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»Dann ist dieser Dubois für alles verantwortlich?«

»Es geht noch weiter«, sagte Tom. »Denn Dubois ist zwar Geschäftsführer in Liechtenstein, aber Kapitaleigner und somit vermutlich tatsächlicher Drahtzieher der TGM Trading International ist eine Investmentfirma aus Zürich mit dem Namen MediCapital Invest. Die Schweizer Datenbanken sind überraschend auskunftsfreudig, und so habe ich noch eine ganze Menge weiterer Objekte gefunden, in die von Zürich aus investiert wird. So hängen zwei der größten Schweizer Pharmaunternehmen mit zwanzig und fünfunddreißig Prozent Anteilen am Finanztropf von MediCapital Invest. Die Firma ist auch alleiniger Investor einer hypermodernen medizinischen Forschungseinrichtung in Bern. Außerdem verwaltet sie die Gelder einer Krebsstiftung in Genf.«

Juli verfolgte Toms Erläuterungen auf dem Schaubild, das alle Verbindungen und Namen enthielt.

»Ich habe mir MediCapital näher angesehen. Geschäftsführer ist ein gewisser Luc Gironde. Aber wie im Fall der Liechtensteiner Firma ist er lediglich der eingesetzte Manager. Gründer und Kapitaleigner ist jemand anders: Dr. André Villiers.«

Tom deutete auf seinem Rechner auf eine Reihe von Fotografien, auf der der Mann – mal jünger, mal älter – zu sehen war. Er war schlank und groß, seine Haare bildeten schon in mittlerem Alter einen dürren Kranz, in späteren Jahren trug er eine Glatze. Seine Augen hatten eine stechende, autoritäre Ausstrahlung.

»Ein interessanter Typ«, fuhr Tom fort. »Ein Schweizer. Karrierestart als Arzt in St. Gallen. Dann wurde er zur medizinischen Koryphäe und zum Visionär. In den Siebzigerjahren war er laufend in der Fachpresse. Hat einige bahnbrechende Entdeckungen in der Krebsforschung und der Immunologie gemacht. Dann ist es ruhig um ihn geworden, tragische Familiengeschichte, persönliche Gründe, was auch immer. Jedenfalls hat er sich zurückgezogen. Er muss heute über siebzig sein. Spannend war aber dann Folgendes: In der Zeit, kurz bevor die Hamburger Regierung entschieden hatte, die Krankenhäuser zu privatisieren, ist Villiers mehrfach in Hamburg und zu Gast im Rathaus gewesen, das stand sogar in der Zeitung. Nur hat damals niemand zur Kenntnis genommen, dass er nicht bloß ein alt gewordener prominenter Wissenschaftler war, sondern inzwischen einer der finanzkräftigsten Männer Europas. Also habe ich überprüft, welche Investoren sich inzwischen an den Hamburger Krankenhäusern beteiligt haben. Und, Überraschung, über ein oder zwei Verbindungen stößt man immer wieder auf MediCapital Invest und Villiers.«

»Hältst du es für möglich, dass er sich in Hamburg irgendwie einnisten will? Und dass er auch hinter den Untersuchungen auf der Insel steckt?«

»Das hat doch ganz den Anschein, oder nicht? Berger hatte also vielleicht recht, als er andeutete, dass es bei den Privatisierungen im Gesundheitssektor nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen ist. Villiers ist Hamburg finanziell beiseitegesprungen. Und dafür hat man ihm eine Genehmigung erteilt und die Möglichkeit gegeben, unter absoluter Verschwiegenheit auf der Insel zu forschen.«

Juli wiegte den Kopf. »Na ja, aber Beweise haben wir dafür nicht. Und es ist auch immer noch nicht klar, warum in Hamburg und warum auf der Insel. Jemand wie Villiers kann ja vermutlich sogar auf dem Himalaja Labors bauen, was will er ausgerechnet hier?«

»Das ist die große Frage. Aber das ist doch schon mal ein guter Anfang, oder? Ach ja, und noch etwas: Diese Reederei, an der er indirekt beteiligt ist, Validora, hat ihren Firmensitz in Manaus, in Brasilien. Und von dort kamen auch die Schiffe.«

Juli schluckte. Von Manaus aus gelangte man zu dem Urwalddorf, in dem die Ärzte ohne Grenzen arbeiteten. Wo die mysteriösen Leichenteile gefunden worden waren. Und dem Gebiet des Regenwalds, in dem ihre Schwester verschwunden war. Also hatte ihr Instinkt sie nicht getrogen, es gab eine Verbindung, und war sie noch so dünn!

