»Nein, stimmt. Ich will ehrlich sein. Und bis ich den Report gelesen hatte, kannte ich diese merkwürdigen Details auch nicht. Aber ich habe ein persönliches Interesse herauszufinden, woher dieser Fuß kommt. Mit dem Studium hat es nichts zu tun. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.«
Tom lehnte sich zurück. »Also für eine Zusammenarbeit ist das reichlich wenig Vertrauen.«
»Es muss leider vorerst reichen«, sagte sie. »Ich werde es dir erzählen, versprochen. Aber noch nicht gleich. Ich muss erst selbst näher an die Sache herankommen. Kannst du damit leben?«
Er überlegte nur kurz. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Wenn sie sich entschied, ihre Geheimnisse für sich zu behalten, gab es nichts, das er dagegen unternehmen konnte. Immerhin war ein persönliches Interesse vermutlich mindestens ebenso sehr ein Antrieb, der Sache auf den Grund zu gehen, wie der berufliche Ehrgeiz.
»Deal«, sagte er.
Juli breitete die Papiere vor sich aus.
»Also, der Bericht besteht aus der pathologischen und der molekularbiologischen Untersuchung. In der Molekularbiologie werden Untersuchungen des Erbguts vorgenommen. Also Vaterschaftstests, Untersuchungen auf Erbkrankheiten und so was. Und im Auftrag der Kriminalpolizei werden auch DNA-Spuren gesucht und identifiziert. Speichelproben, Haare von einem Tatort oder Leichenreste. Deswegen war der Fuß hier untersucht worden. Bei Leichenteilen, die stark verwest sind, ist das nicht so leicht, und der Fuß trieb offenbar auch eine Weile im Wasser. Im Bericht steht, dass man daher Teile des Knochens verwendet hat, diese Zellen sind in der Regel robuster und erhalten das Erbgut etwas besser.
Bei dieser Untersuchung ist herausgekommen, dass es sich beim Abbild der Gene nicht um ein übliches menschliches Muster handelt. Es wurden fremde Gene gefunden, die sich im Abgleich mit der Datenbank als Gene von Schweinen herausstellten.«
»Was bedeutet das? Kann es sein, dass die Probe irgendwie … verunreinigt war oder so?«
»Theoretisch ist das möglich. Aber die Vergleichstests zeigten dasselbe Ergebnis. Außerdem gab es auch Gene, die eine Mischform aufwiesen, die weder Mensch noch Tier eindeutig zugeordnet werden konnten.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich auch nicht. Wenn diese Ergebnisse stimmen, dann handelt es sich bei dem Fuß um eine Extremität, die weder menschlich noch tierisch ist, sondern ein regelrechter Hybrid.«
»Aber so etwas gibt es nicht!«
Juli nickte. »Mensch-Tier-Hybriden nicht. Aber im Labor sind durchaus schon Experimente geglückt, in denen verschiedene Tierformen gemischt oder Mäusen menschliche Organzellen eingepflanzt wurden.«
»Das ist ziemlich ekelhaft.«
»Aber ein wichtiger Forschungszweig.«
»Und wo kommt dieser Fuß nun her? Steht da noch mehr?«
»Ja, es ist eine seltsame Verfärbung des Gewebes festgestellt worden, die mit den in der Pathologie bekannten biochemischen Vorgängen des Verwesungsprozesses nicht zu erklären waren. Das Fleisch befand sich zwar schon im fortgeschrittenen Zersetzungsprozess, aber es enthielt haufenweise unbekannte Pigmente. Die Untersuchung hat ergeben, dass es sich dabei um Farbstoffe auf Basis synthetischer Polymere handelt …«
»Und das sind …?«
»Künstlich hergestellte Farbstoffe. Aus dem Labor.«
»Also war das Fleisch irgendwie tätowiert?«
»Nicht ganz. Bei einer Tätowierung werden Farbpigmente unter die oberste Hautschicht gestochen, wo sie im Grunde stecken bleiben, weil sie vom Körper nicht abgebaut werden können. Die Pigmente hier waren aber winzig, fast im Nanobereich, und befanden sich als Bestandteil in den Zellen selbst, und zwar in jeder einzelnen.«
»Das klingt auch nicht normal, oder?«
»Nein, ganz und gar nicht.«
»Gibt es da eine Art Erklärung in dem Bericht, ein Fazit oder so was?«
»Nein, es sind wirklich nur die reinen Untersuchungsergebnisse ohne Interpretationen.«
»Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt«, überlegte Tom, »und etwas, das nur aussieht wie ein Fuß, in einen Schuh gestopft, eine Weile lang angammeln lassen und dann in den Fluss geworfen, um Leute zu erschrecken.«
»Der Pathologiebericht bestätigt, dass es sich vom Bau der Knochen her tatsächlich um einen Fuß handelt. Schuhgröße zweiundvierzig steht hier. Spuren an den Knochen weisen Kratzer und Splitter auf, wie sie entstehen, wenn er zertrümmert oder zerbissen wird. Der Zustand deutet auf eine Verwesungsdauer von sechs bis zwölf Monaten hin, je nach Feuchtigkeit und Temperatur der Umgebung. Im Wasser lag der Fuß allerdings höchstens ein paar Tage. Zwischen Schuh und Fuß wurden Reste von Erde und Pappelblätter gefunden.«
»Tja«, meinte Tom und nahm einen Schluck, »was sagt uns das alles?«
Nun war es an Juli, sich zurückzulehnen.
