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»Und was ist das Besondere an einem Naturschutzgebiet, junge Dame? Dass man es nicht betreten darf! Zeigen Sie mir bitte mal Ihre Ausweise.«

Tom knirschte mit den Zähnen. Er hätte dem selbstgefälligen Kerl am liebsten gehörig die Meinung gesagt. Leider war der Mann im Recht, und Handgreiflichkeiten würden vermutlich nicht helfen, die Situation zu entspannen.

»Wir haben sie im Boot gelassen«, sagte Juli.

»Gut, dann gehen wir jetzt gemeinsam zu Ihrem Boot.«

Tom und Juli gingen voraus, die Polizisten folgten ihnen.

Das Boot war nicht weit entfernt. Die Flut war noch ein bisschen gestiegen, sodass es nun direkt am Wassersaum lag.

»Wir haben eine Sondergenehmigung von Hauptkommissar Berger«, erklärte Juli, während sie sich dem Boot näherte. »Ich arbeite am UKE. Wir haben ihn dort heute getroffen, und auf seinen ausdrücklichen Auftrag hin sind wir hierhergefahren.«

Die beiden Männer sahen sich an.

»Berger?«, fragte der größere.

»Ja, den kenne ich. Sitzt in der City Nord, meine ich.«

»Okay, prüf nach, ob da was dran ist. Ich bleibe hier und nehme die Personalien auf.«

Der kleinere der beiden Männer entfernte sich mit seiner Lampe. Vermutlich ging er in Richtung des Anlegestegs, der etwas weiter westlich lag. Dort mussten sie ihr Boot festgemacht haben, überlegte Tom. Weit war es nicht, in fünf Minuten war er sicher dort und würde über Funk in Erfahrung bringen, dass es einen solchen Auftrag von Hauptkommissar Berger nicht gab.

Tom überlegte fieberhaft. Wenn sie hier wegwollten, mussten sie jetzt schnell sein. Aber der andere durfte nicht mehr in Rufweite sein, und so lange mussten sie die Herausgabe ihrer Ausweise verzögern …

Juli gab sich bereits Mühe, Zeit zu schinden. Sie beugte sich über das Boot und suchte darin herum. »Verdammt … wo hast du den Rucksack hingelegt?«

Tatsächlich hatten sie außer ihrer Kleidung nichts weiter dabeigehabt, aber Juli suchte in den Ecken und unter einem Haufen aus schwerer Plane.

»Ich hab ihn dir doch gegeben«, warf Tom ein. »Ich dachte, du hattest ihn mitgenommen.« Er ging einen Schritt auf das Boot zu und blickte den Strand hinunter, wo er den Schein der Taschenlampe immer kleiner werden sah.

»Du hast ihn mir nicht gegeben«, sagte Juli. »Ich habe ihn nicht einmal angefasst, seit wir eingestiegen sind. Und mitgenommen auch nicht. Er muss noch hier sein.«

»Lass mal sehen!« Tom sah in das Boot, legte die Dokumente hinein und wühlte dann herum. Tatsächlich musterte er den Polizeibeamten. Er trug keine Waffe.

»Sie können mir in der Zwischenzeit schon einmal sagen, wie Sie heißen«, erklärte der Polizist missmutig, während er seine Lampe auf sie gerichtet hielt.

Das Boot ließ sich bewegen, stellte Tom fest, als er leicht am Rand rüttelte. Vielleicht war das eine Möglichkeit … Er sah zu Juli hinüber, die unauffällig zu ihm hinaufblickte und ein Einverständnis signalisierte. Er musste darauf vertrauen, dass sie verstanden hatte, was er plante!

Er drehte sich um, und mit einer plötzlichen Bewegung hieb er dem Polizist eine Faust in den Magen. Der krümmte sich und ließ seine Taschenlampe fallen.

»Was …!«, entfuhr es ihm, als Tom auch schon nachsetzte und dem Mann ein Knie in die Weichteile rammte.

»Los!«, rief Tom. Er drehte sich um, packte den Rand des Gummiboots und schob es an. Juli hatte verstanden und schob ebenfalls. Mit einem Sprung war sie im Boot, als es vollständig im Wasser war.

Tom drückte noch ein Stück weiter, machte zwei Schritte in den Fluss hinein, dann hechtete er ebenfalls über den Rand und klappte den Außenborder herunter. Fast zeitgleich zog er am Seilzug des Motorstarters.

Der Polizist taumelte auf sie zu. »Stehen bleiben!«, brachte er hervor und streckte einen Arm kraftlos nach ihnen aus.

Noch einmal zerrte Tom am Anlasserseil, und dieses Mal sprang der Motor an.

