Juli zeigte einen überraschten Gesichtsausdruck. »Nein. Was ist denn passiert?«
Berger sah sie einen Moment lang schweigend an. »Es hat einen Vorfall gegeben«, sagte er dann. »Und zwar in dem Labor, in dem dieser Report erstellt wurde. Ich darf mal?« Er griff nach dem Ausdruck, der noch immer auf dem Tisch lag. »Können Sie mir erklären, wie dieser Bericht in Ihren Besitz kommt? Dies sind Unterlagen, die der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen.«
Juli gab sich wenig beeindruckt. »Erstens studiere ich am Klinikum und habe häufiger mit solchen Berichten zu tun. Und zweitens ist das lediglich ein beliebiger Bericht, der tut nichts zur Sache.«
Hauptkommissar Berger wechselte mit seinem Kollegen einen vielsagenden Blick. Dann setzte er ein künstliches Lächeln auf. »Und wie kommt es dann, dass man mir im Rechenzentrum gesagt hat, Sie hätten gezielt diesen Fall angesprochen?«
Verdammt, dachte Tom.
Juli zeigte keine Regung. »Ich bat lediglich darum, mir einen aktuellen Fall aus der Molekularbiologie herauszusuchen, in dem es um abgetrennte Körperteile geht. Heraus kam dieser.«
»Sie interessieren sich für abgetrennte Körperteile?«
»Für meine Dissertation. Verwesungsprozesse und autoimmunologische Effekte in der plastischen Chirurgie massiv traumatisierter Extremitäten.«
Hauptkommissar Berger nickte abwesend. Tom vermutete, dass der Mann genauso wenig verstanden hatte, um was es ging, wie er selbst. Aber Julis Antwort kam ihr so flüssig über die Lippen, dass es absolut glaubwürdig klang. Vielleicht stimmte es sogar.
»Wie dem auch sei, ich muss Sie beide bitten, mir Ihre Personalien zu geben, falls wir Sie noch ein weiteres Mal befragen müssen. Und diesen Bericht muss ich als Beweisstück einbehalten.«
Sie händigten dem Hauptkommissar ihre Ausweise aus. Er warf einen Blick darauf, stockte plötzlich und sah auf.
»Ihr Name kommt mir bekannt vor. Sind Sie nicht Reporter, Herr Hiller?«
»Journalist.«
Berger lehnte sich vor und senkte seine Stimme ein wenig. »Also schön, Herr Hiller, und auch Sie, Frau Thomas, hören Sie mir gut zu. Aufgrund Ihrer Aussage müssen wir für den Augenblick davon ausgehen, dass Sie rein zufällig über diesen Bericht gestolpert sind. Aber persönlich glaube ich nicht an Zufälle. Ich sage es Ihnen jetzt ganz freundschaftlich: Halten Sie sich aus der Sache heraus und vergessen Sie den Report ganz schnell! Wir haben noch eine Menge Daten auszuwerten, und wenn mir etwas merkwürdig vorkommt, dann dürfen Sie dreimal raten, bei wem ich wieder klingeln werde. Sollte sich herausstellen, dass Sie mit drinstecken, dann werde ich Sie für das heutige Versteckspiel noch mal gesondert zur Rechenschaft ziehen.«
Tom nickte, und als die Bedienung in diesem Augenblick an ihren Tisch trat, fragte Juli schlicht: »Möchten Sie auch etwas bestellen, Herr Berger?«
Der Mann grinste schief und erhob sich. »Einen schönen Abend noch«, sagte er und verschwand mit seinem schweigsamen Kollegen.
»Zwei Bier«, orderte Juli und sah Tom schließlich an. »Puh«, sagte sie.
»Reichlich unangenehm«, stimmte Tom ihr zu. »Wie’s aussieht, hat dein Hwang denen ein bisschen was geflüstert. Sogar deine Lieblingskneipe.«
»Ja, wir hätten dran denken sollen, ihn nach seiner konspirativen Unterstützung zu erschießen.«
»Meine Güte, ein bisschen Verschwiegenheit hätte man doch erwarten können, oder?«
»Nicht jedermann hat Lust, es sich mit der Polizei zu verscherzen. Wir sollten froh sein, dass er nun aus der Sache raus ist. Wir müssen nicht noch mehr Leute hineinziehen.«
»Was war denn das für eine Geschichte mit der traumatischen Chirurgie von Extremitäten oder was du erzählt hast?«
»Nichts, das habe ich mir ausgedacht.«
»Du kannst lügen, ohne rot zu werden.«
»Vielleicht hätte ich Journalistin werden sollen.«
»War das eine Anspielung?«
»Auf dich jedenfalls nicht«, meinte sie und grinste. »Du hast dagesessen, als hätte man dich mit der Hand in der Keksdose erwischt.«
Tom lächelte. Sie war nicht auf den Mund gefallen.
