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»Er schreibt hier von einem Wesen, das man überall in Lateinamerika kennt. Chupacabra wird es genannt.« Sie las eine Passage aus dem Notizbuch vor:

Der Chupacabra ist als Legende nicht nur in Brasilien, sondern in ganz Mittel- und Südamerika bekannt. Er überfällt normalerweise kleine Tiere wie Schafe oder Ziegen und tötet sie in der Nacht, indem er ihnen das Blut vollständig aussaugt. Das Wesen soll nicht viel größer als ein Schäferhund sein, rot leuchtende Augen haben und sich perfekt tarnen können. Alle, die behaupten, einen Chupacabra gesehen zu haben, beschreiben ihn aber anders, und die Exemplare, die man bisher gefangen oder tot gefunden hat, waren allesamt abgemagerte Kadaver von irgendwelchen anderen Tieren wie Füchsen oder Coyoten.

Inzwischen glaube ich, dass es den Chupacabra gar nicht gibt, sondern dass man den Begriff einfach als Synonym für alles Unerklärliche und Gefährliche verwendet. Deswegen sind die ganzen Beschreibungen so vielfältig und beliebig. Vielleicht sind es aber auch verschiedene Wesen oder Mutationen einer Spezies, die alle etwas anders aussehen.

Was letztes Jahr passiert ist, kann jedenfalls unmöglich mit einem solchen Chupacabra zu tun haben, auch wenn die Indios darauf bestehen. Aber der Chupacabra frisst kein Fleisch, es geht ihm nur um das Blut, das ist der gemeinsame Aspekt aller Geschichten. Außerdem ist er in keiner der Legenden so groß, dass er einen Menschen angreifen könnte.

Letztes Jahr war ich viel zu schockiert, um noch weiter nachzuhaken. Wenn ich jetzt im Camp bin, werde ich mich jedenfalls besser umhören.

»Es ist schon einmal etwas passiert!«, sagte Tom.

»Ja, ganz genau«, gab Juli zurück. »Und auch damals war Oliver bereits im Camp. Ein Jahr später ist er noch einmal hingefahren, kurz nachdem er das hier geschrieben hatte.«

»Und dann gab es wieder einen Vorfall«, überlegte Tom. »Vermutlich hat er dieses Mal die Indios ausgequetscht. Die haben ihm irgendetwas erzählt, und daraufhin ist er in den Urwald aufgebrochen.«

»Er suchte den Chupacabra … Wenn wir nur wüssten, was genau sie ihm erzählt haben.«

»Etwas ist dort jedenfalls nicht normal. Als deine Schwester dort ist, wird eine verstümmelte Leiche angeschwemmt, ein Jahr davor wird Oliver Zeuge, wie das Gleiche passiert, und wie wir jetzt erfahren, hatte er ein Jahr früher bereits schon einmal ein schockierendes Erlebnis in dem Camp gehabt.«

»Vielleicht finden wir heraus, was es war«, sagte Juli. Sie deutete auf einen Stapel Ringbücher. »Er schien sich ja viele Notizen zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass er von dem ersten Vorfall im Camp auch etwas festgehalten hat.«

»Also pack alles ein. Da haben wir ja nun eine Menge zu lesen …«

Kapitel 7 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 13. Mai

Natürlich ging ich nicht davon aus, dass eine Leiche sich erheben und davonlaufen konnte. Zumal es sich hier nicht um einen vielleicht Scheintoten gehandelt hatte; dieser Kadaver war verfault und fast zur Unkenntlichkeit zerstört, nur noch eine Ansammlung von verwesendem organischem Material, nicht mehr, als hätte man überreife Abfälle eines Schlachthofs auf einen Haufen geworfen.

Aber wer machte sich hier nachts zu schaffen und zu welchem Zweck?

Ich folgte der dunklen Spur, die sich vom Lagereingang bis zum Waldrand zog. Hier war etwas Nasses, Tropfendes entlanggegangen, nein, natürlich transportiert worden.

Indem ich mich dem Waldsaum näherte, wurde der seltsame Gesang deutlicher. Er hatte etwas Archaisches an sich, klagend, beschwörend und scheinbar keiner nachvollziehbaren Melodie folgend.

