»Ist das so?«
»Du hast einige Recherchen vor dir. Über die Unterlagen, die wir gefunden haben. Und darüber, wer mit dem Bau der Anlage auf der Insel zu tun gehabt haben könnte. Und ich werde die Briefe meiner Schwester studieren und nach anderen möglichen Hinweisen suchen.«
»Ach, und jetzt gibst du mir auch noch Aufträge.«
Sie winkte ab. »War ja nur ein Vorschlag. Vielleicht fällt dir etwas Besseres ein. Auf jeden Fall sollten wir uns aber morgen wieder treffen und sehen, was wir bis dahin herausgefunden haben, einverstanden?«
»Ja, können wir machen«, grummelte Tom und nickte. Es fing also schon an mit den Hormonen. Er hatte es geahnt, und es würde kein gutes Ende nehmen.
Kapitel 6 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 13. Mai
Ich schreibe das hier auf, damit ich morgen sicher bin, nicht geträumt zu haben.
Nachdem ich erst lange nicht einschlafen konnte, bin ich vorhin wie aus einem leichten Dämmern aufgewacht. Ich war mir sicher, eine Art Gesang gehört zu haben. Er war erst Teil meines Traums, wie es einem manchmal morgens früh geht, wenn sich die Geräusche von draußen in den eigenen Schlaf weben, bis einem klar wird, dass man es tatsächlich schon eine Weile lang unbewusst gehört hat.
Ich lag einen Moment mit offenen Augen im Bett und lauschte den Nachtgeräuschen des Regenwalds, die durch die geöffneten Fenster hereinkommen. Es ist wie ein dichtes Rauschen, durchsetzt von einem vielfältigen Zirpen und Flirren unzähliger Insekten, unterbrochen durch einzelne Schreie von Nachtvögeln. Ab und zu hört man die leisen bellenden Geräusche der Geckos, die sich an der Zimmerdecke und überall an den Außenwänden unserer Hütten tummeln. Durch den wilden Klangteppich wehte wie aus einiger Entfernung eine menschliche Stimme, die einen seltsamen atonalen Sprechgesang hervorbrachte.
Es klingt mutiger, als ich war, aber ich wollte unbedingt herausfinden, was da vor sich ging. Also habe ich mich unter dem Moskitonetz hervorgearbeitet, mich angezogen und bin nach draußen gegangen.
Es war gegen halb vier. Das Camp schien ausgestorben, und bis auf ein paar Lichtflecken vereinzelter Glühbirnen lag alles andere in vollkommener Dunkelheit. Ich folgte dem Klang des Gesangs und entdeckte, dass der Stuhl, auf dem nachts Jaime saß, um Wache zu halten, leer war. Auch wenn der junge Indio keinen wahrhaftigen Schutz vor irgendetwas bieten konnte, war er doch eifrig, uns helfen zu dürfen, und stets pflichtbewusst, und es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass jemand die ganze Nacht über da saß und im Notfall alle anderen wecken konnte.
Ich ging über die inzwischen auseinanderbrechenden Zementplatten, die den zentralen Weg durch das Camp bildeten, und erreichte die Lager.
Schon von Weitem sah ich, dass die Tür zum Lagerhaus geöffnet war. Ich fragte mich, ob der Letzte, der die Leiche befeuchtet hatte, vergessen hatte, das Lager wieder ordentlich zu schließen. Oder ob jemand eingebrochen war. Jemand, der vielleicht nicht wusste, dass es in dem Raum nichts zu stehlen gab.
Als ich mich dem Lager näherte, sah ich, dass der Boden aus festgetretener Erde dunkle Flecken aufwies, die in einer Spur am Generatorhäuschen vorbei in Richtung des Waldrands führten. Ich presste meinen Ärmel vor die Nase und wagte einen Blick durch die Tür. Ich erkannte die dunkle Form des Tischs und die hellen Tücher, die auf dem Boden lagen.
Der Leichnam war verschwunden. Büro der MediCapital Invest, Zürich, 22. Juli
Luc Gironde studierte den Bericht, der ihn als E-Mail erreicht hatte. Er atmete tief ein und strich sich über seinen Kinnbart. Früher oder später hatte so etwas passieren müssen. Er schalt sich einen Narren, sich nicht schon früher darum gekümmert zu haben. Es war ein Faktum, dass man sich um die wichtigen Dinge selbst bemühen musste. Wenn man nicht vor Ort war und sich auf andere Leute verließ, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas schieflief. Und wie oft in der Nachbetrachtung stellte man fest, dass der Aufwand, den man zur Kontrolle aufwendete, und der dennoch folgende Ärger die vermeintliche Zeitersparnis zunichtemachten. Und noch dazu war es ein denkbar ungeeigneter Zeitpunkt.
