Die Bedienung brachte seinen Cider, und da Tom sie ausdrücklich ignorierte, entfernte sie sich glücklicherweise schnell. Er setzte an und leerte die Flasche zu einem Drittel.
»Ist hier noch frei?«
Tom drehte sich halb um. Neben dem Tisch stand ein junges Pärchen. Er mit der Sonnenbrille ins Haar geschoben wie ein latent schwuler Cabriofahrer und sie mit den Riemchen ihrer Leinenschuhe zwischen den Fingern.
»Hm, ja klar«, antwortete er und wies halbherzig auf die andere Hälfte des Tisches. Die Höflichkeit gebot es ihnen vermutlich, dass sie fragten, obwohl hier offenbar für acht Platz war und er allein da saß. Andererseits, dachte er, hatten sie ja vielleicht ganz richtig bemerkt, dass sie möglicherweise stören könnten.
Er sah schnell wieder weg. Das war etwas, das Anne ihm immer vorgehalten hatte. Dass er mit anderen Menschen nicht zurechtkam. Aber war es verwerflich, wenn man Smalltalk nichts abgewinnen konnte? Dass man sich seine Gesellschaft lieber selbst aussucht und sich allein am wohlsten fühlte? Das Problem mit anderen Menschen war, dass sie nicht einfach nur Informationsgegenpole, nicht einfach nur Gehirne oder Körper waren. Nein, jeder Mensch brachte endlos Ballast mit sich. Zusätzlich zu einem selbst hatte man plötzlich noch eine vollständige zweite Vergangenheit zu kennen, zu verstehen, zu berücksichtigen. Doppelt so viele Hintergründe, Ursachen, doppelt so viel Erlebtes, Unerledigtes, Unausgesprochenes, Unverarbeitetes. An jedem Mensch hing eine vollständige Welt. Er war Mitte dreißig und kam trefflich mit sich selbst zurecht, und andere Menschen sollten in diesem Alter auch mit sich selbst im Reinen sein. Jüngere waren ihm in ihrer Unausgegorenheit zu anstrengend, und wer die dreißig überschritten und noch immer einen Knacks hatte, der würde ihn auch nicht mehr loswerden. Aber offenbar traf das auf den größten Teil der Menschheit zu.
Auf der Elbe schob sich ein gewaltiger weißer Frachter von Grimaldi Lines in Richtung Nordsee. Hohe, glatte Wände, groß wie ein schwimmendes Atomkraftwerk und genauso hässlich. In einiger Entfernung schoss irgendein Verrückter mit einem Jetski über das Wasser, an dem Schiff vorbei und suchte das Kielwasser, um sich an dessen Rand auszutoben.
Zu Füßen des Beachclubs, dort, wo der schmale Streifen Elbstrand langsam in Schlick überging und matschverschmierte Kinder Löcher und Kanäle buddelten, riefen einige pubertäre Jungen aufgeregt und winkten ihre Freunde hinzu. Das Wasser zog sich vom Ufer zurück, erst drei, dann fünf, bald zehn Meter, als ob schlagartig die Ebbe einsetzte. Unter den hinzugeeilten Jugendlichen waren nun auch einige Mädchen zu sehen. Mit kurzen Hosen gingen sie weit auf den Fluss hinaus, bis ihnen das Wasser bis knapp über die Knie reichte. Tom schätzte, dass die Jungs wussten, was sie taten. Es war ein wohl kalkulierter Streich.
Tatsächlich standen sie nicht lange im Wasser und sahen dem Frachter nach, als sich eine unscheinbare Welle abzeichnete, die auf den Strand zukam. Zwei der Mädchen bemerkten ihre schwache weiße Kante, drehten sich dann um und gingen zurück in Richtung Ufer. Sie dachten, sie hätten Zeit genug. Aber keine fünf Sekunden später hatte sie die Welle bereits eingeholt. Sie bäumte sich nicht auf, aber sie hob das Wasser mit einem Mal um dreißig Zentimeter. Die Mädchen kreischten auf, als ihre Hosen bis zum Hintern durchnässt wurden. Das Lachen der Jungen hallte über den Strand. Die Mädchen standen wütend im Wasser, quietschten und schimpften, und als sei es nicht schon schlimm genug, erfasste sie eine zweite Welle, die seitlich durch die kleine Bucht fuhr. Sie hob den Pegel erneut, und nun standen die entsetzten Teenager bis zur Hüfte im Wasser. Es war der Tsunami-Effekt en miniature. Den Jungs machte es nicht viel aus, sie grölten und begannen, mit Wasser um sich zu spritzen, sie waren scharf darauf, eine Miss Wet-T-Shirt zu küren, und kurze Zeit später waren die Mädchen so verärgert, dass sie erst zurückschlugen und schließlich mitlachten.
