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Claudine schmiegte sich an ihn.

»Merde alors«, sprach Claudine (sie arbeitete schon längere Zeit hier, und die nicht eben feine Art des fetten Wirtes Louis hatte auf sie abgefärbt).

»Pourquoi toujours maken Krieg français et deutsch? Warum nicht sein des amis? Nous sommes alle des frères et des sœurs devant le Bon Dieu.«

»Da hast du recht«, sagte Jakob. »Vor Gott sind wir alle Brüder und Schwestern. Aber die Industriebosse und die Scheißgeneräle, weißt du … lieber nicht davon reden … Komm noch einmal, meine kleine Schwester …«

Die kleine Schwester kam noch einmal.

Beim nächsten Besuch war Jakob dann schon wie das Kind im Haus. Die beiden alten Juden entschuldigten sich dafür, daß sie aus Angst weggelaufen waren, und deuteten zart an, sie würden auch sehr gerne einmal Schmalzbrote essen. Aber natürlich nur koscher, nur mit Gänseschmalz.

»Das ist aber ein Pech«, sagte Jakob.

»Was ist ein Pech?«

»Dem Emile sind die Gänse ausgegangen.«

»Ach …«

»Gestern hat er noch welche gehabt, sagt Louis.«

»Gerechter Gott«, sagte der erste Jude erschüttert. Und erkundigte sich, um Fassung ringend: »Waren sie wenigstens richtig fett?«

In anderen Städten, anderen Erdteilen, die er mit der Edlen besuchte, hatte Jakob sich das ähnlich eingerichtet. Hier in Paris ging er abends nach dem feierlichen Mahl, im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS häufig in den ›Gelben Hund‹ essen. Richtig essen. Die Edle und ihre Nichte, die Contessa, hatten einander immer so viel zu erzählen, zum Glück. Also sagte Jakob, er sei todmüde, und zog sich zurück in sein Schlafgemach. Dort dann aber nichts wie raus aus dem Smoking und rein in seine älteste Kluft! (Die allerdings in Belleville immer noch sehr bewundert wurde.) Er fuhr mit dem Lift bis in die Hotelgarage hinunter und verschwand durch einen Seitenausgang. Ein Taxi brachte ihn quer durch die Stadt. Nachts waren die Straßen leer. In der Nacht des 28. Oktober 1956 war Jakob Formann wieder einmal im JAUNE CHIEN. Er kam um 22 Uhr 30 an. Die Versammelten begrüßten ihn lärmend, mit Schulter- und Handschlag. Sofort schmiß Jakob wieder Runden. Claudine servierte ihm liebevoll seine Schmalzbrote und zum Trinken ›Perrier‹. Jakob war müde und doch hellwach. Es wurde ein Abend des Insich-Gehens. Die Erinnerung überkam ihn an manches, das geschehen war in diesen letzten Jahren. Er hatte ein gutes Gedächtnis. Und die Schallplatten, die der Wirt auflegte, halfen ihm, in Erinnerung zu versinken, mehr und mehr, während seine Kiefer mahlten.

Musik. Eine Stimme. Eine berühmte Stimme. Sie gehörte Edith Piaf, dem ›Spatz von Paris‹, dieser wunderbaren Sängerin, die es nur einmal gab, nur einmal geben würde.

»Non, non, je ne regrette rien …«

Ich auch nicht, dachte Jakob, nein, auch ich bedaure nichts, nichts, was ich getan habe seit damals, seit jener Nacht im Mai 1949, als der Major Assimow in meine Zelle getreten ist und gesagt hat: »Erschießen, lächerlich! Sie kommen mit mir nach Moskau!«

5

»Das kann doch nicht wahr sein!« rief Jakob Formann, als er, begleitet von Major Assimow, den Mann erblickte, der aus der Tür der Datscha trat und ihnen durch einen verwilderten Garten entgegenkam.

Sehr viele Blumen blühten im Garten dieser Datscha, die etwa vierzig Kilometer von Moskau entfernt am Rande eines idyllischen Wäldchens lag. Sie war aus Holz gebaut, zum Eingang führte eine Treppe aus ein paar Brettern empor. Es war schon sehr warm an diesem 14. Mai 1949 in Moskau und Umgebung.

