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»Gestern bitte ich Sie noch, sich zurückzuhalten – und jetzt dies. Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie nicht nur als Zeugen, sondern auch als potenzielle Verdächtige in dem Vorfall am UKE eingestuft sind? Und nun sind Sie nicht nur in ein Sperrgebiet eingedrungen, Sie haben auch einen Polizeibeamten tätlich angegriffen, von der unbeleuchteten und fast tödlich endenden Überquerung der Fahrrinne der Elbe einmal abgesehen. Ich weiß noch gar nicht, wie viele Strafanzeigen Sie sich damit gleichzeitig eingefangen haben. Haben Sie irgendeine Erklärung für diesen Irrsinn?«

»Es war im Affekt …«, begann Tom.

»Unsinn! Das war geplant, und den Beamten hätten Sie nicht angegriffen, wenn Sie nicht etwas zu verbergen gehabt hätten. Was hatten Sie auf der Insel zu suchen?«

»Ich sagte schon, dass ich an einer Dissertation arbeite«, setzte nun Juli an, aber Berger unterbrach auch sie.

»Wir haben das inzwischen geprüft, und außer Ihnen weiß komischerweise niemand etwas davon. Wie kommen Sie eigentlich dazu, Polizeibeamte anzulügen? Finden Sie das schlau?«

Tom und Juli schwiegen.

Berger sah sie eine Weile eindringlich an. Dann wandte er sich an die Beamten. »Meine Herren, vielen Dank für Ihre Mühe. Bitte schicken Sie mir einen vollständigen Bericht, ich werde mich um die Anzeige kümmern. Ich möchte mich noch einen Augenblick allein mit den beiden unterhalten.«

Die Polizisten standen auf und verließen den Raum. Tom war froh, dass er ihnen nicht noch einmal ins Gesicht sehen musste.

Als die Tür zufiel, beugte sich Berger vor. »Ich könnte Sie in Untersuchungshaft stecken«, sagte er. »Dann wären Sie erst einmal eine Zeit lang aus dem Verkehr.« Wieder machte er eine Pause. »Aber ich habe eine bessere Idee«, sagte er dann. »Sie werden für mich arbeiten.«

Berger beobachtete, wie sich auf den Gesichtern der beiden Verwirrung breitmachte.

»Und weil Sie der Strafverfolgung entgehen möchten, werden Sie das auch tun«, fuhr er fort.

»Für Sie arbeiten?«, fragte Tom. »Wie stellen Sie sich das vor?«

Berger legte seine Hand auf eine Mappe auf seinem Schreibtisch. Es waren die Unterlagen, die Tom von der Insel mitgebracht hatte.

»Ich weiß natürlich, wo Sie waren. Und Sie können mir glauben, dass ich genauso neugierig bin wie Sie, was hier drin steht.« Er schob die Mappe ein Stück auf Tom zu.

»Aber Sie wissen ja, wie das ist: Ohne einen triftigen Grund und einen Durchsuchungsbefehl und diesen ganzen bürokratischen Wust ist es mir nicht möglich, tätig zu werden.«

Berger stand auf, trat ans Fenster und sah hinaus.

»Auf Neßsand ist vor einigen Jahren ein Gebäudekomplex gebaut worden. Nicht sehr groß und weitestgehend unterirdisch. Wir wissen, dass dort wissenschaftliche Forschung betrieben wurde. Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die für das Naturschutzgebiet der Insel zuständig ist, weiß angeblich von nichts. Dennoch ist es gebaut worden. Irgendjemand muss davon wissen, jemand, der Kontakte in die höchsten Kreise der Landesregierung hat. Anders wäre eine solche Verschleierung nicht möglich.«

Berger wandte sich wieder um.

»Bestimmte Stellen in der Regierung sind offenbar Vereinbarungen mit Industrieunternehmen eingegangen, und es ist anzunehmen, dass nicht unerhebliche Gelder dabei geflossen sind. Und Sie können sich sicher sein, dass die nicht in den Haushalt eingegangen sind. Also wo ist das Geld? Und was wurde auf der Insel geforscht?«

Berger setzte sich wieder. »Nach dem, was ich an Informationen vorliegen habe, handelt es sich um medizinische Untersuchungen. Was die Vermutung nahelegt, dass dieser Klüngel auch mit der unrühmlichen Geschichte der Privatisierung der Hamburger Krankenhäuser verwoben ist. Sie sehen, das Ganze zieht womöglich weitere Kreise, als Sie geahnt haben.«

»Dann war der Vorfall am Krankenhaus heute …«

»… weder ein Unfall noch ein Zufall, richtig. Wir haben den Brandsatz identifiziert, der durch das Fenster geworfen wurde. Und ich glaube Ihnen sogar, wenn Sie jetzt sagen, dass Sie nichts damit zu tun haben.«

