Tom überflog den Brief. »Hm … Das wird nicht leicht. Oliver ist ja nicht gerade ein einzigartiger Name.«
»Es könnte aber klappen. Das Team im Dorf bilden hauptsächlich Ärzte und Studenten aus Deutschland und insbesondere aus Hamburg, weil die Teamleiterin hier in Hamburg an der Uni Vorlesungen hält und immer wieder Leute anwirbt. Es gibt ein Büro auf dem Campus, wo man sich melden kann, und die wissen, wer sonst noch im Camp ist. Mit Sicherheit haben sie auch Unterlagen aus den vergangenen Jahren.«
»Okay, das ist einen Versuch wert! Aber wenn du dir solche Sorgen um den Verbleib deiner Schwester machst, warum bist du dieser Spur nicht schon längst nachgegangen? Ich meine, da werden Leichenteile angespült, ein Typ geht in den Wald und kommt nicht zurück. Ein Jahr später passiert es wieder, deine Schwester geht auch in den Wald und kommt auch nicht zurück. Das klingt doch verdächtig nach einem Muster.«
»Ja, ich weiß. Ich habe das Camp ja kontaktiert und danach gefragt, und die haben sich sogar auf den Weg gemacht, sie zu suchen. Aber Susan betonte immer wieder, dass es nun mal eine gefährliche Gegend sei und jedes Jahr Hunderte von Menschen im Urwald verschwinden. Durch Unfälle, Krankheiten oder wilde Tiere oder weil sie sich verlaufen.«
»Na ja, verlaufen? Dafür gibt es doch GPS-Geräte und Satellitentelefone.«
»Dafür braucht man aber eine Lichtung oder einen hohen Baum, das ist nicht so leicht, wie du dir das vorstellst.«
Tom gab ihr den Brief zurück. »Du kennst dich wohl ganz gut aus, hm? Und woher kennst du diese Susan?«
»Ich war selbst auch schon zweimal in dem Camp, in den Semesterferien. Habe dafür ja sogar Portugiesisch gelernt.«
Tom hob die Augenbrauen. »Dann hättest du doch in den letzten Wochen hinfliegen können, um nach dem Rechten zu sehen.«
»Sicher! Ich hatte auch schon ein Ticket gebucht, aber Susan hat es mir untersagt, weil bei ihnen gerade ein heftiger Virus umgeht und sie das gesamte Dorf zur Quarantänezone erklären mussten. Es kommt keiner rein oder raus.«
Tom zuckte mit den Schultern. »Na gut, dann bleibt uns also dieser Oliver. Versuch du etwas über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich werde mich bei Berger melden und ihm die bisherigen Hinweise durchgeben.«
Hauptkommissar Berger hörte sich an, was Tom über die Verflechtungen der Firmen zu erzählen hatte.
»Ich habe dazu ein Schaubild erstellt«, erklärte Tom, »das ich Ihnen per E-Mail schicken kann.«
»Vielen Dank, Herr Hiller, aber das wird nicht nötig sein.«
Tom meinte, durch das Telefon den herablassenden Gesichtsausdruck des Mannes sehen zu können.
»Diese Verbindungen sind mir schon länger bekannt. Aber weder ist das außergewöhnlich schwierig aufzudecken, noch ist daran irgendetwas Illegales. Wenn Sie mir weiterhelfen möchten – und das sollten Sie in Ihrem eigenen Interesse –, dann müssen Sie mir schon etwas Substanzielleres bringen.«
»Wie stellen Sie sich das vor?«, gab Tom gereizt zurück.
»Sie sind der Journalist, Herr Hiller, nicht ich. Wenn es so einfach wäre, wie Sie sich das offenbar gedacht haben, wäre die Sache schon längst aufgeflogen. Also strengen Sie sich ein bisschen an und verschwenden Sie nicht meine Zeit.«
»Wir müssen dazu noch einmal auf die Insel.«
»Was Sie meinen zu müssen, interessiert mich nicht. Sie wissen, dass es illegal ist.«
»Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter.«
»Das will ich nicht gehört haben. Wenn die Wasserschutzpolizei Sie auf ihrer nächtlichen Patrouille heute um halb drei oder morgen um eins erwischt, werde ich bestimmt kein zweites Mal die Augen zudrücken können.«
»Heute um halb drei und morgen um eins?«
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Herr Hiller. Und jetzt muss ich weiterarbeiten und hoffe, dass Sie es auch tun.«
Damit legte er auf.
Tom grinste. Berger mochte ein arroganter Klotz sein, aber dumm war er nicht.