»Das ist ja nicht zu glauben!« rief Jakob, während der Mann die Holztür des Holzzaunes öffnete. Der Mann war der ehemalige Kommandant jenes Lagers bei Opalenica, aus dem Jakob sich und Jelena Wanderowa 1945 ›befreit‹ hatte, zusammen mit hundertfünfzig Kumpeln. »Was ich mich freu’, Sie wiederzusehen, Herr Major!«

»Ja, man sieht es Ihnen an«, sagte, so sanft wie einstens, der Besitzer der Datscha, indem er zunächst Jakob und dann Assimow die Hand reichte. »Kommen Sie cherrein. Ich chabbe chinten im Garten kleinen Imbiß chergerichtet.« Die russische Gastfreundschaft sucht ihresgleichen, dachte Jakob ergriffen. »Major bin ich nicht mehr«, fuhr Blaschenko fort. »Ich arbeite in einem Ministerstwo. Wir treffen uns chierr, weil es niemand angeht, was wir chabben zu besprechen.«

Jakob nickte. »In der Stadt ist es auch so stickig! Ein schönes Landhäuschen haben Sie hier, Gospodin Blaschenko, nein, also wirklich.« Er konnte noch immer russisch radebrechen, und Blaschenko hatte in der Zwischenzeit zu Jakobs Erstaunen sehr gut Deutsch gelernt. So verlief die folgende Unterhaltung in einem fließenden Zweisprachengestotter. Hinter der Datscha stand das Gras hoch. Unter einer Gruppe von hellen Birken hatte der Exmajor einen Tisch gedeckt. Jakob sah eine große Karaffe mit Orangensaft und einen ganzen Berg Kirschkuchen. »Das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen, Gospodin Blaschenko«, sagte er gerührt. »So viele Umstände!«

»Aber ich bitte Sie, es macht mir doch Freude, Cherr Formann. Bitte, setzen, ist gefällig.«

Man setzte sich.

Der Exmajor servierte und goß Saft in die Gläser.

»Wunderbar«, sagte Jakob, der ohne zu warten als erster ein Stück Kirschkuchen in sich hineinschlang, mit vollem Mund.

»Selber gemacht! Chabbe ich doch keinen, der machen könnte. Apropos, wie geht es unserer Jelena?«

»Ich glaube, gut. Sie hat schlimme Erfahrungen im Westen gehabt, aber jetzt ist alles okay. Pardon, in Ordnung.«

»Ist sie immer noch so schönn?«

»Immer noch. Noch schöner. Wirklich, Gospodin Blaschenko, es tut mir ehrlich leid, daß ich damals im Lager mit ihr … daß ich … daß sie … daß wir beide …«

»Nemmen Sie noch Stück Kuchen.«

»… und daß wir ausgerissen sind. Sicher haben Sie Unannehmlichkeiten gehabt unseretwegen.«

»Sicher.«

»Große?«

»Serr große. Aber jetzt nicht mehr, Sie sehen. Gett mir gutt. Wohnung in Moskau, Büro in Ministerstwo, Datscha chierr.«

»Und ganz allein?«

»Ganz allein. Werde auch bleiben allein. Frau wie Jelena kriege ich nie zweites Mal. Gibt nur einmal. Und sie ist weit weg …«

Ganz plötzlich überfiel es Jakob: Nur einmal … weit weg …

Der Hase! Jakob mußte die Augen schließen vor übergroßer Bewegtheit.

Der Hase! Immer noch nicht habe ich … Ich bin ein Schwein, wahrhaftig!

Eine Frau wie den Hasen gibt es auch kein zweites Mal! Und wie weit ist die weg! Nein, also, wenn ich hier lebend rauskomme, dann muß ich nach Theresienkron …

»Sie sind mir nicht böse, Gospodin Blaschenko?«

»Überchaupt nicht. Nurr Menschen, wenn schwach sind, werden böse. Ich bin nicht schwach, Cherr Formann.«

»Da haben Sie recht«, sagte Jakob und dachte betrübt: der arme, einsame Kerl. Der glaubt das in seiner Schwerblütigkeit wirklich, was er da sagt. Weil es ihm guttut. Wahrscheinlich glauben alle Menschen, und auch ich, immer das, was ihnen am meisten nützt und am meisten guttut. Das ist wahrscheinlich die Erklärung dafür, warum ich nie habe glauben können, daß einer ein ganz und gar vollkommener Lump ist. Noch nicht einmal ein Politiker.

Der Major Assimow räusperte sich und sah Blaschenko an. Der nickte.

»Komme schon zur Sache, ist gefällig. Sie sind auch nicht schwach, Cherr Formann. Chutt ab. Was Sie geleistet chabben letzte Jahre!«

»Was ich geleistet habe … Woher wissen Sie …«

Sanft rauschte der Wind in den Kronen der Birken.

»Sind wir keine Idioten, Cherr Formann. Chabben unsere Leute. Überall. Amerika. Pentagon. Schmeckt Ihnen derr Kuchen nicht?«