»Vielleicht ist es doch besser, ich gehe auch!« überlegte Jakob laut.
»Nein!« Julia gab sich einen Ruck. »Jetzt lassen wir endlich dieses Theater und benehmen uns nicht wie kleine Kinder, ja? Du bist enttäuscht. Du bist wütend darüber, daß ein anderer Mann bei mir lebt …«
»Richtig! Apropos: Lebt er nur bei dir, oder lebt er auch von dir?«
»Du bist reichlich geschmacklos, Jakob.«
»Es gab eine Zeit, da war ich dein Bär!«
»Die ist lange vorbei, diese Zeit, Jakob. Es gab auch eine Zeit, da war ich dein Hase.« Plötzlich sprang Julia auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Das ist ja herrlich! Du saust in der Welt herum und machst Millionen und schläfst mit hundert Frauen …«
»Hundert waren es nie!«
»Unterbrich mich nicht! Schläfst mit hundert Frauen und läßt nie wieder ein einziges Wort von dir hören. Kein Anruf, kein Brief, keine Zeile, keine Nachricht, nichts, nichts, nichts. Der Professor stirbt. Ja, da kommst du! Du sollst mich nicht unterbrechen! Und hast das gleich mit einem Besuch bei mir verbinden wollen, wie? Sehr praktisch! Nur keine Zeit verlieren. Und jetzt bist du da und nimmst übel. Fehlt bloß noch, daß du sagst, ich betrüge dich!«
»Mein liebes Kind, um mich zu betrügen, müßtest du schon mit Stalin schlafen – und nicht mit so ’ner halben Portion.«
Julia empörte sich. »Erich ist keine halbe Portion! Erich ist … ist … ist …«
»Ja, ja, ja, was ist er denn? Siehst du, du weißt es selber nicht!«
»Natürlich weiß ich es! Ein wunderbarer Mensch ist Erich, der mich aufrichtig liebt – das ist er!«
»Haha.«
»Mach noch einmal haha, und ich schmeiße dich raus! Ich habe genug gelitten in der langen Zeit, in der ich auf dich gewartet habe in Theresienkron.« Sie brach in Tränen aus. Jakob sprang auf und wollte sie an sich ziehen. »Rühr mich nicht an! Ich schreie!« Er trat zurück. »Hast du ein Taschentuch?«
Er gab es ihr. »Danke.« Sie blies hinein. Und nun saßen beide wieder. »Hase und Bär gehören zusammen – hast du gesagt, damals, als es uns allen noch dreckig ging. Als du nichts hattest, und ich nichts hatte. Als wir uns aus dem Dreck rackern mußten. Und gerackert haben! Als du mich gebraucht hast!«
»Hase, sag noch ein solches Wort, und, wahrhaftig, ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Frau geschlagen, aber dann schmiere ich dir eine!«
»Schlag mich doch! Schlag mich doch! So ist es recht! Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht!«
»Entschuldige …«
»Nichts zu entschuldigen. Du ahnst gar nicht, was für einen großen Dienst du mir da erwiesen hast! In der ersten Zeit habe ich gedacht, ich muß sterben ohne dich. Jawohl, sterben! Die gute Frau Pröschl, die war genauso verzweifelt wie ich. Gib mir das Taschentuch!«
»Hase, mein geliebter Hase …«
»Zuletzt bin ich sogar in die Kirche gelaufen und habe gebetet …« Der Hase nickte, erschüttert über sich selbst. »Ja, gebetet! So weit kannst du eine Frau treiben!«
»Furchtbar! Du bist in die Kirche?«
»Aber genützt hat es nichts! Der liebe Gott funktioniert bei mir nie, wenn es um dich geht.«
»Bei diesem Lackaffen, da funktioniert er, was?«
»Hast du Lackaffen gesagt?«
»Jawohl, habe ich. Der ist doch nichts anderes. Einer? Drei! Der nimmt dich doch nur aus. Der … benützt dich doch nur, Hase! Daß eine so kluge Frau wie du das nicht merkt!«
»Halt den Mund!«
»Ich denke nicht daran! Man muß sich doch bloß seine verschlagenen Augen ansehen und diese dünnen Lippen …«
»Er hat keine verschlagenen! Und dünne auch nicht!«
»Doch!«
»Nein!«
»Doch!«
13
Zehn Minuten später hatten sich beide so weit beruhigt, daß sie normal miteinander reden konnten. Die meiste Zeit redete Julia. Sachlich. Betont neutral. Professor Donner hatte unentwegt experimentiert, erfuhr Jakob. Julia hatte zuletzt alle Hoffnung verloren und einen Rat des Professors befolgt. Sie gehe ja zugrunde, wenn sie in Theresienkron bliebe und immer weiter ihrem Jakob nachtrauere – diesem Jakob, von dem sie in den Zeitungen las und im Radio hörte. Sie müsse fort, hatte Donner gesagt. Weit fort! Unter andere Menschen! Jakob vergessen! Seine Eier vergessen! Aber wie? Aber wohin?
