Kein Schwein …! Dieser Doktor!
»Ja, aber was war das denn wirklich, Monsieur le Docteur?«
Rasend schnell blätterte Jakob in seinem Wörterbuch.
»Bouffer …« Das heißt Fressen. »…asthme …« Das heißt Asthma. Was, was, was? Freßasthma? »…estomac …« Magen heißt das. »…diaphragme …« Das wäre Zwerchfell. »… contre le cœur …« Gegen das Herz. O du meine Hasenpfote! Ich habe einfach zuviel gefressen, das Zwerchfell hat sich mir gegen das Herz geschoben! Das war alles. »… eh bien, voila, et après avoir fait l’amour il manquait de respiration …« Bum, da haben wir’s: Und nachdem ich Liebe gemacht habe, hat’s mir den Atem abgeschnürt!
Wenn Dr. Baudelet die Tür geschlossen hätte, wäre er ein reicher Mann an mir geworden.
7
Ein Taxi brachte Jakob zurück zum HÔTEL DES CINQ CONTINENTS.
Er ließ das Taxi in die Garage fahren. Von dort fuhr er im Aufzug zu seinem Appartement empor. Den Schlüssel hatte er. Er trat ein. Er knipste das Licht im mittleren Salon an. Um keinen Lärm zu machen, hatte er die Schuhe ausgezogen. Mit den Schuhen in der Hand stand er auf einem echten Riesen-Smyrna und sah sich vis-à-vis der Edlen. Die Edle saß auf einem edlen Stuhl, gefesselt: die edlen Füße an den beiden vorderen Stuhlbeinen, die edlen Hände auf dem edlen Rücken, hinter der Stuhllehne des edlen Stuhles. Mitten im Salon saß sie. Und das entsetzlichste: Sie hatte kein Gesicht mehr!
Jakob schwankte.
Das Gesicht der Edlen war vollkommen von einer weißen Masse bedeckt.
Das Haar wurde von einem Band hochgehalten.
»Um Gottes willen, Baronin, was ist geschehen?«
Unter der weißen Masse bewegte die Edle die edlen Lippen. Es war nicht zu verstehen, was sie sagte. Nur einzelne Stückchen der eingetrockneten Masse bröckelten ab und fielen auf das Kleid der Edlen, auf den Teppich. Jakob raste zu einem Tischchen.
Aufschrei, jetzt verständlich, wenn auch schwer: »Was wollen Sie tun?«
»Den Portier anrufen! Polizei muß her! Funkstreife! Wer waren die Verbrecher? Wie sind sie hereingekommen? Was haben sie geklaut?«
»Nicht!«
»Was nicht?«
»Sie werden nicht telefonieren!« Noch mehr Bröckchen …
»Warum nicht?«
»Weil es keine Einbrecher waren.« Die Edle sprach so vorsichtig, wie es ging. Es ging nicht genügend. Bröckchen, Bröckchen …
»Keine Ein … Wer denn, Baronin?«
»Meine Nichte Claudia.«
»Das elende Biest! Die fliegt aber jetzt! Erlauben Sie, daß ich …«
»Nein!« Das war ein Donnerwort. Voller Würde und Haltung. Edel eben. Mit Bröckchen …
»Was nein?«
»Rühren Sie mich nicht an!« Der edle Mund war jetzt frei, die Edle konnte besser (und verständlicher) sprechen. »Das ist eine Schönheitsmaske, Herr Formann. Man darf das Gesicht nicht bewegen, wenn man eine aufgelegt bekommt. Ich habe meine von Claudia aufgelegt bekommen.«
Das ist vielleicht eine Nacht …
»Hören Sie, kann es sein, daß Sie … äh … verrückt geworden sind, Baronin? Ich meine, ein Nervenarzt ist gleich da, wenn ich … Manchmal ist da höchste Eile geboten …« (Wie vorhin bei mir.)
»Schweigen Sie, Herr Formann! Was verstehen Sie davon! Ich bin vollkommen normal! Das ist meine Strafe! Ich habe Strafe verdient, um eine selbe solche gebeten und eine selbe solche bekommen!«
»Von dieser Claudia?«
»Für Sie immer noch Mademoiselle la Comtesse!«
»Das war Clau … Mademoiselle la Comtesse, die Sie hier festgebunden und eingepappt hat?«
»Ja doch!« Das Kleid der Edlen, der Teppich um sie herum, ihr Schoß waren jetzt schon weiß. Die Maske hatte Risse bekommen.
»Wann?«
»Gleich nachdem wir auseinandergingen …«
»Aber warum?«
»Sie sagte, ich hätte den Maître d’Hôtel verlangend angesehen.«
»Sie hätten den …« Jakob stand mit offenem Mund und einem unsagbar blöden Gesichtsausdruck da.
