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»Siehst du einen Lichtschalter?«, fragte Tom.

Juli leuchtete an den Wänden entlang, fand einen Schalter und legte ihn um. Aber nichts tat sich. »Der Strom wurde anscheinend abgeschaltet.«

»Na gut, dann nehmen wir eben die Taschenlampen.«

Tom entdeckte eine weitere Tür, und nach kurzer Zeit hatte er sie aufgebrochen. Dahinter lag eine nach unten führende Treppe.

»Jetzt wird’s spannend.« Er ging voraus und erhellte die Stufen. Am unteren Treppenabsatz stießen sie auf eine weitere Tür. Sie enthielt eine große Glasscheibe, durch die sich ein feines Netz von Metallfäden zog. Tom leuchtete hindurch und konnte vage einen Gang erkennen. Rechts von ihm, an der Wand daneben, befand sich ein Kästchen mit einer Zahlentastatur.

»Ein Codeschloss«, sagte er und tippte versuchsweise darauf herum. Aber weder bewirkte es irgendein Geräusch, noch leuchteten Dioden auf. »Ohne Strom können wir das wohl vergessen«, brummte er. »Immerhin wird’s dann sicher auch keinen Alarm geben.«

Wieder setzte er das Brecheisen an, doch dieser Türrahmen erwies sich als deutlich widerstandsfähiger.

»Was soll’s. Dann eben so!«, meinte er und hieb auf die Glasscheibe ein, die sogleich in ein kristallenes Mosaik zersprang, sich aber nicht löste. Die Metallfäden hielten sie zusammen.

Tom stach mit dem Brecheisen mehrfach auf das Glas ein, bis er es an einer Stelle durchstoßen hatte, dann hebelte und riss er daran herum. Nur langsam gelang es ihm, das Sicherheitsglas aus dem Rahmen zu lösen. Die Metallfäden waren kräftiger, als er erwartet hatte. Es dauerte mehrere Minuten, bis er so viel zerstört hatte, dass er sich durch die entstandene Lücke zwängen konnte.

»Einen Vorteil hat es«, sagte er etwas außer Atem, als er auf der anderen Seite der Tür stand und Juli ihm folgte. »Man kann sich immerhin nicht dran schneiden.«

Sie befanden sich vier oder fünf Meter unter der Erde. Die Luft war kühl und roch abgestanden. Vor ihnen verlief ein mit Linoleum belegter Gang. Zu beiden Seiten befanden sich Türen oder zweigten weitere Gänge ab.

»Sieh dir das an!«, sagte Juli. »Hier hat jemand eine ganze Bunkeranlage angelegt.«

Langsam gingen sie voran. Die ersten Räume, die sie untersuchten, waren leer. Es gab Steckdosen, Lampen an der Decke und vereinzelte Metallregale, hin und wieder Stühle oder einen Schreibtisch, aber keine Gerätschaften, Bücher, Unterlagen oder irgendetwas, das auf eine Funktion hingewiesen hätte.

»Ich hoffe, wir stolpern nicht gleich wieder in eine Asservatensammlung oder etwas ähnlich Ekeliges«, sagte Tom, dem nicht wohl dabei war, nur mit ihren Lichtkegeln durch die verlassenen Räumlichkeiten zu schleichen.

Er fuhr herum, als er hinter ihnen ein leises, rhythmisches Klacken hörte.

Er leuchtete den Gang hinab, den sie gekommen waren, und erschrak, als ihm aus einiger Entfernung die Augen des Hundes entgegenleuchteten. Offenbar folgte er ihnen. Seine Krallen klapperten auf dem Boden und erinnerten Tom auf unangenehme Weise daran, dass er ihnen jederzeit an die Kehle springen konnte.

»Das gibt’s doch nicht! Was will der?«

»Lass ihn doch«, meinte Juli. »Sicher hofft er, noch mehr Futter zu bekommen. Er wird uns nichts tun.«

»Das sagst du!«

»Nun stell dich nicht so an. Er weiß, dass wir gut zu ihm sind. Er beginnt, uns zu vertrauen. Hunde sind Rudeltiere, er sucht Anschluss.«

»Aber ich suche keinen Anschluss!«

»Was hast du eigentlich gegen Hunde?«

»Ich mag sie einfach nicht, okay?«

Juli zuckte mit den Schultern. »Dann versuch ihn zu ignorieren. Aber mach ihm keine Angst. Denn dann wissen wir nicht, wie er reagiert.«

»Na prima«, murrte Tom, drehte sich aber wieder nach vorn und versuchte, sich auf ihre Suche zu konzentrieren.

Der nächste Raum, den sie betraten, war größer als die anderen. Zu ihrer Überraschung beherbergte er vier Betten, wie man sie in einem Krankenhaus vermutet hätte. Sie waren schlicht, und weder an ihrem Kopfende noch neben ihnen befanden sich medizinische Apparaturen. Dennoch war klar, dass dies Krankenbetten waren, die sich verstellen ließen.

