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Neben ihm, ebenfalls weiß bemalt und vollkommen nackt, standen Dr. Paulsen und die Leiterin unseres Camps, Susan. Fabrikgelände bei Hamburg, 22. Juli

»Es wundert mich ja, dass dein Freund uns das Boot noch ein zweites Mal ausleiht«, sagte Juli.

Sie standen an derselben Stelle, von der aus sie am Tag zuvor auf die Insel übergesetzt waren. Es war elf Uhr und dunkel genug, um ungesehen zu fahren. Es würden ihnen rund vier Stunden bleiben, um sich umzusehen, bevor die Wasserschutzpolizei ihre Kontrollfahrt unternahm.

»Es ist nur eine Frage des Geldes«, sagte Tom.

»Du hast ihn dafür bezahlt? War es teuer?«

»Nicht der Rede wert. Das kann ich mir als Spesen zurückholen. Immerhin ist das hier eine Auftragsarbeit der Zeitung.«

»Ich dachte, du recherchierst das hier auf eigene Faust.«

»Im Grunde ja. Aber der Chefredakteur war so interessiert an der Geschichte mit dem Fuß, dass er mir den Auftrag gegeben hat, über das zu schreiben, was ich ohnehin vorhatte. Das hat so seine Annehmlichkeiten.«

Juli zuckte mit den Schultern. »Also dann … Hast du alles dabei?«

Tom deutete auf die Utensilien, die er bei sich trug. »Rucksack, Taschenlampen, Knicklichter, Bolzenschneider und ein Brecheisen. Und deine Pflaster.«

»Pflaster?«

»Den Erste-Hilfe-Koffer aus dem Auto. Wolltest du doch unbedingt.«

»Ja, wollte ich. Man weiß nie, was einem zustößt. Du hast doch gesehen, was das für ein Gelände ist.«

»Wenn du meinst. Ich hoffe mal, dass wir das nicht brauchen werden.«

Sie passten einen günstigen Moment ab und fuhren los.

»Hast du in den Tagebüchern eigentlich was gefunden?«, fragte Tom.

»Ja und nein. Mit seinem Interesse an verlorenen Ländern und sagenhaften Kreaturen und Kryptozoologie hattest du recht. Davon war eine ganze Menge drin. Verworrene Sachen. Ich habe dann auch das Tagebuch über seinen ersten Besuch in dem Camp gefunden. Aber viel gab es nicht her. Es war ebenfalls eine Leiche angespült worden, genauso wie ein Jahr später und dann bei meiner Schwester. Wer weiß, wie oft das dort so vorkommt.«

»Und hat er beschrieben, wie sie aussah?«

»Ja. Auch bei ihm fehlten Gliedmaßen, andere Körperteile waren verformt oder angeschwollen, und auch hier war das Fleisch violett verfärbt. Aber nichts über eine Todesursache und natürlich auch keine Identifikation.«

»Früher oder später werden wir uns das Camp näher ansehen müssen«, sagte Tom. »Aber vorher müssen wir wissen, was uns erwartet und was dort vor sich geht. Ganz offenbar ist es ja nicht ganz ungefährlich, sich eigenhändig auf die Suche zu begeben.«

Juli schwieg. In der Tat, es war sogar verdammt gefährlich. Und Marie hatte es erwischt – was immer es war. Sie mussten das Rätsel lösen.

Der kleine Motor des Schlauchboots brachte sie ohne Zwischenfälle zum anderen Ufer. Tom fuhr dieses Mal ein Stück weiter, weil er das Boot nicht an einem der Strandabschnitte anlanden wollte, sondern dort, wo Gras und Schilf bis ins Wasser wuchsen. Hier würden sie noch besser vor ungewünschten Blicken geschützt sein. Um das Boot dort verlassen zu können, trugen sie vorsorglich hohe Gummistiefel.

Bald hatte er eine geeignete Stelle gefunden und fuhr so tief hinein, wie er konnte, bis sie aufsetzten. Dann sprangen sie hinaus und zogen das Boot noch zwei Schritte weiter. Schließlich war es in der Vegetation vollkommen verborgen.

»Das Wasser wird noch zwei Stunden lang ablaufen«, sagte Tom, »und kommt erst dann wieder. Es sollte hier also sicher liegen bleiben.«

Während sie sich auf den Weg ins Innere der Insel machten, bemerkten sie nicht, dass sich ein weiteres Boot näherte. Es war ebenfalls ohne Licht gefahren und legte zehn Minuten später unweit derselben Stelle an.

Tom und Juli schlugen sich durch das Unterholz des Pappelwalds, stiegen über die knorrigen Wurzelgeflechte der Weiden hinweg und erreichten schließlich den Zaun.

