Der viel zu feine Mann war Ausländer, das erkannte die erfahrene Claudine auf den ersten Blick. Er lächelte hilflos, grüßte nach allen Seiten, setzte sich dann und hielt einen Zeigefinger auf die Seite eines aufgeschlagenen Wörterbuchs.
Claudine las laut und verständnislos: »Graisse …«
»Oui«, sagte der junge Mann. (Netter Kerl, dachte Claudine, was der hier wohl macht?) »Oui, oui! Avec pain … Pain de graisse … viel … beaucoup … compris?« Claudine verstand nicht und gab das durch Kopfschütteln bekannt. »Brot! Pain! Nicht verstehen?« Kopfschütteln. »Mais oui, mais oui, mais oui!« rief der Herr, nun schon in gelinder Verzweiflung.
»Mais non, mais non, Monsieur«, antwortete Claudine. Andere Gäste mischten sich ein. Die Araber fragten den Herrn, ob er an Vierzehnjährigen interessiert sei. Garantiert jungfräulich, männlich oder weiblich oder beides. Die Huren schminkten die Lippen und schoben die Röcke zurück. Ein Jude fragte angstvolclass="underline" »Du Deutscher?«
Jakob Formann antwortete: »Österreicher!«
»La même chose«, sagte der Jude. Dann sagte er noch allerhand (Jakob glaubte das Wort ›Gestapo‹ zu verstehen) und verließ mit seinem Freund in Hast den ›Gelben Hund‹.
Der Fremdling wies auf ein anderes Wort in seinem Dictionnaire. Geradezu flehend sah er Claudine an, neben der jetzt auch der verfettete Wirt aufgetaucht war.
Wirt und Claudine lasen: ›creton‹. Das heißt: Der Wirt, der weitsichtig war und Kleingedrucktes schwer lesen konnte, las zuerst ›cretin‹, geriet in Wut, wollte den Herrn hinauswerfen und mußte erst von Claudine und ein paar vernünftigen Arbeitern, die ihre Würstchen aßen, besänftigt werden.
Einer der Arbeiter hatte endlich eine vernünftige Idee.
»So kommen wir nicht weiter, Louis«, sagte er zu dem fetten Wirt. »Geh nebenan und läute Emile raus.«
»Um die Zeit? Mensch, der haut mir die Fresse ein!«
»Sag ihm, ein Deutscher ist da. Dann wird er kommen. Er ist doch auch Deutscher.«
»Merde alors«, sagte Louis, der Fette, und ging auf die Straße.
Nebenan gab es einen kleinen Metzgerladen. Nach fünf Minuten kam der fette Louis mit einem dünnen Mann im Schlafanzug und einem Mantel darüber zurück.
»Was ist los?« fragte der im Schlafanzug mißmutig und deutsch. Der Fremdling strahlte. »Sie sprechen deutsch?«
»Ungern.«
»Aber Sie sind Deutscher!«
»Auch ungern. Darum bin ich nach dem Krieg ja auch hiergeblieben. Ich habe die Tochter vom Metzger nebenan geheiratet. Der Alte ist inzwischen hinüber. Emile Drucker heiße ich. Und Sie?«
»Ja … Ich bin ein Tourist«, sagte Jakob. (Die Araber sprachen noch leiser und noch schneller.)
»Waren Sie auch Soldat?«
»So ungern wie Sie.«
»Wo?«
»Rußland, Norwegen, hauptsächlich Rußland. Saukrieg, verfluchter.«
Die Sonne ging auf in Emile Druckers Gesicht. Er haute Jakob auf die Schulter. »Du bist in Ordnung, Junge. Abgebrannt, was?«
»Ja. Nein!« Jakob sah die Araber an. Die Araber sahen ihn an. »Ja, doch! Ich habe mein Geld verloren. Übersetzen Sie das, bitte.«
Emile übersetzte.
»Merde alors«, sagte der fette Louis.
»Nicht alles! Ein bißchen habe ich noch. Ich möchte was essen, Herr Drucker.«
»Sag Emile zu mir, Kamerad!«
»Nur wenn du Jakob zu mir sagst.«
»D’accord, Jakob«, sagte Emile. »Wenn du was essen willst, warum gehst du dann nicht in die Hallen? Da ist es sehr billig. Eine Zwiebelsuppe haben die … Na ja, aber erst gegen Morgen, da müßtest du noch warten … Aber ein choucroute … Sauerkraut!«
»Mag ich nicht. Macht mir beides Sodbrennen. Pain de graisse will ich … avec viele cretons … Sag bloß, das gibt’s nicht hier.«
»Das heißt nicht graisse, Jakob. Das heißt saindoux. Mußt du dir merken. Sprich mir nach. Saindoux.«
»Säindu.«
»Weicher, Jakob, weicher. Sain-doux.«
»Säinduuu …«
»Ah!« Claudine strahlte Jakob an. Dann wurde sie ernst und sagte etwas.
»Was sagt sie?« fragte Jakob.