»Schau mal«, meinte Tom und leuchtete an die Seite eines der Betten. Auf Brusthöhe und am Fußende hingen breite Riemen herab. Ganz offenbar konnte man damit den Patient festschnallen. »Ist das normal?«

»Vielleicht in einer Psychiatrie«, meinte Juli. »Aber wegen einer Blinddarmentzündung sicher nicht.«

Sie gingen weiter.

»Es muss doch irgendwo ein Büro gegeben haben«, überlegte Tom. »Aktenschränke, Computer oder so was.«

»Das ist vermutlich längst alles weg.«

»Aber es gab doch diesen Abstellraum oder was es war, den wir gefunden haben. Vielleicht gibt es davon noch mehr.«

»Ich dachte, du wolltest keine Körperteile in Gläsern mehr sehen.«

»Um die kümmerst du dich dann.«

Sie entdeckten einen Waschraum, und als sie eine dahinter liegende Schleuse durchquerten, standen sie plötzlich in einem geräumigen Saal. In der Mitte befand sich ein großer Tisch, neben dem verschiedene Geräte standen, von denen aus sich ein gewaltiger Schwenkarm mit mehreren Lampen herüberbeugte.

»Unfassbar«, stieß Juli aus. »Das ist ein Operationssaal!«

»Was haben die hier bloß getrieben?«, fragte Tom, der die Gerätschaften erkundete. »An ein Lazarett für Not-OPs kann ich nicht glauben.«

»Nein, bestimmt nicht. Der Heimlichkeit nach zu urteilen und wenn man die Firmen bedenkt, die dahinterstecken, würde ich schätzen, dass es sich um ein Zentrum für medizinische Experimente gehandelt hat. Und zwar an Menschen.«

»Illegale Menschenexperimente?«

»Vielleicht war der OP-Saal ja tatsächlich nur für Notfälle gedacht, und vielleicht hat man nur Medikamente oder Impfstoffe untersucht. Aber jedenfalls muss es etwas gewesen sein, für das man auf regulärem Weg keine Lizenz erhalten hätte.«

»Aber warum hier auf der Insel? Direkt neben einer so großen Stadt? Warum nicht in irgendeinem Kaff im Hindukusch oder im afrikanischen Dschungel?«

»Vielleicht, weil man die Infrastruktur brauchte.«

»Wir werden es nicht herausfinden, wenn wir raten«, meinte Tom. »Lass uns nach Dokumenten suchen, etwas, das uns einen eindeutigen Hinweis auf die Betreiber und ihre Arbeit … Was macht denn das Viech da?«

Juli folgte Toms Blick. Der Hund, der ihnen bisher in einigem Abstand gefolgt war, stand in der Tür und sah in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sein Fell war gesträubt, der Kopf gesenkt, und er knurrte leise.

»Etwas ist da …«, sagte Tom.

»Vielleicht eine Ratte?«, überlegte Juli.

Tom schauderte es. »Wir sollten weitergehen.«

Sie verließen den Operationssaal durch eine gegenüberliegende Tür und kamen in einen neuen Trakt der labyrinthischen Anlage.

Sie fanden Abstellkammern, leere Lagerräume, und endlich stießen sie auf eine verriegelte Tür, deren Schloss Tom aufbrechen musste. Dahinter kam ihnen ein frischer Luftzug entgegen. Als sie nach oben leuchteten, erkannten sie, dass es sich um den Raum handelte, dessen Decke eingestürzt war.

»Möglich, dass dies die einzigen Reste sind, die hier noch übrig geblieben sind«, sagte Tom. »Das würde erklären, warum der Raum zusätzlich verriegelt war. Aber was für eine Ironie, dass man ausgerechnet in diesen hier nun auch von oben reinkommt … Los, suchen wir noch ein paar mehr Unterlagen.«

Gemeinsam machten sie sich daran, die Schachteln und Boxen zu öffnen, die sie fanden. Tom beschränkte sich darauf, dort nachzusehen, wo Papierstapel zu erkennen waren. Die Vorstellung, dass ihn im Licht seiner Lampe plötzlich der in Formalin schwimmende Kopf einer Leiche aus einem Karton entgegenstarrte, entsetzte ihn.

Sie luden alles, was nach selbst gefertigten Papieren, Rechnungen, Protokollen oder Akten aussah, in Toms Rucksack. Es war letztlich eine magere Ausbeute, keinesfalls das Archiv dieser Anlage, sondern vermutlich nur ein Rest, der eher zufällig zusammen mit den anderen Dingen schon früh in diesen Stauraum verfrachtet und dann vergessen worden war. Aber dennoch mochte es Aufschluss über die geheimnisvollen Vorgänge in diesen merkwürdigen Räumen geben.