»Was ist denn das?«
Schreiber sah das Höschen kaum an.
»Da … Das ist ein Papagei.«
»Und ich denke, Sie arbeiten!«
»T … Tu ich ja. Bis zu … zum Umfallen, Ch … Chef! A … Aber wenn es der K … Körper verlangt … Au … Außerdem betrüge ich alle F … Frauen mit meiner Sch … Schreibmaschine!«
»Trotzdem, Sie sind ganz hübsch eifrig, was?«
»O ja, ja. A … Aber nur D … Damen der be … besten Gesellschaft.«
»Und Ihre Akne stört die Damen nicht?«
»Auf dem P … Pimmel hab’ ich keine! Also, das ist doch zu blöd …«
Jakob ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. Er sah drei Bücher, Schreibers Namen darauf, nahm sie mechanisch und las: ›MICH WUNDERT, DASS ICH SO FRÖHLICH BIN‹. ›DAS UNSICHTBARE BROT‹.
›ICH BEICHTE ALLES‹.
»Das haben Sie auch geschrieben?«
»Wa … Was heißt auch? D … Das sind meine e … ersten R … Romane, die nicht gingen. Ei … Eines Tages wer … werden sie gehen, reine Geduldsfrage. Bei meinem Talent. Sch … Schreibe gerade einen neuen Roman.«
»Sie schreiben auch noch Romane?«
»Mu … Muß ich doch, Ch … Chef. OKAY alleine, und ich würde total verblö … den. Eines Ta … Tages, passen Sie auf …«
»Wie heißt denn Ihr neuer Roman?«
»›WER SCHÜTZT DIE LIEBENDEN?‹ Guter Tit … Titel, was? V … Verdammt guter R … Roman. Wie gesagt, ei … eines Ta … Tages … Da! Hier, neh … nehmen Sie den Z … Zettel! G … Graf-Adolf-Straße 312. Schrei … reiber verliert nie was!«
»Telefon?« Jakob war aufgeregt.
»Ha … Hat sie noch k … keines. K … Kriegt erst ei … eines. Wa … Was ist denn? Ch … Chef! Che … Chef! Wa … Was rennen Sie denn so – we … weg ist er. Ha … Handelt sich ohne Z … Zweifel um Li … Liebe.« Schreiber trank aus der Flasche, weil er einen grauenvollen Anfall von Nüchternheit im Anzug spürte, den er sofort bekämpfen mußte. Das kommt davon, wenn man zu lange quasselt und nicht auf sich achtet und nichts getrunken hat seit zehn Minuten. Unverantwortlich. Nach einem kräftigen Schluck strich er über eines der Bücher und sagte, traurig und absolut fließend: »Mich wundert, daß ich so fröhlich bin …«
10
JULIA-MODELLE.
Das stand in großen Neonbuchstaben über der Auslage des Geschäfts. Es war ein schönes Geschäft. Fassungslos sah Jakob die Kleider im Schaufenster an. Im Laden arbeiteten zwei Verkäuferinnen. Drei Kundinnen waren da. Menschen stießen gegen Jakob, der ein quadratisches, dünnes und schön verpacktes Geschenk trug. Die Graf-Adolf-Straße war schon wieder eine sehr belebte Straße, hervorragende Gegend für Geschäfte.
JULIA-MODELLE.
Nicht zu fassen. Der Hase ist aus Theresienkron weggezogen und hat hier ein Geschäft aufgemacht! Schickes Geschäft! Tolle Kleider. Na ja, Geschmack hat Julia immer gehabt. Aber die Eier! Die Eier in Theresienkron! Wie hat sie die Eier im Stich lassen können? Das hätte ich dem Hasen niemals zugetraut! Wieder wurde Jakob angerempelt. Das brachte ihn ein wenig zu vernünftigerer Betrachtung. Ich selbst habe die Eier in Theresienkron ja auch im Stich gelassen! Ich bin ja auch weggegangen und habe andere Geschäfte gemacht! Und was für andere! Wo bin ich überall gewesen! Und immer habe ich nach Theresienkron zurückwollen in all den Jahren. Oder wenigstens einen Brief schreiben oder anrufen. Hab ich’s getan? Nein. Ich war und bin immer noch zu sehr mit meinem Krieg beschäftigt. Quatsch, sei mal ehrlich, Jakob: Du bist ein Schwein. Ein Riesenschwein. Ein Schweineschwein. Das Kotzen kann einem kommen, wenn man so sieht, wie du dich gegen den guten Hasen betragen hast …
»Herrgott, passen Sie doch auf …«
»Passe Se selwer op! Steht allen em Weg, kiekt wie ’ne Jeck on süht on höht nix!«
Jakob ballte die Fäuste. In seiner Wut gegen sich selbst ging er auf den jungen Mann los, der eine helmartige Frisur, ein langes kaffeebraunes Sakko, geringelte Socken und Wildlederschuhe trug.