»Wir müssen herausfinden, was sie auf der Insel getrieben haben«, sagte sie. »Was auch immer es war, es hatte mit medizinischen Versuchen und Menschen oder menschlichen Körperteilen zu tun. Und es war geheim, vielleicht sogar illegal, wenn man bedenkt, welchen Aufwand man betrieben hat, um es zu verschleiern.«

»Ich vermute, wir sollten uns gleich mit Berger in Verbindung setzen und ihm die Sachen durchgeben.«

»Ich dachte, du wolltest das lieber alleine durchziehen?«

»Nun haben wir ihn schon am Hals, vielleicht können wir ihn ja nutzbar machen. Zum Beispiel könnte er uns helfen, dass wir nicht noch ein zweites Mal auf der Insel erwischt werden.«

Juli nickte. »Ja, warum nicht? Ich habe sowieso nichts dagegen, wenn sich die Polizei in die Sache einmischt.«

Tom stand auf und ging in die Küche. »Ich werd mal sehen, ob ich die Kaffeemaschine retten kann. Und du, hast du die Briefe deiner Schwester noch mal genau studiert?«

Juli folgte ihm. »Ja, habe ich.« Tatsächlich war es kaum nötig gewesen. Sie kannte die Briefe fast auswendig, so häufig hatte sie sie in den Wochen seit Maries Verschwinden wieder und wieder gelesen. Bei jedem der Briefe erinnerte sie sich genauestens der Situation, als er sie erreicht hatte. Sie erlebte jeden Augenblick noch einmal neu und spürte den sorgenvollen Unterton der letzten Zeilen. Und die Leere, die danach gefolgt war, deren Griff sie in ruhigen Augenblicken noch immer spürte.

»Aber sehr hilfreich sind sie nicht«, fuhr sie fort. »Es gibt eine Kleinigkeit, die wir vielleicht prüfen können.«

Tom, der sich um den Kaffee kümmerte, sah auf. »Ach ja?«

»In ihrem letzten Brief schrieb Marie von einem jungen Arzt, der auch schon ein Jahr zuvor flussaufwärts verschwunden war. Warte, ich lese es dir am besten vor.«

Juli ging zurück ins Wohnzimmer, zog einen Stapel Briefe aus ihrer Tasche, öffnete einen, und als Tom mit zwei kleinen Tassen Kaffee dazukam, las sie vor:

Wir haben den vom Wasser aufgedunsenen und faulenden Kadaver geborgen und untersucht. Es war ein mit Beulen übersäter missgestalteter Mann. Dem Körper fehlten beide Hände, und von einem Bein war nur der Stumpf des Oberschenkels übrig. Brust und Bauch waren vollkommen aufgerissen. Reichlich abstoßend, und der Gestank war die reine Hölle; dagegen ist die Pathologie am UKE ein Kindermärchen.

Wir haben an mehreren Stellen eine ungewöhnliche, borstige Behaarung entdeckt. Überall gab es Beulen unter der Haut wie Geschwüre. Vielleicht eine Krankheit. Das Fleisch war im Kern seltsam violett verfärbt. Niemand von uns konnte sich das erklären. Wir haben die Polizei in Manaus verständigt, die ist allerdings bis heute nicht gekommen. Inzwischen sind die Leichenreste verbrannt worden. Das Ganze war eine reichlich seltsame und mystische Aktion, aber das ist eine Geschichte für sich.

Die Einheimischen hatten natürlich sofort etwas von Walddämonen geflüstert, wie sie eben so sind. Die Stimmung ist abergläubisch, und alles wirkt sehr mysteriös. Ich hab ein bisschen rumgeforscht und von Susan – die Campleiterin, du kennst sie ja – schließlich erfahren, dass vor einem Jahr ein junger Student aus dem Team, Oliver, diesen Gerüchten einmal nachgehen wollte. Er soll wohl ein recht verdrehter Typ gewesen sein, interessierte sich für Fabelwesen und Schamanismus und solche Sachen. Jedenfalls hatte er sich vom Camp abgemeldet und war mit Sack und Pack flussaufwärts gezogen, weil er herausfinden wollte, was dahintersteckt. Er hatte sich danach aber nicht wieder zurückgemeldet. Ich schätze, den hat ohnehin keiner richtig vermisst.

Ich habe das Gefühl, hier wird irgendetwas verheimlicht, aber ich kann den Finger nicht drauf legen. Ich werde mal weitere Nachforschungen betreiben und dir dann alle Details schreiben, wenn ich selbst mehr weiß.

Juli reichte den Brief an Tom.

»Vielleicht lässt sich etwas über diesen Oliver erfahren«, schlug sie vor. »Es könnte doch sein, dass man inzwischen etwas über seinen Verbleib weiß und was er herausgefunden hat.«