»Wolltest du den nicht aufschneiden?«, fragte Juli.

»Ach was, das dauert unnötig lang. Es gibt ja eine Öffnung, die reicht. Wir sollten unsere Zeit für die Baracke aufsparen.«

So folgten sie dem Weg, den sie bereits entdeckt hatten, fanden das Loch, zwängten sich hindurch und kamen bald auf das verwilderte Gelände, das sie zu dem Blechschuppen führte.

Vor der Tür blieben sie stehen.

»Hier, halt mal«, sagte Tom und reichte Juli das Brecheisen. Er selbst nahm den Bolzenschneider in beide Hände. »Wollen wir mal sehen, ob das so einfach geht, wie es immer aussieht.«

Er öffnete die gewaltige Zange und setzte sie an der Kette an, die um den Metallriegel geschlungen war. Er drückte die Griffe mit aller Kraft zusammen, aber es tat sich nichts. Nach einigen Augenblicken der Anstrengung setzte er den Bolzenschneider erschöpft ab und begutachtete im Licht der Taschenlampe die Stelle, die er hatte durchtrennen wollen.

»Nur eine winzige Kerbe«, bemerkte er.

»Nicht genug zum Abendessen gehabt?«, scherzte Juli.

Noch einmal setzte er an derselben Stelle an und drückte unter lautem Ächzen zu. Aber als er nachsah, hatte sich die Kerbe nicht wesentlich vertieft.

»Das gibt’s doch gar nicht. Wofür ist das Ding denn da?«

»Probier es doch am Schloss«, schlug Juli vor. »Der Bügel ist viel schmaler als die Kettenglieder.«

Tom positionierte die Backen der Zange am Bügel des Umhängeschlosses und drückte zu.

Er wurde jäh unterbrochen, als hinter ihm ein Knurren ertönte. Erschrocken fuhr er herum und sah im Licht von Julis Lampe, dass der streunende Hund nur wenige Meter entfernt stand. Er hatte die Ohren angelegt und bleckte die Zähne.

»Ganz ruhig bleiben«, sagte Juli. »Ganz ruhig … ich habe hier etwas …«

Tom sah zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie in die Hocke ging und den Hund ansprach.

»Wir tun dir nichts … komm her … sieh mal …«

Sie griff mit langsamen Bewegungen in eine Jackentasche und brachte ein kleines Aluschälchen hervor, dessen Deckel sie abzog. »Hier ist etwas zu fressen … ja, komm …«

Sie warf das Schälchen behutsam einen knappen Meter nach vorn. Der Hund zuckte zurück und knurrte auf. Dann bemerkte er, dass sich das Objekt nicht mehr bewegte, witterte etwas, senkte die Lefzen, stellte die Ohren auf und begann zu schnuppern. Langsam machte er einige Schritte beiseite, dann wieder zurück und schließlich nach vorn.

»Was machst du denn da?!«, raunte Tom. »Hast du allen Ernstes Futter für das Mistvieh mitgebracht?«

»Das ist kein Mistvieh«, sagte Juli. »Er hat Hunger, das ist doch klar. Kümmere du dich um das Schloss, ich beruhige den Hund.«

Widerwillig wandte sich Tom ab und machte sich am Schloss zu schaffen. Er musste mehrfach neu ansetzen, aber nach einigen Minuten hatte er den Bügel des Schlosses tatsächlich durchtrennt. Mit lautem Klappern zog er die Kette vom Metallriegel und schob ihn hoch. Darunter kamen eine Klinke und ein Sicherheitsschloss zum Vorschein.

Juli reichte ihm das Brecheisen. »Bist du sicher, dass das klappt?«

»Das werden wir gleich sehen.«

Er setzte das Brecheisen im Spalt neben dem Schloss an und bog den Hebel mit aller Kraft herum. Das Blech knirschte, und schließlich brach die Tür mit einem lauten Knall auf.

»Na also, das war’s«, sagte er etwas atemlos. »Wo ist das Vieh?«

»Hat sich erschreckt«, sagte Juli, während sie sich erhob. »Der Lärm war bestimmt noch am anderen Elbufer zu hören. Schnell rein jetzt.«

Sie betraten einen schmucklosen Raum. Im Schein ihrer Lampen erkannten sie lediglich einige leere Regale und Kisten. Das Innere des Schuppens machte genau den Eindruck, den es offenbar auch erwecken sollte: den eines ungenutzten Lagerschuppens. Allein die übermäßige Sicherung der Tür ließ vermuten, dass es sich um eine Tarnung handelte, was die unterirdischen Räume, von denen sie wussten, schließlich auch bestätigten.