Erneut las er die Mail aus Hamburg. Es war im Grunde klar, dass etwas geschehen musste. Und dass Villiers informiert werden musste. Der Mann war kein Freund von Störungen und von schlechten Nachrichten noch viel weniger. Aber es war schlimm genug, wie es war. Nun durfte er sich nicht auch noch ohne dessen Zustimmung einmischen.
Luc griff zum Telefon und wählte.
Als er Villiers endlich persönlich am Hörer hatte, fasste er die Lage in wenigen Sätzen zusammen. Villiers hatte keine Zeit für ausschweifende Erläuterungen. Er erwartete stets nur die wichtigsten Details der Situation und verlangte eine bündige Entscheidungsvorlage.
Wenige Minuten später war das Gespräch beendet. Und nun stand Lucs Job auf dem Spiel. Letzte Chance. So einfach war das. Handhaben oder gehandhabt werden.
Er stöhnte auf, lehnte sich zurück und rieb seine Schläfen.
Dann wählte er die Nummer seiner Sekretärin. Er benötigte einen Flug nach Hamburg. Noch heute. Löwenstraße, Eppendorf, Hamburg, 22. Juli
»Also, was hast du herausgefunden?«, fragte Juli, als Tom ihr am Nachmittag die Tür öffnete.
»Danke, gut. Und wie geht es dir?« Tom blockierte die halboffene Tür, indem er sich mit einem Arm am Rahmen abstützte. Wenn sie sich nicht auf eine Zusammenarbeit geeinigt hätten, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen, dachte er.
Juli schlüpfte unter seinem Arm hindurch und ging zielstrebig ins Wohnzimmer. »Machst du mir noch mal einen Kaffee?«
Tom folgte ihr. »Ist kaputt«, log er, setzte sich neben sie und klappte seinen Laptop auf. Neben dem Rechner lag die Mappe mit den Unterlagen von der Insel.
»Also gut«, begann er, »diese Unterlagen hier haben zwar nichts darüber verraten, was genau auf der Insel ablief, aber immerhin eines ist sicher: Es gab dort definitiv wissenschaftliche Labors. Dies hier sind Lieferscheine für Chemikalien, medizinische Gerätschaften und Utensilien. Ich habe einiges davon im Netz recherchiert, und wie es aussieht, hat man damit ein Lazarett und mindestens einen Operationssaal ausgerüstet.«
Er reichte ihr die Mappe. Juli klappte sie auf und blätterte die Papiere durch.
»Du hast recht. Das ist medizinisches Equipment. Und sehr modernes noch dazu.«
»Interessant an den Unterlagen ist, dass die Lieferadressen alle unterschiedlich sind. Es handelt sich dabei um verschiedene Lagerhäuser im Hamburger Freihafen. Von dort aus müssen die Sachen dann auf die Insel geschafft worden sein. Ich habe herausgefunden, dass diese Lagerhäuser alle der gleichen Firma gehören oder von ihr angemietet wurden: Transcontor.«
»Transcontor? Was ist das für eine Firma?«
»Als Firmensitz ist Frankfurt angegeben, und laut dem dortigen Handelskammerregister ist es ein Handelsunternehmen. Import und Export. Mehr ist über die Firma allerdings nicht zu erfahren. Keine Website, keine Erwähnungen im Internet oder in der Presse.«
»Und wer ist der Inhaber?«
»Ja, da wird es interessant«, erklärte Tom und startete ein Computerprogramm. Kurz darauf erschien eine Grafik aus einer Vielzahl von Rechtecken, die durch Linien miteinander verbunden waren.
»Das sind die Verflechtungen, die ich aufgedeckt habe.« Er deutete auf die einzelnen Boxen. »Das hier ist Transcontor. Sie besitzt die Lagerhäuser oder hat sie gemietet. Inhaber von Transcontor ist ein gewisser Jean-Pierre Dubois. Er leitet noch eine andere Firma in Liechtenstein mit dem Namen TGM Trading International. Diese Firma ist Hauptgesellschafter der Reederei Validora. Validora wiederum taucht in den Lieferpapieren mehrfach auf, es handelt sich dabei nämlich um die Reederei, deren Schiffe einen Teil der Chemikalien und Ausrüstungsgegenstände nach Hamburg gebracht haben.«