch nicht vorzeigen.«

Bumms, da haben wir es. Fressen im Salon.

3

Saumon fumé d’Écosse

Toast Réjane

*

Oxtail en tasse

Paillettes dorées

*

Pojarski de Veau ›Princesse‹

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Haricots verts Fine Fleurs

*

Soufflé Glacé aux Framboises et Sa Garniture

Plâteau de Friandises

*

Demi-tasse Moka

*

Champagne

Pommery & Greno Brut

Tja, das liest sich, was? Schick liest sich das, wie? Schaut auch schick aus. Dickes gelbes Bütten. Erstklassiger Druck. Was Sie wollen. Das Wasser läuft Ihnen im Munde zusammen, wenn Sie das lesen! Mir auch. (Jakob Formann denkt.) Wenn ich auch nur Räucherlachs und Ochsenschwanzsuppe verstehe. Abendmenu des HÔTEL DES CINQ CONTINENTS vom 28. Oktober 1956. Und hier beginnt die Tragödie, verflucht und zugenäht. Nämlich:

Ich komme also vom Louvre zurück ins Hotel. In der Halle können sie sich alle wieder nicht fassen, die bei der Reception, die Portiers. (Wie seinerzeit, als ich Mr. Fletcher war und mit Laureen herkam.) Diesmal noch mehr. Inzwischen kennt mich nämlich wirklich die ganze Welt, und von der Edlen Ahnengalerie wissen sie alle, daß es die schon zwölfhundertlobesam und so weiter. Haben sie im Gotha nachgelesen. (Ich finde mich mit dem Ding nicht ums Verrecken zurecht – die Portiers schon!) Ein Geschisse ist das …

Mir hängt der Magen bis zu den Knien. (Jakob Formann denkt noch immer.)

Wenn Sie aber glauben, es gibt gleich was zu fressen, dann haben Sie sich geirrt. Also zunächst mal rauf in unsere Appartements. Die teuersten und größten und feinsten natürlich. Die Dings, die Edle, hat eines, Bad, Umkleideraum, Schlafzimmer, kleiner Salon. Ich dasselbe. Dazwischen: ein Riesensalon! Bei mir alles in Nachtblau, bei der Dings alles in Kaisergelb. Seidentapeten, Lüster, na ja.

»Wir dinieren oben …«

»Sehr wohl, gnädigste Frau Baronin …« (Der da, der darf ›Frau‹ sagen, der Staubgeborene. Ich nicht. Nicht mehr! Obwohl ich auch ein Staubgeborener bin – äh, war!)

Also rauf. Zuerst nimmt man natürlich ein Bad. Das ließe sich zur Not noch ertragen. Ab und zu nehme ich so auch eines. Man muß sich hin und wieder waschen, dazu brauche ich keine Edle. Aber nicht gerade vor dem Fressen, wenn mir der Magen knurrt! Ich nehme also eines, sie nimmt eines. Jeder in seinem Appartement.

Tenue de soirée hat sie befohlen. Was willst du machen? Ein Mann wie ich muß sich umziehen vorm Fressen! Aber nicht etwa, daß ein anderes Hemd und ein anderer Schlips und ein anderer Anzug genügte. Haha! (klingt hohl, mein Gelächter, wie?) Ein Smoking muß her! Jawohl! Jeden verfluchten Abend, den Gott werden läßt, muß ich mich in einen Smoking schmeißen. Fünfe habe ich. Lackschuhe. Seidensocke. So ein Dreckshemd mit Rüschen vorn und an den Manschetten, wo man die Knöpfe fast nicht zukriegt. Jaja, wir Großen! Wenn die Kleinen nur wüßten, wie gut es ihnen geht. Keinen Schimmer haben sie! In die Manschetten natürlich Brillantknöpfe. Die habe ich erst aus dem Hotelsafe raufholen müssen. Und der Edlen ihre Klunker auch. Die Fliege. Schwarz. Hinten zum Zuhaken. Würgen einem die Luft ab. Vor dem Anziehen natürlich noch rasieren. So vergeht denn ein Stündlein. Bei der Edlen vergehen zwei. Mir knurrt der Magen. Ich habe schon Halluzinationen. Dauernd sehe ich ein Wiener Schnitzel. Dann sitze ich endlich in meinem kleinen Salon (›klein‹ ist gut!) und blättere in einer Zeitung. LE MONDE. Ich verstehe kein Wort. Aber es lenkt ab. Einen Dreck lenkt es ab! Jeden Abend dasselbe. Nebenan, im großen Salon, rumpeln sie jetzt alles zurecht. Drei Mann. Ein Maître d’Hôtel. Zwei Kellner. Tür auf.

