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Andreas Wilhelm

Hybrid

Thriller

1. Auflage

Originalausgabe April 2011 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe

Random House GmbH, München.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011

by Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Umschlagmotiv: © Artwork HildenDesign, München

NB – Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-05601-8

www.blanvalet.de

Das Buch

Tom Hiller ist freier Journalist in Hamburg. In der Elbe wird ein abgerissener und halb verwester menschlicher Fuß im Wasser entdeckt. Eine Nachricht, auf die sich die Presse erfahrungsgemäß stürzt. Wieso wird Toms Story also nur halbherzig gebracht? Und warum führt seine Nachfrage bei der Polizei ihn gleich zu einem Hauptkommissar und zum Innenministerium?

Tom recherchiert weiter und deckt Machenschaften eines Schweizer Pharmakonzerns auf, der Verbindungen nach Brasilien hat. Offenbar geht es um Genforschung, fragwürdige kriminelle Experimente, milliardenschwere Verträge und Korruption. Polizei, Politik – die Funktionsträger in Hamburg sind anscheinend gehörig in die ganze Angelegenheit verstrickt.

Zusammen mit der Studentin Juli Thomas reist Tom schließlich selbst nach Brasilien. Und was sie dort, in einem verlassenen Lager mitten im Dschungel entdecken, ist grausamer als alles, was sie sich in kühnsten Träumen ausgemalt hatten …

Der Autor

Andreas Wilhelm, geboren 1971, wuchs in Südafrika, der Schweiz, Nigeria und Portugal auf und lebt heute mit Frau und Kindern in der Nähe von Hamburg. Nach seiner international sehr erfolgreichen Trilogie Projekt: Babylon, Sakkara und Atlantis ist Hybrid nun ein neuer spannender Thriller, der in Hamburg und Brasilien spielt.

Außerdem lieferbar:

Projekt: Babylon (36832) – Projekt: Sakkara (36987) – Projekt Atlantis (37454)

Kapitel 1 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai

Die weichen Stränge der Eingeweide schlangen sich im Wasser um meine nackten Oberschenkel. Ich maß der fast zärtlichen Berührung zunächst keine Bedeutung bei und vermutete Wasserpflanzen als Ursache. Nie habe ich mich auf entsetzlichere Weise getäuscht.

Als ich das Hindernis entfernen und der Strömung übergeben wollte, ergriff ich einen wie zu einem Brotteig geformten Klumpen, fest und zugleich nachgebend, weißlich und von einer schleimigen Substanz überzogen.

Ich zuckte zurück und strampelte mich frei, wollte Abstand zwischen mich und das Objekt bringen, das ich für einen übergroßen toten Fisch, einen Wels oder vielleicht einen Amazonasdelfin, hielt. Aber das, was sich um meine Beine geschlungen hatte, blieb mit mir verbunden, ich spürte das Gewicht an mir zerren. Die Masse bewegte sich träge, und ich machte im Wasser Fetzen braunen Stoffes aus. Ich hoffte, dass es sich um Teile eines Fischernetzes handelte, das das Tier mit sich gerissen hatte. Aber es war kein Fischernetz. Und es war auch kein Fisch. Stattdessen erkannte ich als Nächstes einen menschlichen Arm, der wie eine blasse Muräne aus dem Körper zu ragen schien. Wo eine Muräne ihr Maul und ein normaler Arm seine Hand gehabt hätte, trieben nur lose Fetzen.

Mich packte blankes Entsetzen. Mein Studium und meine Arbeit im Camp hatten mich im Umgang mit den äußeren und inneren Teilen der menschlichen Anatomie in ihren unterschiedlichen Zersetzungszuständen geschult. Ich bin gewiss nicht zimperlich. Aber es ist eine Sache, eine fachgerechte Autopsie vorzunehmen, und eine andere, nur mit einem Bikini bekleidet von den angefressenen und fauligen Eingeweiden einer Wasserleiche umschlungen zu werden.

