Выбрать главу

»Nein. Vielleicht der aus dem Labor?«

Hwang klickte ein bisschen herum, bis sich eine Seite mit einer Personalakte von Dirk Gäbler öffnete. Das Foto zeigte den Mann, den sie blutend auf dem Boden gefunden hatten.

»Ja, das ist er.«

»Okay, also dann war er vor einer Stunde noch mit diesem Eintrag beschäftigt und hat … Moment … er hat einen Report gelöscht, den er erst kurz vorher eingestellt hatte!«

»Vielleicht ist ihm plötzlich aufgefallen, dass er etwas Sinnvolleres mit seinem Leben anfangen sollte«, sagte Tom, »und hat sich entschieden, alles wieder zu löschen.« Aber keiner lachte darüber.

»Vielleicht wollte er Spuren verwischen«, überlegte Juli.

»Nein, nein.« Hwang winkte ab. »Jeder, der hier arbeitet, weiß, dass alles im System protokolliert wird.«

»Dann hat man ihn vielleicht gezwungen«, rätselte Juli weiter.

»Er muss es ja gar nicht selbst gewesen sein«, erklärte Tom, »sondern lediglich jemand, der seinen Rechner verwendet hat, wenn der noch mit seinem Namen im System eingeloggt war.«

»Ganz richtig«, bestätigte Hwang. »Wenn der Mann tatsächlich überfallen wurde, könnte es sein, dass derjenige sich an seinem Rechner zu schaffen gemacht hat, um die Ergebnisse wieder aus dem System zu löschen.«

»Ja, aber wozu?«, fragte Tom. »Solange der Mann noch lebt, kann er ja erzählen, was er herausgefunden hat, oder seine Untersuchung jederzeit …« Tom stockte. »Der Fuß! Wir haben nicht geprüft, ob der Fuß noch da ist! Jede Wette, dass der geklaut wurde.«

»Also ganz ehrlich«, meinte Hwang, »kann ich mir nicht vorstellen, was an einem Fuß so besonders sein soll, dass hier gleich solche Verschwörungstheorien gesponnen werden. Ich meine, hier in der Rechtsmedizin werden im Jahr fast zweitausend Leichen obduziert. So ein oller Fuß ist da eher, na ja …«

»Da steckt mehr dahinter«, sagte Tom in einem Tonfall, der viel sicherer klang, als er tatsächlich war.

»Gibt es denn keine Möglichkeit, an den gelöschten Report heranzukommen?«, fragte Juli. »Eine Sicherheitskopie oder so?«

»Klar gibt es inkrementelle Backups, aber die werden nur alle vierundzwanzig Stunden einmal gefahren. Das Ding ist gar nicht erst in den Lauf gekommen, so schnell war das schon wieder weg.«

»Wie sieht’s mit temporären Dateien aus?«, fragte Tom.

»Nicht schlecht …« Hwang überlegte. »Auf dem lokalen Rechner im Labor könnte was zu finden sein …«

»Da kommen wir nicht dran«, unterbrach ihn Tom. »Die Polizei wird alles absperren. Außerdem ist der mit großer Sicherheit kaputt. Da sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.«

»Na gut, aber einen Versuch haben wir noch!« Hwang tippte einfach auf der Tastatur herum. »Deine Idee mit temporären Dateien war gut.«

Tom konnte sich ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen, als Juli ihm zunickte. Da konnte sie also sehen, dass er durchaus einen journalistischen Spürsinn dafür hatte, wo man suchen musste.

»Alle Mitarbeiter werden angehalten, keine lokalen Dateien zu speichern, sondern aus Sicherheitsgründen immer nur auf den Servern zu arbeiten«, erklärte Hwang. »Alle Abteilungen und Mitarbeiter haben ihre Remote-Verzeichnisse. Statt Texte und Dateien auf den Rechnern in den Büros zu speichern, werden sie im Netzwerk abgelegt, sodass man auch von einem beliebigen anderen Rechner aus darauf zugreifen kann. Zumindest so lange, bis die Daten fertig und offiziell sind und in der Datenbank dort landen, wo sie hingehören … Da! Seht ihr? Hier ist das Mitarbeiterverzeichnis von DGaebler.«

Auf dem Bildschirm öffnete sich ein Dateiordner mit zahllosen Dateien und Unterordnern.

