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»Dasselbe gilt doch auch für dich.«

»Ja, aber es ist mein Job. Ich verdiene mein Geld mit Storys, und die guten Storys liegen nun mal nicht auf der Straße.«

»Das stimmt wohl«, antwortete Juli.

»Und du?«, hakte Tom nach, als sie keine Anstalten machte, weiterzusprechen. »Was treibt dich an?«

»Es lässt dir keine Ruhe, hm?«

»Nein.«

»Es hängt mit meiner Schwester zusammen. Ich weiß nicht, ob ich es vernünftig erklären kann. Es klingt vielleicht etwas weit hergeholt.«

»Versuch es«, drängte Tom, der sich die Arme vor das Gesicht hielt, um zurückschnellende Zweige aufzuhalten, die Juli beim Vorangehen umbog.

»Also gut«, seufzte sie. »Meine Schwester, Marie, ist Ärztin. Oder jedenfalls kurz davor. Im Augenblick arbeitet sie ehrenamtlich für Ärzte ohne Grenzen in einem kleinen Dorf in Brasilien. Na ja, also eher ein Urwalddorf südlich von Manaus, ziemlich weitab vom Schuss. Von dort hat sie mir immer geschrieben. Zwar mit reichlicher Verzögerung, aber regelmäßig. Und nun ist sie verschwunden.«

Tom schwieg.

»Der letzte Brief, den ich von ihr bekam, war reichlich beunruhigend«, fuhr sie fort, »und dann war plötzlich vier Wochen lang Sendepause. Also habe ich mich mit den Ärzten im Dorf direkt in Verbindung gesetzt. Von denen habe ich dann erfahren, dass Marie vier Wochen vorher auf eine Expedition flussaufwärts in den Urwald aufgebrochen war und man seitdem nichts mehr von ihr gehört hatte.«

»O Mann … und wie lange ist das her?«

»Das war vor drei Wochen. Ich habe natürlich noch einmal Kontakt gesucht, aber man konnte mir nichts Neues sagen. Man hatte einen Suchtrupp hinterhergeschickt, der aber einige Tage später zurückgekehrt war, ohne eine Spur gefunden zu haben.«

»Und mehr haben die nicht unternommen?«

»Sie zögern noch, sie offiziell als vermisst zu melden. Und ich verstehe nicht, warum.«

»Kann es denn sein, dass sie entführt wurde? Oder gibt es dort irgendwelche Banden?«

»Das ist unwahrscheinlich. Das Dorf liegt wirklich weitab, und in der näheren Umgebung gibt es nur noch einige verstreute Indiostämme.«

»Dann hat sie sich vielleicht verlaufen? Oder sie ist verunglückt?«

»Vielen Dank fürs Mutmachen …«

»O mein Gott, so meinte ich es nicht«, beeilte sich Tom zu versichern. »Ich überlege nur, was passiert sein könnte.«

»Du hast ja recht«, sagte sie leise. »Viele andere Möglichkeiten gibt es sicher nicht.«

Tom zögerte. Er wusste nun, warum sie nicht darüber hatte sprechen wollen. Aber was war es, das sie nun zu dieser Suche verleitete? Neßsand war schließlich nicht der brasilianische Urwald.

»Als ich deinen Artikel las«, sagte Juli, »hat mich die Beschreibung des Fußes stutzig gemacht. In dem letzten Brief erwähnte Marie, dass der Fluss bei ihnen im Dorf ebenfalls Leichenteile angespült hatte. Und auch sie waren violett verfärbt.«

»Und deswegen vermutest du eine Verbindung …?«

»Ich sagte ja, es ist reichlich vage und eigentlich nicht wirklich zu erklären. Aber irgendwie hat mich die Beschreibung erregt, so als würde ich etwas wiedererkennen … ich weiß nicht, wie das miteinander zu tun haben könnte, aber ich muss dem einfach auf den Grund gehen … Ergibt das irgendeinen Sinn?«

»Tja … ich schätze, irgendwo muss man anfangen.«

»Ja …«

»Was ist, warum bleibst du stehen?«

»Hier ist ein Zaun.« Sie schaltete ihre Lampe an.

Tom trat heran. Vor ihnen erhob sich eine fast drei Meter hohe Absperrung.

»Warum steht hier ein Zaun mitten auf der Insel?«, fragte Tom.

»Hier kann er nicht hindurch sein.«

»Wer?«

»Na, der Hund. Komm, wir folgen dem Verlauf. Ich bin gespannt, wo er hinführt.«

»Wir sind eigentlich nicht wegen des Hundes hier …«

»Ja, sicher, aber willst du nicht auch wissen, wer hier, mitten im Naturschutzgebiet, so was aufstellt?« Sie leuchtete nach oben. »Mit Stacheldraht obenauf. Hier war jemandem etwas ganz besonders wichtig. Und ein paar Sumpfhuhn-Nester waren es bestimmt nicht.«

Tom musste ihr recht geben. Dieser Zaun bestand nicht aus alten Latten oder Maschendraht, er war aus engen Stahlgittersegmenten gefertigt und so hoch, dass er eine ernsthafte Barriere darstellte. Es war zweifellos verdächtig.