»Ja, ja, ja! Und es stimmt auch! Aber nur einen Moment! Einen winzigen Moment! Doch Claudia hat es gesehen. Sie sieht alles. Immer. Und dann bestraft sie mich. Mit Recht. Ich verdiene es nicht anders.« Die edlen Augen hielt die Edle immer weiter geschlossen. Da herum war die Schönheitsmaske auch noch einigermaßen in Ordnung. Aber sonst. Eine Sauerei …!
»Immer … so … bestraft … sie … Sie?«
»Wo denken Sie hin? Sie tut es ganz verschieden.«
Na, jedenfalls nicht im Salon oder dort, wo auch ich hinkomme, dachte Jakob. Sonst wären wir einander nachts wohl schon häufiger begegnet.
»Diesmal war sie besonders einfallsreich.«
»Warum?«
»Weil sie mich im Salon gefesselt hat – und mir die Schönheitsmaske gemacht hat. Damit ich noch mehr leide und büße. Damit ich davor zittere und bebe, daß Sie mich sehen könnten! Dabei, ich weiß es, hätte sie mich natürlich rechtzeitig losgebunden – vor dem Frühstück.«
»Natürlich. Nur manchmal machen Sie’s auch anders … Wie denn anders, Baronin?«
»Herr Formann, Sie sind widerwärtig obszön! Und überhaupt …« Die Edle empörte sich. »Was suchen Sie zu dieser Zeit im Salon?«
»Ich war … ich bin … nämlich …«
»Antwort!«
Jakob stotterte empört: »Ich habe … ich war … ich bin noch mal weggegangen.«
»Lügen Sie nicht so unverschämt! Ich sitze hier seit Stunden! Wann sind Sie weggegangen?«
»Auch vor Stunden!«
»Wer hat Ihnen das gestattet, Herr Formann? Wo haben Sie sich herumgetrieben? Wenn man einen einzigen Moment nicht auf Sie achtgibt … In welchen Kaschemmen, bei welchen schlechten Mädchen waren Sie? Antwort!«
Ich wüßte schon eine Antwort, dachte Jakob, aber ich darf ja nicht. Ich brauche die Edle – welch grandiose Haltung die Person hat, selbst in dieser Situation! –, ich brauche die Edle doch wie einen Bissen Brot! Wo ich hinkomme, quatschen sie jetzt gerade kariert über Existentialismus. Ich weiß nicht mal, wie man das schreibt. Begreife kein Wort. Ab morgen haben wir Sartre auf dem Stundenplan. Also sagte Jakob mühsam beherrscht: »Es tut mir leid, Baronin, sehr leid, daß ich hier zur Unzeit eingetreten bin. Ich betreibe ständiges Körpertraining, wissen Sie. Jetzt kann ich nicht mehr so oft radfahren wie früher. Also mache ich, wenn’s geht, ein paar Stunden Dauerlauf in der Nacht. Das muß ich einfach haben. Natürlich wäre mir ein Rad lieber. Meinen Sie, daß das möglich …«
»Nur in einem Institut! Ein Home-Trainer! Oder in einer Halle! Und niemals nachts! Ich verbiete Ihnen mit allem Nachdruck, nachts noch einmal Ihr Quartier zu verlassen, ohne daß ich es weiß.«
Herrgott, wenn du wüßtest, wie sehr du mich kannst, dachte Jakob und sagte: »Gewiß, Baronin. Von nun an werde ich mich allabendlich immer abmelden. Am besten, Sie sagen Mademoiselle la Comtesse überhaupt nichts … Ich komme zum Frühstück sehr spät, sagen wir: halb zehn? Bis dahin wird Mademoiselle la Comtesse doch die Güte gehabt haben, Sie loszubinden, hoffe ich.«
»Das hoffe ich auch.«
»Zur Sicherheit werde ich auch noch laut husten und pfeifen, bevor ich in den Salon trete, Baronin. Wenn Sie nicht antworten, heißt das, daß man Sie befreit hat.«
»Sie wissen ja nicht, wie ich Claudia liebe«, ächzte die Edle.
»Oh, ich bin überzeugt darüber.«
»Davon.«
»Wovon?«
»Es heißt überzeugt davon. Nicht darüber.«
»Verzeihen Sie, Baronin, ein Versprecher. Ich sage sonst immer ›davon‹!
Nun will ich aber nicht länger stören. Schlafen Sie gut. Und ich pfeife und huste!«
8
»Geben Sie mir Herrn Prill, verflucht noch mal!« lärmte er eine Viertelstunde später, im Pyjama auf seinem Prunkbett sitzend, einen Telefonhörer am Ohr.
»Hören Sie, Mann, wissen Sie, wie spät es ist? Halb vier!«
Jakob tobte los: »Ich spreche aus Paris! Erkennen Sie meine Stimme nicht?
1956 – Alle wollen nur den Frieden
1. Januar: Bundeswehr beginnt mit 6000 Freiwilligen.
18. Januar: Kasernierte Volkspolizei der DDR wird Nationale Volksarmee.