»Ein alter Bunker?«, fragte Juli.
»Nein, viel moderner. Höchstens ein paar Jahre alt. Und vermutlich vor Kurzem erst eingestürzt.«
»Was ist das da?« Juli war in die Hocke gegangen und leuchtete in eine Ecke.
Das Licht brach und spiegelte sich in Glasscherben. Dazwischen lagen intakte Gefäße, die offenbar herabgestürzt waren. Etwas Weißes schimmerte ihnen entgegen.
Tom erkannte, was es war. Er wollte seinen Blick abwenden, aber das Grauen ließ ihn erstarren, hielt ihn fest wie in einem Schraubstock. Selbst aus der Entfernung sah er jede Falte, jedes Haar, die glasige Blindheit der toten Augen, die aufgedunsenen Lippen. In dem Gefäß befand sich, in einer Flüssigkeit schwimmend, der abgetrennte Kopf eines Menschen.
Tom stolperte rückwärts, während Juli noch immer kniete und den Fund näher in Augenschein nahm. Dann stand sie auf und untersuchte den Rand der Grube. Kurz darauf begann sie, auf den Trümmerstücken der eingestürzten Decke nach unten zu klettern.
»Moment mal«, rief Tom. »Das könnte zusammenbrechen!«
»Ich pass schon auf.«
Wenig später war sie bereits am Boden dessen, was einmal ein Raum gewesen war, angelangt und leuchtete umher.
»Komm auch«, rief sie. »Das musst du dir ansehen.«
Tom zögerte. Die Kleine war reichlich unverfroren, fast ein bisschen zu viel für seinen Geschmack. Mitten in der Nacht in ein Sperrgebiet einzudringen und dann in eine baufällige Ruine zu klettern, in der Leichenteile in Asservaten-Gläsern herumlagen, das ging auch über sein übliches Maß an Recherche hinaus. Und seine Ekelgrenze war bei solchen Horrorfunden ebenfalls deutlich überschritten.
Weder hatte er Angst in der Dunkelheit, noch war er abergläubisch. Aber was er im Licht der Taschenlampe gesehen hatte, tanzte unablässig vor seinen Augen, hatte sich eingebrannt und kroch nun wie ein bösartiger Geist durch seinen Kopf und sein Rückgrat hinab. Hier oben schutzlos und allein in der Dunkelheit zu stehen, mit dem Rücken zum Wald und ahnungslos, was ihn umgab, was möglicherweise lauerte, war ein fast unerträglicher Gedanke. Hinunter zu Juli war die Alternative. Zum Licht, zu einem Menschen … aber auch zu abgetrennten Köpfen, die ihn mit blinden Augäpfeln anglotzten und ihre toten, fischigen Lippen zu einem stummen Schrei geöffnet hatten.
»Was ist?«, rief sie von unten.
Widerwillig trat er vor und untersuchte das Geröll. Ein Lichtschein flammte auf. Juli leuchtete herauf, sodass er erkannte, wie man hinabgelangte.
»Ist ganz leicht«, sagte sie. »Die Platte dort ist stabil, und am Regal kannst du dich festhalten.«
Als Tom unten ankam, bemühte er sich, nicht auf den Boden zu sehen. Ein fauliger Gestank hing in der Luft. Er wollte nicht wissen, wie viele Gläser heruntergefallen und dabei zu Bruch gegangen waren. Er folgte dem Schein von Julis Lampe, der sich dankenswerterweise auf die Regale konzentrierte.
»Das muss eine Art Lagerraum gewesen sein«, erklärte sie. »Haufenweise Regale mit Gefäßen und Boxen. Hier sind auch irgendwelche wissenschaftlichen Geräte. Sieh mal. Was hältst du davon?«
»Was soll ich davon halten, wenn hier Köpfe in Gläsern herumliegen?!«
»Das sind sicher medizinische Asservaten. Gibt’s an der Uni auch haufenweise. Na gut, Köpfe sind selten, aber da muss man sich nicht so aufregen.«
»Ich rege mich überhaupt nicht auf. Ich bin entsetzt!«
»Ist ja schon gut. Ist aber der einzige, wenn es dich beruhigt.« Sie leuchtete zur Seite. »Da drüben sind nur noch ein paar Organe, aber die könnten auch von einem Tier sein. Und ansonsten gibt’s da noch Schweineschenkel. Sieht jedenfalls so aus. Eingelegtes Eisbein, sozusagen.«
»Ich finde das nicht witzig.«
»Hier drüben ist eine Tür. Der eigentliche Eingang zu diesem Raum. Ist aber von der anderen Seite verriegelt. Ich frage mich, ob es noch mehr Kellerräume hier gibt oder ob dahinter bloß ein Tunnel liegt, der von dem Schuppen aus hierherführt.«
»Sieht so aus, als müssten wir noch mal herkommen«, meinte Tom, »und ein bisschen Werkzeug mitbringen. Vielleicht bekommen wir auch den Schuppen geknackt.«
Juli nickte. »Ja. Irgendetwas ist hier versteckt worden. Vielleicht hat man hier auch gearbeitet. Medizinische Experimente vielleicht. Aber warum hier auf der Insel …?«
»Die Lage muss eine besondere Bedeutung haben. Sonst wäre es logistisch viel zu aufwendig, hier so etwas zu bauen.« Er griff in ein Regal und zog einen Karton heraus, in dem Mappen lagen. Er nahm die oberste, blätterte sie auf und versuchte, etwas zu erkennen.