»Sie werden jetzt gleich Ihre Zähne suchen …«
»Huch! Lasse Se de Fote weg! Helf! Helf! Detlev! Kurt! Karl-Heinz! Die Type jrieft mech aan!«
Jakob sah sich plötzlich umringt von vier jungen Männern, die ihm das heftige Gefühl vermittelten, daß sie allesamt die Absichten, die den lieben Gott bei der Erschaffung des Weibes geleitet hatten, völlig mißverstanden …
Die Herren Päderasten standen vor, neben und hinter Jakob, außerdem war ein Alter hinzugekommen. Der trug Ringe und Kettchen und wallendes Haar und regte sich am meisten auf: »Halt bloß de Klapp, du, ja? Jliech wehste wat erlewe! Stänkern on Rabbatz make, hee, dat hamm’o geen! Treck Leine! Mer hannt ooch unser Ehr! Wat häste jejen ons?«
Jakob blinzelte.
»Ich habe gar nichts gegen Sie! Gar nichts! Der Strolch da ist in mich reingerannt …«
»Wat häste dem jesaht? Strolch?« schrie der Alte.
»Habe ich«, antwortete Jakob, außer sich, aber nicht etwa wegen der seidenweichen Knaben oder des alten Trottels, sondern wegen des Schildes JULIA-MODELLE. JULIA-MODELLE! »Na los«, schrie Jakob den ersten Knaben an. »Sie wollten doch was von mir! Ich schlage nicht zuerst! Ich warte! Sie sind dran! Danach könnt ihr was erleben, alle miteinander!«
»Dem hannt’se en et Jehirn jeschisse«, jaulte der Alte mit den Ketten. Ein Mann, der aussah wie ein Ringer, war stehengeblieben.
»Wat löpt denn hee? Well de wat von üch?« fragte er freundlich.
»Ech hann dem nix jedonn!« kreischte der Alte.
»Schnauze, du Aalwärmsau«, sprach der Ringer gemütvoll. Er holte aus und knallte dem ersten der vorlauten Knaben eine. Ganz zart. Der taumelte zurück, in die Arme seiner Freunde, und brach in Tränen aus. »Oh! Oh! He hät mech wieh jedonn …« Die anderen Herren redeten tröstend auf ihn ein.
»Vielen Dank«, sagte Jakob zu dem Ringer.
»Wor mech ’ne Jenoß, Herr Formann.«
»Sie kennen mich?«
Der Riese strahlte.
»No klor!«
»Woher?«
»Minsch, kannste dech net mieh an mech erennere? Ne, ech seh schon, du kanns net. Esch ben doch eene von de Kriegsjefangene, die met dinnem Kumpel Otto do em Hawe von Antwerpen jebrasselt hannt, als mir dat Deng met die Pariser jedrieht hannt …«
»Ach, daher!«
»Ja. On du häß min Motter tatsächlich CARE-Pakete jescheckt. Bis’ ’ne berühmte Mann hütt, weeß ech, weeß ech. Domols worsde noch ’ne Schiewer. Jetzt beste us’m Schnieder. Wors knorke domols. Dat verjiß ech nie. Wenn de mech mol bruchst – ech ben emmer do für dech.«
»Danke. Wo?«
»Kennste Düsseldorf net, wat? Fremd hee, wie? Seh ech sofort. Wat moßte eijentlech denke von ons Düsseldorf, mien Jott? Diese verfluchte Hinterlader! Usjerechnet Jraf-Adolf on Kö loofese röm en Rudeln. On Kö-Jrabe, wo de Schwän sen! All Stühl hennt’se do mit Beschlach jenomme. En Schand so wat! Moßt onbedengt en’n ›Eskwaja‹ komme. Hier, Jraf-Adolf-Stroß. Is ne jemötliche Scheff, der Carlo! Do arbeed ech. Jede Nacht. Do es emmer Ruh und Freede, Herr Formann. Wenn de Carlo dech emol näher kennt, moßte met dem eene süffe.«
»Sagen Sie, wissen Sie vielleicht, was der Otto Radtke macht und wo er wohnt?«
»Emmer noch en Duisburg, Herr Formann. Ech ben en ständige Verbindong met em. De wehd ooch nit heirode – jenau wie ech. Schön doof, heiroden, wat? Pardong. Du bes doch nit etwa …«
»Nein. Nein. Könnten Sie den Otto fragen, ob er für mich arbeiten will?«
»Für dech? Na klar! Wehd ech sofort donn! Als wat denn arbeede?«
»Chauffeur. Ich kann sehr gut selber fahren, aber …«
»Awer du bes ne zu jroße Mann, klar. Jeht nit. ’türlich bruchste ne Chauffeur, eene mendestens! Wo kann d’r Otto dech denn erreiche, Herr Formann?«
»Am besten über die Redaktion von OKAY in München, da weiß man immer, wo ich bin.«