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Sie erschien wie schon am Tag zuvor in einer Jeans und einer kurzen Jacke. Nach dem gestrigen Verlust war es nun eine Lederjacke im gleichen Farbton wie ihr Haar. Juli trat in den Flur und sah sich um. Tom wusste, dass seine Wohnung keinen sonderlichen Eindruck machte. Gemeinsam mit Anne waren die meisten Gegenstände verschwunden, die den Ort wohnlich gestaltet hatten. Die Staubfänger, wie er sie nannte: Bilder, Stehlampen, Vasen, Dekostücke. Er brauchte all das weder zum Arbeiten noch zum Fernsehen oder zum Schlafen. Jetzt, zum ersten Mal seit einem Jahr, vermisste er die ganzen Sachen. Nicht um ihretwillen, sondern weil er schätzte, dass das Aussehen seiner Wohnung Juli als ein Abbild seines Innenlebens vorkommen könnte. Jedenfalls würde er selbst so denken. Und aus Gründen, die ihm selbst nicht ganz klar waren, wollte er ihr gegenüber einen möglichst positiven Eindruck machen.

»Schön, dass du so schnell kommen konntest«, sagte er und führte sie zügig ins Wohnzimmer, das von allen Räumen noch am ehesten eingerichtet aussah.

»Setz dich doch«, sagte er und wies auf das Sofa an der Wand. Auf dem Couchtisch davor hatte er sein MacBook aufgebaut. »Möchtest du einen Kaffee?«

»Klar«, gab sie zurück, setzte sich aber nicht, sondern trat an das Fenster und blickte auf die Baumkronen.

»So ein Kaffeepad?«, rief er aus der Küche.

»Nur zu!«, erwiderte sie und sah sich im Raum um. Die spartanische Möblierung sagte ihr, dass Tom vermutlich nur selten Besuch hatte oder einfach keinen Wert auf eine umfangreiche Ausstattung legte. Vielleicht beides. Der polierte Holzbohlenboden und die ordentlich restaurierten Stuckelemente an der Decke verrieten ihr, dass die Wohnung frisch saniert und keinesfalls billig war. Also hätte es sich der Journalist sicher auch leisten können, die Wohnung etwas herzurichten. Aber es wirkte alles irgendwie trostlos. Oder vielleicht war einsam das richtige Wort. Aber lieber das als eine verspielte Junggesellenbude, in der zwischen den Stapeln dreckiger Wäsche noch der Pappkarton der Pizza vom letzten Abend, das Vorlesungsverzeichnis der Uni, ein Mopedhelm und eine Playstation lagen. Dieser hier war ganz offensichtlich wenigstens erwachsen.

»Milch, Zucker?«

Juli folgte der Stimme und trat in seine Küche. Wie sie erwartet hatte, war sie ebenso leer wie alles andere. Ein paar Tassen standen auf der Spüle, und auf dem Boden ragten einige leere Bierflaschen aus einem Karton heraus.

»Beides.«

Tom schreckte auf, als sie plötzlich neben ihm stand.

»Danke«, fügte sie hinzu, als sie die Tasse entgegennahm.

»Ich weiß, sieht aus, als wäre ich gerade erst eingezogen«, sagte er.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Aber du hast es gedacht.«

Sie ging zurück ins Wohnzimmer. »Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich herum. Das ist ganz normal. Und gut so.«

Sie lächelte, setzte sich auf das Sofa und lehnte sich zurück.

»Also«, sagte sie nach einem ersten Schluck, »was hast du herausgefunden?«

Tom nahm in gebührendem Abstand neben ihr Platz und klappte den Rechner auf.

»Ich hätte es auch am Telefon erzählen können, aber es ist toller, wenn man es sich ansieht«, erklärte er, während er die notwendigen Programme startete. »Ein Bekannter von mir ist Computerexperte bei Airbus und beschäftigt sich mit Partikelsystemen und Strömungsberechnungen für die Aerodynamik. Nach unserem Essen hatte ich ihn angerufen und ihm von unserer Fragestellung erzählt. Daraufhin hat er sich noch gestern Abend alle Daten aus dem Netz gesucht und eine Simulation programmiert, die er auf seinen Systemen durchrechnen ließ. Das Ergebnis hat er mir als Film geschickt.«

Auf dem Bildschirm erschien eine schlichte Karte, auf der ein blaues, geschwungenes und zerstückeltes Band umrandet von grünen Flächen zu erkennen war.

»Das hier ist die Elbe auf der Höhe, wo der Fuß gefunden wurde«, erklärte Tom. Er deutete auf einen roten Punkt. »Genau dort. Da oben rechts siehst du Uhrzeit und Datum.« Er startete den Film. Nun wurden im Fluss viele kurze und lange Streifen sichtbar wie auf einem Strömungsfilm bei der Wettervorhersage. Datum und Uhrzeit begannen, rückwärts zu laufen.