»Es ist ein gutes Versteck«, überlegte Juli.
»Vielleicht vor Spaziergängern. Aber vor den Behörden lässt sich das sicher nicht geheim halten. Es muss schon irgendwie offiziellen Charakter gehabt haben. Lass uns ein paar der Unterlagen mitnehmen.«
»Oder man hat die Behörden bestochen.«
»Auf alle Fälle werde ich der Sache nachgehen. Aber jetzt brauche ich erst mal wieder frische Luft!« Er wandte sich dem Aufstieg zu.
Kurz darauf waren sie oben angekommen.
»Viel schlauer sind wir ja noch nicht«, sagte Tom, als sie den Weg zurückgingen. Dann klopfte er auf die Dokumente unter seinem Arm. »Aber wir wissen, dass es hier noch einiges zu entdecken gibt. Interessiert dich die Sache immer noch?«
»Unbedingt!«, gab Juli zurück.
»Aber was könnte es mit deiner Schwester zu tun haben?«
»Ich weiß es nicht, wirklich. Aber ich muss einfach irgendetwas tun, verstehst du?«
Tom dachte darüber nach. Sicherlich hatte sie recht. Es musste furchtbar sein, wenn man zur Untätigkeit verdammt war. Vielleicht wäre es zwar eine bessere Idee, in das Urwalddorf nach Brasilien zu fahren, um dort nach dem Rechten zu sehen, als Hirngespinsten auf einer aufgeschütteten Elbinsel nachzujagen, aber eine Beschäftigung war vermutlich besser, als sich vor Sorge den Geist zu zermartern.
Die Entdeckung erregte Tom. Ein geheimes Labor auf der Elbinsel. Eine Story, die möglicherweise viel interessanter war als ein angerissener Fuß, der aus irgendeinem Bootsunfall stammen mochte. Es gelang ihm nicht, Juli richtig einzuschätzen. Sicherlich war sie entschlossen und furchtlos. Aber vielleicht war es bloß eine Art Verblendung, eine Manie, und möglicherweise wurde er sie nun viel schwieriger wieder los, als es ihm recht war. In erster Linie musste er an seinen Job denken und konnte sich nicht auch noch um die Befindlichkeiten irgendeiner Frau kümmern, egal, wie gut sie aussah. Bisher benahm sie sich professionell und neutral, aber wer wusste schon, wie lange das gut gehen würde.
Jeder der beiden hing seinen Gedanken nach, und so verlief der Rückweg nahezu schweigend.
Sie traten aus dem Wald und wurden vom grellen Licht zweier Taschenlampen empfangen, die ihnen in die Gesichter strahlten.
»Hier ist die Polizei! Treten Sie langsam vor!«
Unwillkürlich hoben Tom und Juli ihre Arme an.
»So ein Mist!«, zischte Tom.
Die beiden Polizisten standen breitbeinig am Strand. »Können Sie mir verraten, was Sie hier tun?«, fragte der größere der beiden.
»Wir haben uns hier umgesehen«, gab Juli arglos zurück.
»Haben Sie das Schild da drüben gesehen?« Der Mann leuchtete zum Waldrand auf ein unübersehbares Hinweisschild mit einem grünen Dreieck und der Silhouette eines Adlers.
Tom schwieg.
»Na, was steht da drauf?«, fragte der Mann. »Lesen können Sie ja wohl.«
»Wir wissen, dass diese Insel ein Naturschutzgebiet ist«, sagte Juli in einem Tonfall, um dessen Ruhe Tom sie beneidete. Er hasste es, herablassend behandelt zu werden, insbesondere von irgendwelchen Streifenpolizisten, die sich für kleine Könige hielten.