Nach wenigen Sekunden waren sie außer Reichweite und beobachteten, wie der Polizist sich fluchend auf die Oberschenkel stützte. Dann ließen sie ihn als Schatten am Strand der Insel zurück.

»Es hat geklappt«, meinte Juli. Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Glaubst du, dass das eine gute Idee war?«

Tom hielt seinen Blick auf das gegenüberliegende Elbufer gerichtet. »Ich hoffe es.«

»Hey, warum hältst du an?«

Der Motor wurde leiser und verstummte schließlich.

»Keine Ahnung. Ist einfach ausgegangen.« Tom zog am Anlasserseil, aber der Motor reagierte nicht. »Verdammte Kiste«, fluchte er und riss erneut an der Leine. Erst heftiger, dann versuchte er es gefühlvoller. Das Ergebnis blieb das Gleiche.

»Beeil dich«, rief Juli, »sonst wird es hier gleich ungemütlich! Hast du schon mal da rübergeschaut?«

Sie trieben inmitten der Fahrrinne des dunklen Flusses, ohne Positionslampen oder sonstige Beleuchtung. Und von flussabwärts näherte sich ein gewaltiger Frachter. Er hielt geradewegs auf sie zu.

Erschrocken wandte sich Tom wieder dem Motor zu. Er klappte ihn hoch, ließ ihn wieder zu Wasser und versuchte erneut, ihn zu starten.

»Nimm das Paddel«, rief er, »und paddle um dein Leben!«

Während Juli hastig mit dem Paddel hantierte, bemühte sich Tom weiter um den Motor. Sie mussten die Fahrrinne verlassen!

»Ich schaffe es nicht«, rief Juli. »Wir kommen nicht schnell genug voran.«

Noch einmal riss Tom an der Leine. Der Motor ratterte zögerlich, erstarb aber wieder.

Nun drang ein Zischen zu ihnen herüber. Es war das Geräusch der kleinen Bugwelle, die der Frachter vor sich herschob. In wenigen Augenblicken würde er über ihnen sein.

Mit irrsinniger Wucht riss Tom an der Leine. Noch einmal und noch einmal. Und plötzlich sprang der Motor an. Tom gab Vollgas und beschrieb eine scharfe Kurve. Nicht einen Moment zu früh, denn nur wenige Meter hinter ihm zerschnitt die zwanzig Meter hohe Bordwand des gewaltigen Schiffes den Fluss.

Als sie sich ein Stück entfernt hatten und die Wellen des vorbeiziehenden Frachters ihr Boot tanzen ließen, warf Juli das Paddel zu Boden und lehnte sich erschöpft zurück.

»Das war ja wohl mehr als knapp«, sagte sie und atmete aus.

»Das hat man davon, wenn man sich fremden Schrott ausleiht«, meinte Tom.

»Jetzt ahne ich auch, warum er nicht mitfahren wollte«, überlegte Juli. Dann lachte sie auf. »Meine Güte, das war vielleicht ein Schreck! Jetzt sag mir nicht, dass dein Job immer so aussieht.«

»Ich würde dich ja gerne beeindrucken«, gab Tom zurück, »aber nein. Das ist mir auch noch nicht passiert.«

»Du würdest mich also gerne beeindrucken?«

Tom biss sich auf die Zunge. Wie leicht einem so etwas herausrutschte! Und er wusste genau, wo es hinführte.

»Ehrlich gesagt: nein«, sagte er. »Für so was habe ich keine Zeit.«

»Gut so«, gab Juli zurück und grinste.

Tom lenkte das Boot quer über den Fluss auf das gegenüberliegende Ufer zu. Bald konnten sie das spärlich beleuchtete Industriegebiet sehen und die dort geparkten Autos.

Aber ihre Hoffnung, das Ufer ohne weitere Zwischenfälle zu erreichen, wurde jäh enttäuscht, als hinter ihnen ein Scheinwerfer aufflammte. Das Boot der Wasserschutzpolizei hatte sie ausfindig gemacht und eingeholt.

»Hier spricht die Polizei«, hallte es durch Lautsprecher über das Wasser. »Halten Sie Ihr Boot an.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich Sie so schnell wiedersehe.«

Hauptkommissar Berger lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Juli und Tom saßen vor ihm. Die Fahrt mit dem Polizeiboot nach Harburg und ihr Transport durch die Stadt zum Polizeipräsidium in der City Nord waren reichlich unfreundlich und darüber hinaus schweigend verlaufen. Die Wasserschutzpolizei hatte Tom und Juli zwar auf besondere Anweisung an die Kriminalpolizei übergeben, aber die beiden Beamten waren mitgekommen und befanden sich nun ebenfalls im Raum.