»So tief sind sie selbst im ›Gelben Hund‹ und in Belleville noch nicht gesunken, daß sie eine solche Sauerei fressen. Tut mir leid, Jakob, aber das hat sie gesagt.«
»Wieso Sauerei? Mit Grieben, Emile! Auf Graubrot! Mit Salz! Das ist doch das Beste, was es überhaupt gibt!«
»Ich bin schon zu lange hier. Ich kann mich nicht erinnern. Du bist ein bißchen verrückt, was, Jakob?«
Jakob nickte.
Der Metzger wandte sich an alle Anwesenden. Er hielt eine längere Ansprache, von der Jakob kein Wort verstand. Dem Sinne nach sagte Emile, der Kerl da sei zwar ein Deutscher wie er, aber ein anständiger Kerl. Wie er. Und ihn würden doch wohl alle als anständigen Kerl kennen – oder? Alle nickten. Sie hielten hier gute Nachbarschaft, denn sie waren alle arm. Emile sagte, wenn auch der ›Gelbe Hund‹ keine Schmalzbrote herzustellen imstande sei, weil es hier kein Schmalz und keine Grieben gebe – er, Emile, habe beides. Und er werde stets ausreichende Quantitäten zur Verfügung stellen. Denn der Fremdling – eben ein bißchen verrückt – habe die Absicht geäußert, wiederzukommen, wann immer er nur könne. Seiner Meinung nach, sagte Emile, sei das ein sehr wohlhabender und bekannter Mann. Aber, fügte er mit einem ernsten Blick auf die Huren und die Araber hinzu, dieser Verrückte stehe nun unter seinem und des Wirtes Schutz, n’est ce pas, Louis?
Der Fette nickte gramvoll. Die fehlte ihm gerade noch, die Polizei … Und zum Vögeln sei der Herr auch nicht hergekommen, sagte Emile, das sollten sich die Huren mal hinter die Ohren schreiben und ihn nicht belästigen. Emile sagte ›poules‹, was Hure, aber auch ›Hühnchen‹ heißt, ein Wort, welches Jakob kannte. In der feinen Form. Der da, sagte Emile, könnte sich ganz andere Poules leisten, nicht solche wie hier, mit ihren ausgeleierten …
»Ich hab’ wirklich genug«, sagte Jakob.
»Was?«
»Poules.«
»Wie viele hast du denn?«
»Ungefähr eine halbe Million«, gab Jakob bekannt.
Maßloses Erstaunen allerseits.
Sobald indessen das kleine Mißverständnis aufgeklärt war, erholten sich alle schnell von ihrem Schreck in der Abendstunde, und nun herrschte muntere Herzlichkeit. Man plauderte, man lachte. Lauter nette Leute, dachte Jakob. Huren, Juden, Neger, Araber, Arbeiter, Zuhälter – arm, verfemt, voller Sorgen, verachtet – immer noch das Beste, was es gibt!
Er sagte Emile, er solle allen sagen, daß er für alle eine Runde ausgebe. Hochrufe. Sämtliche Gäste Jakobs wollten Weißwein, Blanc de blanc. Nur Claudine nicht. Die bekam immer Kopfweh vom Blanc de blanc, und sie hatte das Gefühl, daß sie in dieser Nacht noch vonnöten sein werde. Was sie dann auch war. Zuletzt – nach der dritten Chinesischen Schlittenfahrt – hatte sie Kopfweh, ohne Blanc de blanc getrunken zu haben. Aber es war ein angenehmes, sanft drückendes Kopfweh, kein böse stechendes.
Emile rannte in seinen Metzgerladen und holte Schmalz und Grieben. Graubrot gab es nicht, nur die langen weißen Stangenbrote, die ›Flutes‹. Aber dann trieben sie in der Nachbarschaft sogar noch Graubrot für Jakob auf, bei dem Vertreter eines Begräbnisinstituts. Der milde Herr versprach gleichfalls, in jedem Bedarfsfall zu liefern. Emile schmierte Jakob die Brote persönlich, dick und mit viel Grieben und Salz drauf. Alle sahen gebannt zu. Von Zeit zu Zeit gab Jakob dem Wirt einen Wink. Dann war wieder eine Lokalrunde fällig. Alle betrachteten Jakob wie ein Wesen von einem anderen Stern, als er begann, das erste Schmalzbrot zu essen. Er bekam dabei einen ganz entrückten Gesichtsausdruck und mußte die Augen schließen vor so viel Glückseligkeit …
Eine Poule mußte weinen vor Rührung.
Zuletzt hatte Jakob sechs Schmalzbrote gegessen, und alle waren besoffen, der Wirt, der Metzger, der Begräbnisinstitutsvertreter inbegriffen. Claudine hatte ein Zimmer im Hause. Da wachte Jakob dann am nächsten Morgen auf – gegen neun Uhr. Claudine lag nackt neben ihm. Jakob wurde sofort sehr munter. Also dauerte es noch eine weitere Stunde, bis Claudine das Frühstück brachte. Jakob küßte ihr die Hand, als er das Tablett sah – es lagen drei Schmalzbrote neben der Boule mit dem Café au lait. Claudine sagte, sie liebe Jakob (sie sagte ›Jacques‹), und das verstand er sogar. »Ich aussi«, sagte er. »Komme immer wieder zu toi. Toujours.«