Kapitel 5 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 13. Mai
Den ganzen heutigen Tag versuchte ich, meine Gedanken von dem grausamen Fund abzubringen. Inzwischen haben alle aus dem Camp, die einen robusten Magen haben, zumindest einmal einen Blick in den Lagerraum geworfen. Christian ist zusammen mit Dr. Larssen scheinbar sogar so weit gegangen, die Leiche näher zu untersuchen. Vorhin, beim Abendessen, als gäbe es keinen besseren Zeitpunkt, plauderten sie über Details der Wundränder und die Beschaffenheit der Geschwüre. Und dann begann die große Diskussion, was es damit auf sich habe. Ich wäre am liebsten aufgestanden und hätte mit meinen hochgewürgten Ravioli draußen den Jacaranda gedüngt. Aber natürlich musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Und tatsächlich wurde es nach einiger Zeit besser. Denn dann wurde spekuliert, was dem Mann – Christian frotzelte damit herum, woran er das Geschlecht noch hatte erkennen können – zugestoßen sein konnte.
Der Kadaver muss einige Tage im Wasser getrieben sein. Für die zahlreichen offenen Wunden, das herausgerissene Fleisch und die fehlenden Gliedmaßen sind wohl Tiere verantwortlich. Krokodile und Piranhas, was eben in den Flüssen hier so schwimmt. Im Grunde ist weniger der Zustand der Leiche verwunderlich als die Tatsache, dass wir überhaupt noch Reste gefunden haben.
Der Rio Amaro, an dem dieses kleine Indiodorf und unser Camp liegen, ist weder besonders breit, noch führt er außerhalb der Regenzeit sonderlich viel Wasser. Die Strömung ist sehr gemächlich, bisweilen kommen einem die von Mangroven gesäumten Ufer eher wie eine ruhige Lagune vor. Einen weiten Weg kann die Leiche also nicht zurückgelegt haben. Nicht mehr als zwei oder drei Tagesmärsche flussaufwärts vermuten die anderen. Dort gibt es allerdings keine Plantagen oder Rodungsgebiete mehr, nicht einmal größere Siedlungen, wenn man von einzelnen Urwalddörfern absieht. Das jedenfalls wissen wir von den Indios, die hierherkommen, um sich von uns medizinisch versorgen zu lassen. Der Regenwald ist flussaufwärts unberührt und wild. Das macht das Auftauchen einer Leiche hier sehr ungewöhnlich.
Noch viel ungewöhnlicher ist aber, dass Dr. Larssen zwei Schusswunden im Rücken entdeckt hat. Oder jedenfalls hält er es dafür. Der Zustand des Kadavers und die beschränkten Möglichkeiten im Camp ermöglichen keine vernünftige Autopsie. Aber falls es stimmt, vermutet er, dass die Schüsse tödliche Wunden in der Lunge und anderen inneren Organen verursacht haben müssen. Wenn das so ist, dann handelt es sich hier vielleicht sogar um ein Mordopfer!
Ich finde ja die violetten Verfärbungen am seltsamsten. Es sind keine Hämatome, Leichenflecken oder Pigmentstörungen. Vielmehr wirkt es so, als habe man das Fleisch künstlich eingefärbt. Aber nicht äußerlich, wie durch ein Färbebad, sondern von innen heraus, wie auch immer das möglich sein sollte. Es sieht in jedem Fall unnatürlich aus. Mir sind keine biologischen Prozesse bekannt, die so etwas bewirken könnten.
Beim Essen war mir aufgefallen, dass sich Susan bei den Gesprächen sehr zurückgehalten hat. Vielleicht wollte sie ihren Status als Campleiterin deutlich machen. Aber sonst ist sie eigentlich immer ganz zugänglich. Sie hat immer wieder Blicke mit Dr. Paulsen und Brian gewechselt. Die beiden sind schon genauso lange im Camp wie sie, und ich habe das Gefühl, dass sie sich über irgendetwas Gedanken machen, etwas wissen.
Ich muss herausfinden, was ihrer Meinung nach dahintersteckt. Löwenstraße, Eppendorf, Hamburg, 21. Juli
Juli klingelte kaum zwanzig Minuten, nachdem er sie angerufen hatte. Tom betätigte den Summer und öffnete seine Wohnungstür. Er hörte, wie sie die hölzerne Treppe des Altbaus hochstieg.
»Dritter Stock«, rief er hinunter.