Juli schaltete ihre Lampe aus, und gemeinsam folgten sie der Absperrung. Ihre Augen gewöhnten sich wieder an die Dunkelheit, und mit einer Hand am Zaun kamen sie zügig voran.

»Pass auf …«, hörte Tom gerade noch, als seine Füße plötzlich keinen ebenen Halt mehr fanden. Er rutschte einen guten Meter abwärts und fiel dann zu Boden. Julis Lampe flammte auf. »Hier ist ein Loch, wollte ich gerade sagen.« Sie stand etwas weiter oben, noch dicht am Zaun. Der Boden war hier ausgeschwemmt, eine tiefe Rinne verlief vom Zaun aus durch den Wald und in Richtung des Strandes. Die Rinne war so tief, dass sie den Zaun unterhöhlte, ein kleiner Betonfuß war zu erkennen, der einmal in der Erde gesteckt hatte und nun, von unten am Zaun hängend, in der Luft schwebte.

»Hier ist er also durchgekommen«, meinte Juli und sprang zu Tom hinab. »Irgendein Hochwasser oder eine Sturmflut hat die Erde weggespült. Sieh mal.«

»Willst du da rein?«, fragte Tom, während er aufstand und den Dreck von seiner Hose klopfte.

»Na sicher.«

Juli ging auf alle viere und zwängte sich unter dem Zaun hindurch. Tom folgte ihr. Unschlüssig blieben sie auf der anderen Seite stehen.

»Weiter am Zaun entlang oder direkt geradeaus?«, fragte Tom. »Ich würde schätzen, dass das, was der Zaun schützt, in der Mitte liegt.«

»Also dann geradeaus.«

Schon nach wenigen Schritten veränderte sich das Gelände. Die letzten vereinzelten Pappeln und Weiden wichen zurück, sie liefen durch Gestrüpp und mannshohe Brennnesselfelder.

Vor ihnen tauchte ein niedriges Gebäude auf, eher einem größeren Schuppen gleich, das sich mit seinem flachen Dach in die Umgebung zu ducken schien. Sie traten heran. Die Wände bestanden aus fensterlosen, großen Blechen, wie man es von einer einfachen Lagerhalle erwarten würde. Auch das Dach war aus Blech gefertigt.

Vorsichtig umrundeten sie den Bau. An keiner Seite fanden sie Fenster oder irgendwelche Hinweise, um was es sich handelte. Dann hatten sie die Stirnseite erreicht, wo eine einzelne Tür eingelassen war. Tom sah auf den Boden.

»Hier war einmal ein Weg«, stellte er fest. »Ein bisschen überwuchert, aber er führt direkt hierher. Vermutlich ist am anderen Ende der eigentliche Eingang durch den Zaun.«

Er untersuchte die Tür. Sie war mit einem Sicherheitsschloss versehen, aber zusätzlich lag ein Metallriegel quer davor, der mit einer Kette und einem Vorhängeschloss gesichert war. Halbherzig rüttelte Tom daran.

»Kein Chance«, murmelte er.

»Aber etwas muss da drin sein«, meinte Juli. »Niemand sichert so einen leeren Schuppen.«

»Folgen wir dem Weg«, schlug Tom vor. »Vielleicht finden wir noch mehr.«

Der ehemalige Pfad verlief gradlinig durch das Gestrüpp. Gebäude gab es keine weiteren, und bald schon erwartete Tom, auf die Umzäunung zu treffen, als er stockte. Wenige Meter rechts von ihnen war etwas.

»Juli, leuchte mal da rüber«, sagte er. »Wo es so dunkel ist.«

Das Licht der Lampe wanderte über Gräser und Brombeerranken und offenbarte schließlich eine Senke im Gelände.

»Lass uns das ansehen«, sagte Tom und bahnte sich einen Weg. Juli folgte ihm und leuchtete. Nach einigen Schritten blieb er stehen und wartete, dass Juli zu ihm aufschloss.

Sie standen am Rand eines gähnenden Lochs mitten im Boden. Die Decke eines unterirdischen Raums war eingebrochen. Betonteile waren zum Teil herabgestürzt, zum Teil hingen sie noch durch verrostete Metallstangen aneinander. In etwa drei Metern Tiefe war der Boden eines Raums zu sehen, der teilweise mit Geröll, Erde und Blättern bedeckt war. Undefinierbare Gerätschaften, Kisten lagen verstreut herum, Regale ragten herauf.