»Natürlich sind die auch voll mit privatem Kram«, erklärte Hwang, während er eine Suchanfrage über die Ordnerstruktur startete. »Die legen ihre MP3-Sammlung hier ab, Fotos, Filme, Adressbücher, alles Mögliche. So. Bitte. Ich habe alle Dateien nach Datum sortiert. Die neueste ist die hier, und wie es aussieht …« Er klickte sie an, und es öffnete sich eine Bildschirmmaske mit zahlreichen ausgefüllten Textfeldern. »Na also, das ist der Report. Er hatte ihn ganz ordentlich vorbereitet und erst in die Datenbank hochgespielt, als er fertig war. Hier ist also noch die Ursprungskopie.«

»Großartig!«, rief Juli. »Kannst du ihn ausdrucken?«

»Klar, Moment.«

Wenig später kamen einige Blätter aus dem Drucker, und Hwang reichte sie an Juli, die sie sofort studierte.

Dann stockte sie und sah auf.

»Was ist?«, fragte Tom. »Was steht drin? Wissen wir, was mit dem Fuß los ist, wem er gehört?«

Juli schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte sie tonlos. »Aber dieser Fuß … er ist nur zum Teil menschlich …«

»Was soll das heißen? Ist er künstlich? Eine Prothese?«

»Er ist zum Teil Mensch … und zum Teil Tier!«

Kapitel 4 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai

Es war ekelerregend. Ich weiß, das ist keine sachliche, medizinische Beschreibung, aber was ich sah, als Christian die Leichentücher beiseitezog, verschlug mir den Atem.

Es ist gerade erst ein paar Stunden her, und die Bilder verfolgen mich. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich nichts anderes vor mir, es fällt mir unendlich schwer, alles zu verdrängen, auf Abstand zu halten. Das Schreiben lenkt mich ein bisschen ab, aber ich kann unmöglich ausführen, was ich gesehen habe, zu grauenvoll und entsetzlich war der Anblick, der sich mir bot.

Darüber nachzudenken, wie nah ich diesem – Ding im Wasser gewesen bin, dass sich die herausgerissenen und halb gefressenen, halb verwesten Eingeweide um meinen nackten Körper geschlungen hatten, lässt mich beben, ich wünschte, ich könnte meine Haut mit kochendem Wasser desinfizieren, abtöten, am liebsten ganz vom Körper reißen!

Christian schien bei all dem so wenig beeindruckt; ich weiß nicht, ob er mir den starken Mann vorspielen wollte oder ob er tatsächlich so abgeklärt ist, dass es ihm wirklich nichts ausmacht.

So gefesselt war ich von dem Grauen, dass ich lange Zeit vollkommen bewegungslos auf die verrotteten Fleischklumpen gestarrt haben musste. Christian erzählte irgendetwas, das ich nur gedämpft wahrnahm, und ich fuhr erschrocken zusammen, als er mich am Arm packte und mich fragte, ob ich ihm überhaupt zugehört hatte.

Ich riss meinen Blick los von diesen leeren Augenhöhlen, der aufgeschwemmten und von Geschwüren übersäten Masse eines einstigen Gesichts, den aufgeklappten weißen Hautlappen und den herausgerissenen bleichen Fleischfasern. Vor meinem geistigen Auge sehe ich jetzt noch die schwarzen Borsten, die an mehreren Stellen die Haut durchdrangen, gerade, drahtige Gebilde, mehrere Zentimeter lang, ohne jede Ähnlichkeit mit menschlichem Haar.

Christian redete auf mich ein, deutete auf einen niedriger liegenden Teil des amorphen Fleischhaufens. Was einmal ein Brustkorb oder eine Bauchhöhle gewesen sein musste, klaffte weit auf und offenbarte einen ausgebluteten und aufgeweichten Brei aus schlangenartigen, grauweißen Schläuchen und Schnüren, aus denen einzelne Knochen herausragten wie die Zähne einer höllischen Monstrosität, in deren bestialischen Schlund man geradewegs hineinblickte.

Ob mir etwas Besonderes auffiele, fragte mich Christian, aber ich schüttelte wohl nur entgeistert den Kopf. Die albtraumhafte Ungeheuerlichkeit hielt mich gefangen, längst schon war ich zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Es war mir unmöglich, das, was ich hier sah, mit dem zu vereinen, was ich über den menschlichen Körper gelernt hatte, der Anblick spottete jeder anatomischen Lehrstunde, sprengte jeden Rahmen meiner Vorstellung.