»Die grauen Kästen, die sich auf der Elbe bewegen, sind die großen Frachter und Tanker«, sagte Tom. »Er hat alle ihre Daten mit eingebaut, da sie die Strömungen im Fluss beeinflussen.«

Der rote Punkt bewegte sich aus der Bucht heraus und wackelte in Richtung der Flussmitte. Dann steuerte er ein Stück landeinwärts, verharrte scheinbar, bis er schließlich flussabwärts trieb.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Juli.

»Das sind die Effekte der Tide«, sagte Tom. »Man sollte meinen, dass der Fuß lediglich den Fluss hinab in Richtung Nordsee geschwommen ist. Das würden wir hier, weil wir es rückwärts betrachten, als eine Bewegung landeinwärts sehen. Aber je nachdem, in welcher Tiefe der Fuß geschwommen ist und welche Strömung er erwischt hat, kann es sein, dass er bei auflaufender Flut wieder landeinwärts gespült wurde. Immer wieder ein Stück hinunter, dann wieder ein Stück hinauf. Das geht noch eine Weile so weiter, wie du siehst.«

»Aber letzten Endes …«

»Ja, letztlich ist er natürlich nicht den Fluss hinaufgetrieben, sondern kam aus Richtung der Stadt. Hier, der Film ist gleich zu Ende; und dort kommt die Stelle, die für uns interessant wird, bis dahin hat er es berechnet.«

Juli beobachtete, wie sich der rote Punkt nach seinen zahlreichen pendelartigen Bewegungen einem Ufer näherte und schließlich dort stehen blieb. Es war aber nicht das südliche Elbufer. Stattdessen war es das Ufer einer schmalen Landzunge, die sich inmitten der Elbe befand.

»Da. Das ist der berechnete Ausgangsort«, sagte Tom. »Neßsand.«

»Diese Insel?«

»Vom Beachclub aus kann man sie sehen, und man denkt immer, es sei das gegenüberliegende Ufer der Elbe. Aber es ist in Wahrheit die Insel. Das westliche Ende, das man von dort sehen kann, heißt Hans-Kalb-Sand. Der Teil, wo der Fuß herstammt, liegt weiter flussaufwärts, und das ist Neßsand.«

»Was macht ein Fuß auf der Insel?«

Tom nickte. »Und mehr noch: Was macht überhaupt irgendetwas dort? Denn Neßsand ist ein gesperrtes Naturschutzgebiet. Außer Bäumen und ein paar Vögeln dürfte es dort gar nichts geben. Und die Wasserschutzpolizei patrouilliert da regelmäßig.«

»Was aber auch bedeutet, dass es ein gutes Versteck ist«, überlegte Juli.

»Ja, richtig. Und dann ist mir noch etwas anderes eingefallen. Im Pathologiebericht war die Rede davon, dass sich im Schuh Pappelblätter befunden hatten. Okay, es ist eine ziemlich schwache Spur, aber immerhin, ich habe es überprüft, und auf Neßsand wachsen tatsächlich Pappeln, und zwar nicht zu knapp.«

»Nehmen wir an, die Berechnungen stimmen«, sagte Juli. »Dann gibt es doch im Grunde nur eins, was wir tun können.« Sie sah Tom an, und der hob eine Augenbraue. Sie war schnell. Und mutig.

»Man bräuchte ein Boot …«, tastete er sich vor, nicht sicher, ob sie die gleiche Idee hatte wie er.

»Ein möglichst kleines mit einem möglichst leisen Motor«, bestätigte Juli, »das nachts von einer unbeobachteten Stelle aus übersetzen kann.«

»Womit man sich natürlich eine Menge Ärger einhandeln könnte …« Er sah sie fragend an. Aber Juli blieb ungerührt.

»Nur, wenn man sich erwischen lässt.«

Sie trafen sich abends um halb elf auf dem Parkplatz des Wendehammers in der Nähe der alten Fabrik. Die Gebäude waren um diese Uhrzeit längst verwaist, nur einzelne Lampen auf dem Fabrikgelände warfen noch ein spärliches Licht. Hier war nahezu dunkles, menschenleeres Niemandsland, zwischen der Großstadt Hamburg und der weiter westlich liegenden Ortschaft Wedel. Die wenigen Menschen, die hier arbeiteten, Fabrikarbeiter und Büroangestellte, waren spätestens um sechs schon gegangen, auch Putzkolonnen waren inzwischen fort. Wachleute gab es hier keine.