Nur mit Mühe konnte ich meinen aufkommenden Ekel eindämmen und konzentrierte mich stattdessen darauf, meine Beine aus der grauenvoll intimen Umklammerung zu befreien. Ich strampelte wild und trat dabei dumpf gegen den Körper, der sich dadurch zu drehen begann. Ganz langsam neigte er mir seinen Kopf entgegen. Ein Kopf, der in einer furchtbaren Weise am Hals baumelte und dessen von Geschwülsten verformte, augen- und zum Teil fleischlose Züge nichts Menschliches mehr an sich hatten.

Mein gellendes Schreien war es wohl, das schließlich zwei Indios aus dem Camp herbeirief.

Daran, wie sie mich heute Morgen aus dem Fluss gezogen und ins Camp zurückgebracht hatten, kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Beachclub »28 Grad«, Wedel, 18. Juli

Tom trat durch die Pforte aus Bambus und Palmwedeln. Hier hatte sich seit dem letzten Jahr nicht viel verändert, stellte er fest, als er sich in der Nähe der Bar nach einem Platz umsah. Immer noch die gleiche Art von Menschen. Junge Frauen, die aussahen, als seien sie der Instyle oder Glamour entstiegen, ein paar breitschultrige und braun gebrannte Testosteron-Protze, die vermutlich als Türsteher auf der Reeperbahn arbeiteten, und ein paar wohlhabende Familien aus Blankenese oder Klein Flottbek mit ihren in Poloshirts gekleideten Kindern und dem obligatorischen Luxushund.

Tom setzte sich oberhalb der zum Strand hin abfallenden Terrassenstufen an einen Tisch im Schatten der Bäume. Das letzte Mal hatten sie dort drüben gesessen. Wo man jetzt gerade Latte macchiato schlürfte. Seit es in der Redaktion eine Espresso-Maschine mit Milchaufschäumer gab, konnte er das Zeug nicht mehr sehen. Er nahm seine Umhängetasche von der Schulter, griff über den Tisch und legte sie auf den Platz gegenüber. Dann würde sich wenigstens dort niemand hinsetzen.

Er wollte gerade auf den Fluss blicken, als eine der Angestellten an seinen Tisch trat. Schwarze Schürze, schwarzes Girlie-T-Shirt, beides mit »28 Grad«-Logo, die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und übermäßig eifrig.

»Hallo, was kann ich dir zu trinken bringen?«, flötete sie jovial. »Oder magst du was essen?«

»Ein Strongbow, bitte«, sagte er.

»Und soll ich dir die Karte bringen?«

»Nein danke.«

»Okay, alles klar, danke dir!« Grinste und ging.

Anne hatte sich immer Strongbow bestellt, und nun war es ihm herausgerutscht. Er mochte das Getränk nicht einmal sonderlich. Verdammt, er hätte sich besser ein Bier ordern sollen.

Er sah auf den Fluss. Irgendeine Macke hatten sie alle. Mit Anne war er immerhin länger ausgekommen, aber am Ende war es doch wieder aufs Gleiche hinausgelaufen. Er brauchte nun mal seinen Freiraum. Er konnte einfach nicht jeden Augenblick darauf achten, was sie über dieses oder jenes denken würde, wie sie sich fühlte, was sie brauchte oder wünschte. Wenn sie zur Abwechslung mal ein bisschen an ihn statt immer nur an sich gedacht hätte, wäre ihr das vielleicht klar geworden. Aber die Menschen drehen sich meist nur in ihrer kleinen Welt im Kreis. Ich, ich, ich. Seht, was ich kann, was ich habe!

Tom ließ den Blick über die Gäste des Beachclubs wandern. Gefangen in ihren beschränkten Konzepten von Erfolg und Glück. Aber in Wahrheit waren die meisten von ihnen nichts als zweidimensionale Strichmännchen, klischeehafte Nebenfiguren in einem schlechten Roman, und wie so oft hätte er auch jetzt, in diesem Moment, nichts dagegen gehabt, wenn sie alle verschwänden, wenn er hier allein sitzen könnte.