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Augenzeichen von der Edlen. Der Maitre d’Hôtel dreht nach und nach alles elektrische Licht ab. Einer der Kellner zündet alle Kerzen in den Leuchtern an. Kitschiger geht’s nicht. Ob die nach der Schlacht von San Romano, als der Lobesam sich selber zum König von Jerusalem krönte (eine Chuzpe!), auch schon so gefressen haben? Bestimmt nicht! Alles mit die Finger. Hrm.

Den Fingern, Jakob!

Der Maître d’Hôtel gibt Anweisungen, leise, kurz, scharf. Die Kellner kommen auf Touren. Sie haben weiße Jacketts und schwarze Hosen und schwarze Fliegen. Der Maître ist im Frack und macht ein Gesicht, als ob ich gerade gestorben wäre. Oder er.

Teller wieder weg! Neue Teller.

Der Lachs wird serviert. Gott sei Dank. Brötchen und Butter auf dem Tisch. Will mir eins greifen. Blick der Edlen. Herrje. Darf ich nicht. Wozu liegen die Brötchen dann aber da? Ah, ich muß den ›Toast Réjane‹ nehmen, den sie mir offerieren! Ich mag aber keinen Toast. Doch ich muß! Ich mag auch keine Zitrone auf’n Lachs. Ich muß aber. Na, dann fangen wir also an! Das Elend, das jetzt kommt, kenne ich. Nach ein paar Bissen nimmt mir ein Kellner auf einen Wink von der Edlen den Teller wieder weg. Nur ein paar Bissen darf man von jeder Speise essen. Mehr essen, sagt die Edle, ist obszön. Na, da stopfe ich mir eben Riesenbissen ins Maul. Prompt trifft mich der angeekelte Blick von der Edlen. Und noch ein zweiter angeekelter. Von der Contessa. Also, du kleines Biest, dich würde ich ja liebend gerne einmal, daß du die Engelein singen hörst …

Wusch – weg der Lachs. Brötchen und Toast gleich mit. Da hätte ich mir wenigstens etwas den Magen füllen können. Nix zu machen. Die hat wieder ein Zeichen gegeben, die Edle. Abräumen!

Verdammte Sauerei!

Fast unhörbar befiehlt der Maître. Der steckt, das könnt’ ich schwören, unter einer Decke mit der Edlen. Nachher frißt er all die guten Sachen ganz alleine. Die Kerzen flackern. Natürlich kriege ich einen Tropfen heißes Wachs auf die Hand. Geschieht mir ganz recht. Ich habe ja mit Gewalt ein feiner Mann werden wollen! Ich habe ja auch meinen Krieg gewinnen wollen! Und das will ich noch immer! Und so darf ich mich nicht beklagen. So muß denn alles so sein …

Von dem Champagner habe ich natürlich auch nichts. Den saufen die Weiber. Meine Edle hat ihn gekostet und für gut befunden. Gerne weist sie auch Flaschen zurück. Wegen dem Kork. Sagt sie. Die schwindelt! Die Pullen säuft auch der Maître, davon bin ich überzeugt. Ich darf mein Perrier saufen. Eisstückchen drin. Die Damen haben ihren Pommery. Das kluckert vielleicht bei denen. Und nun unterhalten sie sich.

Eine Unterhaltung ist das …!

»Dior kann man heuer nicht tragen, Liebste. Ihm ist aber überhaupt nichts eingefallen.«

»Nur Emilio Schuberth!«

»Da hast du recht, liebste Claudia. Aber. In Italien sind die Stoffe so schlecht.«

»Leider, Tantchen, leider. Die Stoffe sind in Paris besser. Aber Schuhe! Schuhe nur aus Italien!«

»Selbstverständlich, Claudia! Seit Jahren! Bei Ferragamo in Florenz. Der hat meine Gipsfüße. Ich brauche nie zur Anprobe, er schickt mir die fertigen Schuhe. Und die passen wie angegossen.«

»Ferragamo ist einsame Spitze. Meine Gipsfüße stehen natürlich auch bei ihm. Direkt neben denen der Herzogin von Windsor.«

»Meine zwischen der Prinzessin Trubetzkoj und Lady Vanderbilt! Und Herrn Formanns Gipsfüße stehen unter Winston Churchill und über Frank Sinatra.«

»Nein!«

»Aber ja doch!«

»Nein! Nein! Nein! Sag, daß das nicht wahr ist, liebstes Tantchen!«

»Es ist wahr, Claudia. Wie, Herr Formann?«

Ich habe keine Zeit zu antworten. Ich muß sehen, daß ich wenigstens von der Ochsenschwanzsuppe ordentlich … Aber unsereins hat kein Glück. Ein Wink der Edlen. Ein Zischen des Maître. Weg die Schale. Mensch, und das war eine Terrine voll! Da kann der seine ganze Familie sattkriegen. Und die Schuhe von dem berühmten Ferragamo drücken mich. Zuviel rumgelaufen heute.

Pojarski de Veau ›Princesse‹.

Ja, einen Dreck! Sechs Bissen, von den Haricots verts nicht mal vier Gabeln voll. Wink. Zischen. Weg!