Ins Rheinland! Dorthin müsse Julia jetzt gehen, hatte Professor Donner geraten. Dort sei was los jetzt! Und Donner habe gedonnert: Die großen und kleinen Industriellen und die großen und die kleinen Kaufleute hätten wieder Boden unter den Füßen gefunden. Während die Engländer und die Franzosen auf der einen Seite noch lustig demontierten, pumpten die Amerikaner auf der anderen Seite heftigst Milliarden in die westdeutsche Industrie und sorgten sich um deren Wiederaufbau. Kein Wunder: Denn westdeutsche Politiker hätten den Amerikanern versprochen, dieses neue Deutschland werde ihr bester Verbündeter gegen den Kommunismus und gegen die Russen sein, falls es wieder losgehen sollte. Die Herren Industriellen fanden sehr schnell, daß Düsseldorf ein prächtiger Platz für repräsentative Büros und angenehme Vergnügungen war. Ihre Frauen fanden das auch. Solches war das Resultat westdeutscher Steuergesetze. Wenn man Geld hatte, konnte man nach Düsseldorf fahren und dort Spesen machen – und das hieß: unversteuertes Einkommen in einer für das Finanzamt nicht nachzukontrollierenden Weise ausgeben.
»Früher war die Konfektion zu neunzig Prozent in Berlin«, berichtete der Hase, ernst und gefaßt. »Mit Berlin ist es vorbei. Also sind sehr, sehr viele Unternehmen der Bekleidungsbranche nach Düsseldorf abgewandert. Große Firmen haben sich zur IGEDO zusammengeschlossen …«
»Zur was?« (Und ich krieg’ sie doch herum, das wäre ja lächerlich.) »Abkürzung von: Interessengemeinschaft des Damen-Oberbekleidungs-Gewerbes. Der Erfolg der ersten Verkaufsausstellung war großartig …«
»Weiß ich, weiß ich«, sagte Jakob. (Und dachte: Ich weiß auch schon, wie ich den Hasen bändige. Der Widerling ist doch bestimmt zwei Stunden im Atelier festgehalten.)
»Professor Donner hat mir Kredite verschafft, der gute alte Mann. Ich zahle noch immer ab. Eigenes Geld hatte ich ja auch … na, und so bin ich also hergezogen vor einem halben Jahr und habe den Laden da unten aufgemacht. Er geht phantastisch«, berichtete Julia.
»Das freut mich. Das freut mich wirklich, Hase.« (Diese Beine. Und diese Brüste. Das leichte Kleid läßt den ganzen Körper ahnen. Ich kenne ihn ja schon … Und ob ich ihn kenne! Es war doch schlau von mir, daß ich das Geschenk mitgebracht habe. Wenn der Hase erst einmal das Geschenk … da hat er noch niemals Widerstand leisten können!)
»Jetzt, nach Donners Tod, leitet die gute Frau Pröschl den Theresienkroner Betrieb mit einem Nachfolger für den Professor, den er noch selbst bestimmt hat. Ach, das habe ich ja ganz vergessen. Es ist doch gut, daß du gekommen bist.«
»Nicht wahr?« (Noch ein kleines Weilchen, dann fange ich an.)
»Ich rede rein geschäftlich, Jakob! Wir müssen jetzt die Statuten ändern! Alle Filialen und Werke außerhalb Theresienkrons, die dem Professor und dir gehört haben, gehören nun dir allein!«
»Und du?«
»Ich will nichts davon haben! Ich habe genug! Im Gegenteil – ich muß dir noch etwas geben!«
»Was?«
»Die Forschungsergebnisse des Professors! Er hat sensationelle Entdeckungen gemacht! Unsere Hennen legen jetzt die besten Eier der Welt!« Julia sprang auf und lief zu einem zierlichen Schreibtisch. »Ich habe die ganzen Unterlagen hier drin, ich gebe sie dir gleich mit! Es ist ein Haufen Papiere! Die Erfindungen habe ich schon zum Patent angemeldet – in deinem und in Donners Namen. Nutzungslizenz für Theresienkron ist auch erledigt. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem ›Gacker-Blocker‹ …« Julia öffnete und schloß Schubladen, sie suchte.
»Hase, ich flehe dich an! Nach so langer Zeit sehe ich dich wieder … Ich liebe dich … Ich werde immer nur dich lieben! Ich nehme dich mit mir! Auf der Stelle! Hinaus in die Welt! Wir bleiben zusammen! Das haben wir doch immer gewollt!«