Tom überlegte, ob vielleicht ein aufreizendes Foto dabei herausspringen könnte. Er beugte sich über den Tisch, zog seine Umhängetasche herüber, öffnete sie und entnahm ihr seine Spiegelreflexkamera. Mit einem halb nackten Teenagerbusen ließ sich auch ein todlangweiliger Lückenfüller-Bericht verkaufen. Mit einer passenden Headline wie »Geiles Strandwetter« oder »Praller Sommer« oder was auch immer sich die Leute in der Schlussredaktion dazu einfallen lassen mochten. Andererseits war vermutlich keines der Mädchen da unten über sechzehn, und dann würde es ohnehin nur wieder Ärger geben.
Noch immer kreischten die Jugendlichen. Tom verzog den Mund. So urkomisch war das Geplansche nun auch wieder nicht.
Aber ihr Kreischen hatte einen anderen Klang bekommen. Die Schreie waren viel lauter, schriller …
Es waren Entsetzensschreie!
Tom stand ruckartig auf. Etwas war passiert.
Er hob die Kamera ans Auge und zoomte heran. Zwei Mädchen standen herum und brüllten, einer der Jungen schwamm und versuchte, ein anderes der Mädchen zu erreichen, das offenbar Schwierigkeiten hatte.
Tom warf sich die Nikon um den Hals, drängte sich an den anderen Tischen vorbei und lief zur Terrasse. Am Strand stolperte er weiter zum Flussufer. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass jemand aus dem Rettungshäuschen der DLRG gerannt kam. Ein sportlicher Typ, mit verdammt großen Schritten. Er überholte Tom scheinbar mühelos, warf sich ins Wasser und pflügte los.
Tom erreichte das Ufer, lief gerade so weit, dass seine Schuhe nicht im Schlick versanken, blieb stehen, stützte sich auf die Oberschenkel und japste nach Luft. Keine hundert Meter gelaufen und schon am Ende seiner Kraft. Aber es war auch Sandboden. Schließlich richtete Tom sich auf und beobachtete durch den Zoom seiner Kamera, was geschah. Das Mädchen schlug mit aufgerissenen Augen um sich, als der Typ sie erreichte. Er ergriff sie an den Schultern, redete auf sie ein, aber sie nahm kaum Notiz von ihm. Schließlich umfasste er sie, zog sie nach hinten und schleppte sie aus dem Wasser. Noch immer hieb sie um sich, wandte sich in seinem Griff und trat um sich. Als sie dem Ufer näher gekommen waren und ihre Füße den Boden berührten, rappelte sie sich energisch auf, schüttelte alle helfenden Hände ab, rannte los, brach aber nach wenigen Schritten zitternd zusammen, fiel auf die Knie, würgte und erbrach sich in den Sand.
Die Freunde und Schaulustigen sammelten sich um das Mädchen. Es gab kein Herankommen. Aber Tom bemerkte, dass der Rettungsschwimmer, der wusste, dass seine Kollegen bereits mit einem Sanitätskoffer aus dem Häuschen herbeiliefen, zurück zum Wasser eilte. Hatte sie dort etwas verloren?
Kaum einer beachtete, wie sich der Schwimmer noch eine Zeit lang draußen im Wasser aufhielt, hin und her schwamm und offenbar einen Bereich gewissenhaft absuchte. Einige Male tauchte er unter, bis er schließlich etwas festhielt und sich damit auf den Rückweg machte. Tom schoss zwei Bilder für den Fall, dass man den Augenblick der Entdeckung später verwenden konnte. Auf jeden Fall sah es so dramatischer aus, als wenn man ihn später an Land sehen würde, mit dem verlorenen BH oder dem Ed-Hardy-Portemonnaie der Kleinen in den Händen.
Aber es war keines von beidem. Tom sah einen weißen Turnschuh aufblitzen, als der Rettungsschwimmer an ihm vorbeiging.
»Hey, warten Sie mal«, rief er dem Mann zu.
»Ich habe jetzt keine Zeit, tut mir leid.«
Tom lief ihm hinterher. »Ich bin Journalist. Können Sie mir sagen, was da gerade los war? Und was haben Sie gefunden?«
Der Mann blieb stehen und drehte sich ihm halb zu. Was er bei sich trug, verbarg er hinter seinem Körper. »Sie wollen es nicht sehen. Ich muss die Behörden informieren.«