Die Edle lächelt dem Maître zu. Die beiden verstehen sich, das hab’ ich ja gewußt.

Dieselbe Gemeinheit mit dem Soufflé aux Framboises! Wo ich so gerne Himbeeren esse!

»…also wenn das keine Mesalliance ist, Liebste! Ich bitte dich: Er direkt vom Sonnenkönig, und sie eine ehemalige Barfrau!«

»Obszön! Du wirst sehen, wie man die Person schneidet, Claudia!«

»Liebesheirat! Lachhaft! Er hat doch keinen müden Franc mehr …«

»Aber die ehemalige Barfrau, die hat geerbt! Und wie! Und jetzt die beiden … Ein Sakrileg …«

»Du sagst es! Also, für mich ist Jocelyn gestorben!«

Von dem winzigen Mokka werde ich auch nicht mehr satt …

»In Longchamps, beim Rennen, hat man sie beide schon geschnitten!«

»In der Tat, Claudia?«

»In der Tat! Und weißt du, wo sie jetzt arbeiten läßt? Ich habe es herausbekommen! Aber du darfst es keiner Sterbensseele … Ich kann es dir nur ins Ohr … Hören Sie weg, Herr Formann …«

Einen Charakter wie eine Klosettschüssel hat diese italienische Contessa! Wahrscheinlich ist die nicht mal gut zu stemmen. Aber blaublütig eben, blaublütig!

Rrrrmmmm!

»Herr Formann!«

»Das war nicht ich, Baronin! Das war bloß mein Magen …«

»Das … das ist ja … Wie konnten Sie bloß …«

Ach was, leckt mich doch alle miteinander …!

Jetzt noch eine halbe Stunde durchhalten und dann …

Es gibt für alles eine Grenze! Ich werde Otto mitnehmen. Nein, heute nicht. Heute gehe ich allein. Heute fühle ich mich in der Einzahl. Ich werde ein Taxi nehmen. O Gott, schon wieder mein Magen!

4

Die Kellnerin Claudine Aubert war eine gesunde, bildhübsche Person von bäuerlicher Herkunft, aus dem Departement Maine-et-Loire. Niemals in ihrem bewegten Leben war sie auch nur einen einzigen Tag lang krank gewesen. Eines Nachts allerdings hatte sie geglaubt, verrückt zu sein. Das war die Nacht vom 14. April 1956 gewesen.

In der Nacht vom 14. April 1956 – die glutäugige Claudine mit dem Katzengesicht und dem aufregend-üppigen Körper dachte, sie würde das Datum nie vergessen (sie war eben noch sehr jung und wußte nicht, daß alle Dinge vergessen werden nach einer kleinen Weile) – hatte ein Mann die Boîte de cul betreten, in der sie arbeitete.

Boîte heißt im Französischen soviel wie Schachtel, Büchse, Dose, Kapsel, kleines Theater, Briefkasten, Penne, Bude, Kasten, Lokal. Boîte de nuit ist durchaus nichts Ehrenrühriges. Boîte allein kann nämlich auch Stampe, Beisel, Stehbierausschank, Kneipe heißen; folglich ist Boîte de nuit ein Nachtlokal. Boîte de cul hingegen ist ehrenrührig, wird aber nicht immer so empfunden. Cul heißt nämlich Arsch. Man kann auch sehr freundlich Arsch sagen.

Die Boîte de cul AU JAUNE CHIEN (›Zum Gelben Hund‹) liegt im Zwanzigsten Arrondissement von Paris. Dieser zwanzigste Bezirk heißt Belleville, und dieser Name ist reiner Hohn, denn Belleville ist sozusagen das Arrondissement de cul von Paris. Was man so Nachtjackenviertel nennt oder Glasscherbenviertel. Das Letzte. Das Allerletzte. Das Häßlichste. Der Arsch von Paris. Natürlich, wie es so der Brauch ist, reserviert für Proletarier, alte Leute, kranke Leute, arme Leute, Schwarze, Juden und Araber.

Den Namen der Straße, in welcher sich der ›Gelbe Hund‹ befindet, verschweigen wir – man hat uns innig darum gebeten. Wir wollen nicht noch mehr Unglück über die armen Teufel von Belleville bringen, auf keinen Fall!

Mit ihren fünfundzwanzig Jahren war Claudine Aubert eine Frau von großer Erfahrung und mit einem großen Herzen. Deshalb nahm sie sich auch sogleich des Mannes in dem viel zu feinen Anzug (er trug sogar eine Krawatte) an, der in der Nacht vom 14. April 1956, gegen 23 Uhr, in den ›Gelben Hund‹ kam. Hier ging es zu wie immer. Die Huren plauderten mit ihren Luden, ein paar Araber mit ein paar Arabern und ein Jude mit einem andern Juden. Es waren auch ein paar ältere Arbeiter da. Sie standen an der Theke und tranken billigen Rotwein oder einen ›Kleinen Weißen‹, sie saßen an grob zusammengehauenen Holztischen auf grob zusammengehauenen Bänken und aßen Saucisses avec pommes frites. Das war das Billigste. Saucisses sind Würstchen.