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Als Juli ihren Wagen abstellte, sah sie Tom schon auf sie warten. Trotz des lauen Abends ließ die zwielichtige und heruntergekommene Umgebung sie schaudern. Noch am Tag zuvor hätte sie sich nicht vorstellen können, sich mitten in der Nacht mit einem Fremden im Nirgendwo zu treffen. Und ein Fremder war er schließlich, auch wenn sie wusste, wie er hieß, wo er wohnte und sie nichts Böses an ihm vermutete. Aber wie gut ließen sich Menschen wirklich einschätzen? Tatsache war, dass sie ihn längst nicht gut genug kannte, um ihm ihr Leben anzuvertrauen.

Es ist nur eine Bootsfahrt, ermahnte sie sich. Doch das ungute Gefühl, sich in etwas hineinzustürzen, dessen vollen Umfang sie noch nicht abschätzen konnte, ließ sich nicht abschütteln. Ihr Tatendrang hatte sie zwar auch schon früher in verzwickte Situationen gebracht, nur war dies hier etwas anderes.

Sie nahm sich vor, wachsam zu bleiben, wollte aber die Chance, der Antwort auf ihre Suche näher zu kommen, nicht ungenutzt lassen.

Sie ging zu Tom hinüber, der hinter der Straßenbegrenzung am Ufer des Flusses wartete. Kurz darauf bemerkte sie eine weitere Person, die etwas abseits stand und alles beobachtete. Dann sah sie, dass auf dem Wasser direkt hinter Tom ein kleines Motorboot trieb. Es war aus Gummi und gerade groß genug für zwei Personen. Eine Leine führte zu den schwarzen Schlackebrocken, die als Uferbegrenzung dienten. Es gab hier keinen Pier, nicht einmal einen kleinen Steg. Aber es war beinahe höchste Flut, die abfallenden Ufer standen schon hoch unter Wasser, und so war es möglich, dass man an dieser Stelle mit einem Boot fast direkt bis an die Straße herankam. Von den Steinen aus war es mit etwas Geschick möglich, hineinzuklettern.

»Kann sein, dass du nasse Füße bekommst«, grüßte Tom sie. »Aber es war die beste Möglichkeit auf die Schnelle.« Er schien ihren unruhigen Blick zur Seite zu bemerken. »Das ist Jeremy«, sagte er mit einem Nicken hinüber. »Ihm gehört das Boot. Er wird hier warten, bis wir es zurückbringen.«

»Will er denn nicht mitkommen?«

»Er möchte nicht mit drinstecken, falls wir erwischt werden.«

Unschlüssig sah sie zu dem Boot. Tatsächlich war es sogar unmöglich, es zu betreten, ohne mindestens einen Schritt ins Wasser zu tun. Also setzte sie sich und zog ihre Schuhe aus.

»Pass auf, dass du nicht ausrutschst«, sagte Tom.

Als sie fertig war, balancierte sie über die Steine, stützte sich einmal an Toms ausgestrecktem Arm ab und war schließlich im Boot. Tom folgte ihr, stieß das Gefährt mit einem Paddel von den Steinen ab und warf dann den kleinen Außenborder an. Bedächtig nahmen sie Fahrt auf und bewegten sich auf den Fluss hinaus.

Zehn Minuten später erreichten sie die Neßsand. Im Westen der Insel gab es einen Anlegesteg, den der Inselwart verwendete und der für größere Boote gedacht war. Um unentdeckt zu bleiben, mussten sie diesen Bereich natürlich meiden. Tom suchte daher weiter östlich am Strand einen Landeplatz, und kurz darauf betraten sie die Insel. Eine dünne Wolkendecke verdunkelte die Reste der Dämmerung. Über der Stadt und ihren Containerterminals, deren Lichtermeer man sehen konnte, lag ein orangefarbener Schein. Auf dem Wasser und auf der Insel war es bereits fast vollkommen dunkel. Dennoch war es ihnen möglich, Umrisse zu erkennen, nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

»Hoffentlich sieht man es nicht«, sagte Juli, während Tom das Schlauchboot ein kurzes Stück aufs sandige Ufer zog. Vom Wasser aus würde es sich als dunkler Schatten gegen den helleren Streifen Strand abheben.

»Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass in der nächsten Stunde nicht die Polizei vorbeifährt und zufällig herüberguckt.«

Sie ging einige Schritte, bis um sie herum Gräser und kleineres Buschwerk wuchsen. Tom dirigierte sie in Richtung der Inselmitte. »Wenn wir am Strand entlanggehen, kann man uns vielleicht entdecken«, erklärte er mit gedämpfter Stimme. »Ich weiß ja nicht, wie ernst die das mit den Kontrollfahrten nehmen. Daher gehen wir oberhalb, am Waldrand.«

»Warum flüsterst du?«

»Ich …« Tom zuckte mit den Schultern. »Nur so. Fühlt sich heimlicher an.«

»Falls der Fuß tatsächlich von hier gekommen ist«, sagte Juli, »dann ist er ja vermutlich ins Wasser gespült worden, und dann sollten wir am Strand gucken.«

»Wir behalten den Streifen im Auge und gehen nur nachsehen, wenn uns etwas verdächtig vorkommt.«

Ein Wildwuchs von Sträuchern und zum Teil erstaunlich hohen Bäumen beherrschte die Inselmitte. Die Elbinsel war gerade einmal sechzig Jahre alt. Entstanden war sie in den Vierzigerjahren des letztes Jahrhunderts, als während des Zweiten Weltkriegs am Südufer der Elbe eine Werft für Wasserflugzeuge gebaut wurde. Dabei war die Insel mit dem Aushub der Bauarbeiten aufgeschüttet worden. Die Natur hatte das Land schnell erobert, und inzwischen war die ehemalige Sandbank seit fünfzig Jahren Naturschutzgebiet.

»Ich bin nicht sicher, ob es eine gute Idee war, nachts herzufahren«, sagte Juli. »Man sieht ja fast nichts.«

Tom schwieg. Dass das Risiko, tagsüber erwischt zu werden, zu groß war, hatten sie ausführlich besprochen. Vielleicht hat sie ja Angst vor der Dunkelheit, überlegte er. Ein bisschen albern für eine erwachsene Frau. Aber möglicherweise konnte er sie beruhigen. Er stellte sich vor, wie sie immer stiller und immer nervöser wurde. Er würde dann etwas näher neben ihr laufen. Vielleicht wäre sie froh, einen kräftigen Mann in ihrer Nähe zu haben, vielleicht sogar Körperkontakt suchen. Es müsse ihr nicht peinlich sein, würde er ihr dann hinterher verständnisvoll sagen, wenn sie wieder auf vertrautem Gebiet waren. Sie würde ihn mit dankbaren Augen ansehen, lächeln, und dann …

»Scheiße!«, schrie Tom auf, als plötzlich ein Knurren neben ihm aus der Dunkelheit der Bäume drang. Tom stolperte zwei Schritte beiseite, rechnete damit, dass ihn etwas Großes anspringen würde.

Juli war ebenfalls stehen geblieben. Sie zog die Taschenlampe hervor, die sie eigentlich nur im Notfall hatten benutzen wollen, und leuchtete in das Unterholz. Dort stand ein Hund. Ein Mischling von der Größe eines Schäferhundes mit verfilztem Fell und eingefallenen Flanken. Er hatte die Ohren angelegt und bleckte die Zähne. Im Lichtkegel der Lampe wich er einen Schritt zurück.

»O nein«, sagte Juli, »sieh dir den an. Der Arme ist ja halb verhungert!«

»Das beruhigt mich kein bisschen«, rief Tom. »Der hätte sich fast auf mich gestürzt. Scheuch ihn weg, los!« Er bückte sich, offenbar auf der Suche nach Steinen, die er nach dem Tier werfen konnte.

»Red keinen Unsinn«, sagte Juli. »Du hast ihn erschreckt. Guck doch, was er für eine Angst vor uns hat.«

»Scheinbar nicht genug.« Tom hatte einen herumliegenden Ast gefunden und holte aus.

»Nicht!«, rief Juli und wollte Toms Arm festhalten. Aber der Hund setzte sich schon in Bewegung und rannte durch den Wald davon. »Jetzt hast du ihn verjagt!«

»Gut so. Wer weiß, was der für Krankheiten hat.«

»Nun stell dich doch nicht so an! Der ist vielleicht schon ewig lange auf der Insel und kommt nicht mehr aufs Festland. Und hier findet er nichts zu fressen. Du hast doch gesehen, wie schlimm er aussah.« Sie trat zwischen die Bäume. »Vielleicht können wir ihm helfen. Wir müssen ihn suchen.« Mit eingeschalteter Lampe stapfte sie los.

»He, warte mal«, rief Tom und eilte hinterher. Als Juli keine Anstalten machte, stehen zu bleiben oder sich umzudrehen, gab Tom klein bei. »Mach wenigstens die Lampe aus.«

Erneut hüllte Dunkelheit sie ein. Tom folgte Juli durch das Unterholz. Dieser Teil der Insel war fast drei Kilometer lang und einen halben Kilometer breit. Da es eine Insel war, konnte man sich schwerlich verlaufen, aber sie war groß genug, um stundenlang nutzlos umherzuirren, wenn man nicht einmal wusste, was und wo man suchte.

»Es würde mich wirklich interessieren, was dich an dieser Sache so sehr interessiert«, sagte Tom. »Es ist eine persönliche Sache, hast du gesagt. Aber es muss ja schon mächtig wichtig sein, wenn du so was hier unternimmst. Wir machen uns strafbar, und vermutlich haben wir auch schon am UKE diverse Gesetze gebrochen.«