Da steht die Edle. Abendkleid aus rotem Seidenchiffon. Geschminkt. Gepudert. Aufgedonnert. Familienschmuck. Tinnef, wenn Sie mich fragen. Aber überall kleine Kronen drauf. (Das Schnitzel, das es nicht gibt außer in meinem Hirn, wird immer größer.)

Na also, dann wollen wir mal.

Drei Lüster im großen Salon. Sechs Wandleuchter. Alles strahlt. Eine Verschwendung ist das! Und in China haben sie zuwenig Reis. Begrüßungsballett der Kellner. Nette Kerle. Möchte ihnen so gern die Hand geben oder ein Wort mit ihnen wechseln. Darf ich aber nicht. Keine einzige Hand. Kein einziges Wort. Die Edle ist auch stumm. Sie gibt nur Zeichen.

Der Tisch, den sie hereingerollt haben, die armen Hunde, sieht aus wie jeden Abend. Schwere Damastdecke. Silberne Unterteller, funkelnd. Darauf Spitzendeckchen. Sogenannte ›Klapperdeckchen‹. Damit die anderen Teller auf ihnen nicht klappern. Das Besteck auch aus Silber, auch funkelnd. Zwei Silberleuchter, jeder dreiarmig, am meisten funkelnd. Tür auf. Kommt noch eine Schöne im Abendkleid herein. Schmuckbehangen. Geschminkt. Fünfundzwanzig. Blond. Rosig. Kulleraugen. Mensch, immer diese Brustwarzen! Überall stechen sie durch. Auch jetzt.

Alles dienert. Madame la Contessa …

Die zieht mit uns herum. Wohnt immer im selben Hotel. Frißt immer mit uns. Das hat die Edle im Vertrag zur Bedingung gemacht. Weil dies ihre Nichte ist. Eine Italienerin. Claudia Contessa della Cattacasa. Auch uralter Adel. Der ihre Vorfahren haben, höre ich, schon die Schlacht von San Romano gewonnen. Oder verloren. Im Jahre … Vergessen. Ich kann mir doch nicht alles merken! Nur: So etwas schmückt unsereinen natürlich ungeheuerlich. Gleich zwei Aristokratinnen an meiner Seite! Ich sehe doch täglich, wie die blöden Hunde alle fast zerspringen und ganz gelb werden vor Neid! Und Mercedes-Benz sind um sieben Punkte gestiegen, und Pharma-Aktien blühen.

Handküsse. Nur angedeutete! Haben wir wochenlang geübt, die Edle und ich. Man darf nicht steif in der Mitte durchknicken und so eine Damenhand einfach abschlecken. Die Dame muß sie einem ein wenig entgegenheben. Diese Claudia aber auch! Manchmal tut sie’s, manchmal tut sie’s nicht. Die kann mich nicht leiden. Immer ist dieses kleine Aas dabei. Sie flirten trau ich mich nicht, obwohl die mich absichtlich quält mit ihren Brustwarzen. Aber bezahlen darf ich. Alles. Na also, nicht die Hand zart entgegengehoben. Mußte ich ganz tief runter. Strafender Blick von meiner Edlen. Wieder den Rücken zu tief geknickt, ich weiß, ich weiß. Wie soll ich denn an die Hand von der Contessa rankommen, wenn die sie unten läßt. Herrgott, ist das ein Affentheater! Aber es muß sein, es muß sein. Wir Großen leben eben in einer anderen Welt. Der Edlen schiebe ich den vergoldeten Sessel unter den Hintern, der Comtesse schiebt einer von den Kellnern einen unter. Und wie gern tät’ ich der noch ganz was anderes unterschieben! Dann darf ich mich setzen. Und jetzt geht’s los!