»Ich weiß es auch nicht«, gab sie zu. »Jedenfalls ist das kein normaler Fuß. Und irgendjemand hat ein Interesse daran, seine Entdeckung zu verhindern, wie wir gemerkt haben.«
»Also vermutlich doch kein Scherz.«
»Nein, eher nicht.«
»Der Fuß war irgendwo verborgen«, überlegte Tom, »vielleicht in der Erde oder in einem Wald, wenn man die Spuren im Schuh so deuten kann. Und dann ist er irgendwie in den Fluss geraten.«
»Nur wie haben die, die seine Entdeckung verhindern wollen, so schnell davon erfahren, dass er wieder aufgetaucht war?«
»Durch meinen Artikel. Vielleicht wussten die Leute, dass der Fuß in den Fluss gefallen war, und nun warteten sie bloß darauf, dass er irgendwo angeschwemmt wurde.«
»Oder es war der Hinweis auf die Verfärbung, der sie hellhörig gemacht hat«, sagte Juli. So wie mich, fügte sie in Gedanken hinzu.
Tom kniff die Augen zusammen. »Vielleicht können wir selbst herausfinden, aus welcher Gegend der Fuß gekommen ist.«
»Wie willst du das anstellen?«
Er rückte ein Stück vor. »Überleg maclass="underline" Wir wissen, wann und wo er angespült wurde. Wir können uns die Strömungsdaten der Elbe besorgen und anhand der Gezeitentabelle ziemlich genau ablesen, wie sich der Fluss in den letzten Tagen verhalten hat. Dann bauen wir im Rechner ein möglichst präzises Modell der Elbe, füttern es mit diesen Daten und können eine Rückberechnung vornehmen.«
»So was kannst du?«
»Ich nicht. Aber ich kenne jemanden, der es kann.«
»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte plötzlich jemand neben ihnen. Es war ein Herr in den Fünfzigern, begleitet von einem jüngeren Mann, beide mit Stoffhosen, Hemd und sommerlichen Jacken, die sie offiziell aber leger aussehen ließen.
Der Ältere zeigte unauffällig seine aufgeklappte Brieftasche.
»Hauptkommissar Berger. Dürfen mein Kollege und ich uns für einen Augenblick zu Ihnen setzen?«
»Können Sie mir sagen, wo Sie heute Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr gewesen sind?« Berger sah von Juli zu Tom.
»Ist das ein Verhör?«, fragte Tom. Er wunderte sich, wie schnell die Beamten ihre Spur aufgenommen und sie in diesem Restaurant ausfindig gemacht hatten.
»Es ist nur eine Frage.«
»Wir waren gemeinsam am UKE«, sagte Juli.
»Und wo dort genau?«
»Beim Rechenzentrum.«
Tom atmete innerlich auf. Er schätzte, dass die Polizisten sie über Hwang und dessen Zugriff auf die Daten gefunden hatten. Von ihrem Besuch bei Professor Heide wussten sie vielleicht noch gar nichts, daher war es nur gut, wenn Juli ihnen lediglich bestätigte, was sie vermutlich ohnehin wussten.
Der Hauptkommissar nickte. »Und ist Ihnen dabei etwas Besonderes aufgefallen?«
»Nein«, sagte Juli. »Wir haben einen Kollegen von mir besucht.«
»Ja, das wissen wir. Deswegen sind wir hier, Frau Thomas. Aber Sie haben nicht zufällig auch Sirenen gehört oder Rauch gesehen?«