Am frühen Abend parkte Tom vor einem alten Haus in Hamburgs Norden. Es war eine baumreiche, fast waldige Gegend, wo sich in den Nebenstraßen und hinter mannshohen Hecken prachtvolle Villen verbargen. Anders als an der Elbchaussee, wo jene Prominenten ihre Villen pflegten, die Wert auf Sichtbarkeit und eine exquisite Adresse legten, zog es die Millionäre hier in die Abgeschiedenheit einer fast dörflichen Umgebung. Denn im Norden der Hansestadt befanden sich nicht nur übergroße Parkgrundstücke und von Sicherheitskameras beobachtete Millionenobjekte, sondern auch Backsteinhäuser, die vor vielen Jahrzehnten einmal von wohlhabenden Kaufleuten erbaut worden waren. Diese Häuser wurden häufig nur in den Familien weitervererbt, denn niemand wollte die noblen Altbauten und ihre einzigartigen Grundstücke aufgeben, egal wie baufällig sie inzwischen sein mochten. Allein ihre Lage war zu kostbar, und Neubesitzer hätten sie vermutlich abgerissen.
Vor einem solchen Haus stiegen Tom und Juli aus. Es war dreistöckig, mit mehreren Erkern, verspielten Holzschnitzereien an den Balkonen und einem verwinkelten und mit Schiefer bedeckten Spitzdach. Tom schätzte das Alter des Anwesens auf mindestens einhundert Jahre. Es war deutlich, dass das Haus bessere Zeiten gesehen hatte, und nicht nur der Garten, auch die Fassade aus Backstein und Fachwerk hätte Pflege und Restauration nötig gehabt.
Sie klingelten an der Gartenpforte. Nachdem der Summer betätigt wurde und sie auf das Haus zugingen, erwartete sie eine junge Frau an der um einige Stufen erhöhten Haustür.
»Guten Tag, Frau Scholz, ich bin Julia Thomas, und das ist mein Kollege Thomas Hiller. Wir hatten telefoniert.«
Die Frau grüßte und führte sie durch eine kleine Vorhalle in ein geräumiges Wohnzimmer, wo sie ihnen Plätze auf einer Sofagarnitur anbot.
»Ich habe mich über Ihren Anruf sehr gewundert«, sagte sie. »Seit fast einem Jahr habe ich nichts mehr von den Ärzten ohne Grenzen gehört.«
Tom betrachtete die Frau genauer. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Körperlich noch fast jugendlich, aber ihr Gesicht wies einige tiefe Falten auf, die ihr einen verhärmten Ausdruck verliehen. Sie wirkte nicht abgerissen oder verlebt, im Gegenteil, das Haus, das Mobiliar und auch ihre Kleidung zeugten von ausreichend Geld, um ein sorgenfreies Leben führen zu können. Vermutlich von Beruf Tochter, schätzte er. Mit einer goldenen Saugglocke auf die Welt geholt. Aber glücklich schien sie nicht zu sein. Vielleicht war sie von Natur aus griesgrämig.
»Es geht zwar um das Camp der Ärzte ohne Grenzen«, erklärte Juli, »und ich bin als Medizinstudentin selbst schon dort gewesen, aber wir selbst gehören nicht direkt dazu.« Sie deutete auf Tom. »Herr Hiller ist freier Journalist, und ich selbst arbeite noch an meiner Promotion in der Humanmedizin. Gemeinsam recherchieren wir für einen Bericht über das Camp in Brasilien. Das Camp, in dem Ihr Bruder, Oliver, gewesen ist.«
Bei der Erwähnung des Namens zog sich der Mund der Frau zu einer schmalen Linie zusammen, aber sie nickte.
»Wir haben erfahren, dass er im Camp gearbeitet, sich aber dann auf den Weg zu einer Expedition gemacht hat, weil er einige Vorfälle untersuchen wollte. Man sagte uns, er sei danach nicht wieder zu den Ärzten zurückgekehrt, und wir wollten uns bei Ihnen erkundigen, was genau damals geschah und was aus ihm und seiner Expedition geworden ist.«
»Oliver ist nicht zurückgekommen«, sagte die Frau knapp. »Weder zu den Ärzten noch nach Hamburg. Ich weiß nicht, wo er ist.«
Juli zuckte innerlich zusammen. Es war, wie sie befürchtet hatte. »Ist er … verschollen?«
»Ja, das ist er.«
Tom beobachtete, wie die Frau den Blick senkte und sich die Falten in ihrem Gesicht noch tiefer eingruben. Es waren Falten der Trauer, wie er jetzt erkannte.
»Das tut mir aufrichtig leid«, sagte Juli und beugte sich vor. »Der Verlust eines geliebten Menschen ist furchtbar, umso schlimmer, wenn man nichts Sicheres über den Verbleib weiß.« Sie machte eine Pause. »Ich weiß, was Sie fühlen. Mir geht es nämlich genauso.«