Als ich den Rand des Camps hinter mir ließ, zögerte ich einen Moment, ob ich mich auf den unbefestigten Pfad wagen sollte, der von hier aus in den Urwald führte. Er war zwar breit genug, sodass wir ihn auch mit unseren Pick-ups befahren konnten, denn nur so kam man von hier aus nach einer Stunde Fahrt auf die nächste reguläre Straße. Aber im Dunklen, wenn alles seine Farben verliert und die Schatten zusammenrücken, war der Gedanke, mich auf einer freien Schneise durch ein Spalier undurchdringlichen Dickichts zu bewegen, aus dem mir zahllose Augen kleiner und großer Tiere folgen konnten, alles andere als angenehm.

Aber da waren diese Spur auf dem Boden und dieser Gesang, der meine Neugier anstachelte. Er berührte etwas Urtümliches in mir. Ich hörte ihn nun deutlicher, auch über die Geräusche des Urwalds hinweg, er konnte nicht weit entfernt sein.

Ich machte einige vorsichtige Schritte auf den Pfad. Einen Moment lang wünschte ich, eine Lampe mitgenommen zu haben, aber damit hätte ich nur auf mich aufmerksam gemacht und mich womöglich selbst geblendet. So aber waren meine Sinne geschärft.

Der Gesang zog mich vorwärts, während mein Blick auf den Boden geheftet war, wo ich die dunklen Tropfen auszumachen versuchte, die immer seltener zu sehen waren. Bald hatte ich mich mehrere hundert Meter vorgewagt. Hinter mir konnte ich die Lichter des Camps am Ende der Schneise sehen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, in der Ferne die sichere Geborgenheit, die Räume, die anderen, mein Bett zu wissen. Der fast übermächtige Drang, kehrtzumachen und zurückzurennen, überkam mich. Aber nun hörte ich den Gesang zu meiner Linken aus dem Wald kommen, und nur wenige Meter weiter zweigte ein Trampelpfad ab. Ich wusste, dass er zu einer Lichtung führte. Dort hatte es einmal einige Felder gegeben, die aber seit Jahren brachlagen. Die Indios wollten dort nicht mehr arbeiten und mieden die Lichtung. Inzwischen hatte der Urwald begonnen, sie wieder in Besitz zu nehmen, und auch der Weg war schon fast wieder Teil der Umgebung geworden.

Ich meinte, einen Lichtschein zwischen den Bäumen zu erkennen, und wagte mich den Trampelpfad entlang. Ich näherte mich dem Gesang, und bald konnte ich das Leuchten immer häufiger aufblitzen sehen. Ich dachte schon nicht mehr an die Dunkelheit, die mich umgab, meine Aufmerksamkeit war allein auf das gerichtet, dem ich mich näherte. Der Gesang wandelte sich, ich konnte nun Wörter heraushören, allerdings blieben sie unverständlich. Es war weder das unbeholfen artikulierte brasilianische Portugiesisch der Einheimischen, noch waren es irgendwelche Wörter aus ihrer Indiosprache, die ich jemals zuvor schon einmal gehört hätte. Die Laute waren guttural und vollkommen fremdartig.

Ich erreichte den Rand der Lichtung und blieb im Schutz der Bäume stehen. Was ich sah, erregte und schockierte mich gleichermaßen.

Auf der Lichtung brannte ein fast mannshoher hölzerner Stapel. Die Flammen züngelten hoch hinauf, sandten einen beständigen Strom von tanzenden Funken in den Himmel, und in den Flammen erkannte ich die unförmige Fleischmasse, die einmal eine menschliche Leiche gewesen war. Die Haut bildete Blasen, wo sie noch nicht schwarz verkohlt war, die Rippen stachen wie geschälte Äste heraus, und Säfte rannen aus dem Kadaver, tropften über das Holz und fingen Feuer.

Ich kann mir nicht erklären, wie ich diese Details aus meinem Versteck erkennen konnte, aber mein Blick wurde mit unvorstellbarer Gewalt angezogen, bohrte sich gleichsam in den Scheiterhaufen, als stünde ich direkt daneben.

Hinter dem Scheiterhaufen, erhellt durch die lodernden Flammen, stand ein alter Indio, den ich noch nie zuvor im Camp gesehen hatte. Gesicht und Körper waren weiß bemalt, und außer einer Kette und einer mit Federn besetzten Kopfbedeckung war er nackt. Sein Kopf war in den Nacken geneigt, seine verdrehten oder blinden Augen offenbarten nur das Weiße. Er schwenkte einen Stab und ein anderes Utensil, von dem ich annahm, dass es der Fuß oder die Klaue eines Tieres war. Er war es, der den beschwörenden Gesang ausstieß.