Er zog eine weitere Mappe aus einem Ablagekorb und legte sie ebenfalls auf den Tisch. »Das sind die Untersuchungsergebnisse des Fußes. Sie werden sie vielleicht benötigen.«

»Und der Fuß selbst?«

»Ist verschwunden.«

Tom rückte auf seinem Stuhl nach vorn. »Sie möchten also von uns, dass wir an Ihrer Stelle dieser Sache nachgehen?«

»Ganz recht. Mit den Informationen, die ich habe, kann ich keine Untersuchung der Insel beantragen. Ganz abgesehen davon, dass ich möglicherweise genau die Leute auf mich aufmerksam mache, die ich aufdecken möchte. Sie sind doch Journalist, und dass Sie sich über Auflagen und Gesetze hinwegsetzen, um einer Sache auf den Grund zu gehen, haben Sie ja bewiesen. Sie beide.«

»Wollen Sie uns etwa anstiften, noch mehr Gesetze zu brechen?«

Berger hob abwehrend die Hände. »Auf keinen Fall! Ich bitte Sie nur, Ihre Recherchen fortzuführen. Dafür halte ich Ihnen jetzt den Rücken frei. Bringen Sie mir Ergebnisse, Zusammenhänge, Namen. Wie Sie das anstellen, bleibt Ihnen überlassen. Dass Sie sich dabei ausschließlich im legalen Rahmen bewegen, davon muss ich selbstverständlich ausgehen.« Er faltete seine Hände und stützte die Ellenbogen auf.

»Ich vermute, es bleibt uns keine andere Wahl«, bemerkte Juli und verzog den Mund.

»Man hat immer eine Wahl, Frau Thomas. Aber nur, weil ich Sie vor eine Entscheidung stelle, sollten Sie nicht aus lauter Stolz das verleugnen, was Sie ohnehin geplant hatten.«

Juli und Tom fuhren mit einem Taxi nach Wedel zu ihren Wagen.

»Und? Was hältst du davon?«, fragte Juli.

»Berger ist ein selbstgefälliger Arsch.«

»Du ärgerst dich, weil du jetzt das Gefühl hast, nach seiner Pfeife zu tanzen.«

»Und, tun wir das etwa nicht?«

»Wir hatten doch sowieso vor weiterzumachen.«

»Aber es war meine Story. Jetzt haben wir die Polizei im Nacken.«

»Ich sehe es eher so, dass wir inoffizielle Protektion haben«, gab Juli zurück. »Und wieso überhaupt deine Story? Ich dachte, wir arbeiten zusammen!«

»Es ist trotzdem etwas anderes, ob man auf eigene Faust unterwegs ist oder ob man beauftragt wird.«

»Wir müssen herausfinden, wer dahintersteckt. Das Ergebnis ist doch alles, was zählt.«

»Für dich vielleicht! Ich habe aber keine Schwester verloren, für mich geht es um eine Story, um Exklusivität. Ich kann keine Polizei gebrauchen, die mir dazwischenfunkt.«

»So? Gut zu wissen, dass dir meine Schwester und die Machenschaften so unwichtig sind. Für dich zählt nur das Geld.«

»Nein. Meine Güte, so war es nicht gemeint.«

»Doch, das war es. Und du weißt es.«

Tom wandte sich ab und sah aus dem Fenster.

»Aber das ist okay«, sagte Juli. »Besser, wir haben klare Verhältnisse und wissen, wann wir uns auf den anderen verlassen können und wann nicht.«

Tom drehte sich wieder um. »Du brauchst nicht zynisch zu werden.«

»Zynismus liegt mir fern. Ich weiß nur gerne, woran ich bin. Damit kann ich umgehen. Und offenbar reicht deine Motivation ja, um dich mit der Polizei anzulegen. Ich weiß zwar noch nicht, was ich davon halten soll, aber solange es mir hilft, mein Ziel zu erreichen, nehme ich es mal so hin.«

»Du nimmst es hin?! Wenn ich mich richtig erinnere, hast du dich an mich rangeschmissen. Wer wollte denn unbedingt mehr über meinen Artikel wissen? Und wer hat herausgefunden, woher der Fuß gekommen ist? Und wer hat das Boot besorgt?«

Juli grinste. »Im Grunde bist du ganz charmant, wenn du dich echauffierst.«

Tom stockte irritiert. »Damit kommst du bei mir nicht durch«, gab er schließlich zurück.

»Nein?«

»Sicher nicht.«

Sie lachte auf. »Gut. Wir brauchen deinen klaren Verstand nämlich noch.«