Plötzlich hörte Tom wieder ein Rascheln und fuhr herum. Der Streuner hatte zu ihnen aufgeschlossen und wanderte schnuppernd über die auf dem Boden verstreuten Scherben und Papiere.
»Wenn du ihn nicht gefüttert hättest, würde er uns jetzt nicht ständig hinterherlaufen.«
»Ist doch nicht schlimm. Vielleicht können wir ihn auch mitnehmen und in einem Tierheim abgeben.«
»Kommt nicht infrage.«
»Wir werden ja sehen.«
»Was machst du denn da?«, fragte Tom gerade noch, als ihn mit einem Mal ein Blitzlicht blendete.
»Ich mache Fotos, was denn sonst.« Juli beugte sich nach unten und fixierte das Glas mit dem Kopf. Dann blitzte es erneut. »Wir müssen den Fund doch dokumentieren. Oder wolltest du den etwa mitnehmen?«
Das strahlend hell erleuchtete Bild des grausamen Schädels brannte sich in Toms Gedächtnis. Er hatte nicht vorgehabt, noch einmal hinzusehen, und nun hatte er ein weißes Abbild der glasigen Augen und der aufgeschwemmten Haut in seinem Kopf.
»Das reicht!«, rief er. »Los, lass uns zurück.«
Er wandte sich ab, während Juli hinter ihm ein weiteres Foto schoss, dann schloss sie zu ihm auf.
»Und jetzt?«, fragte sie. »Denselben Weg zurück?«
»Ja. Ich glaube nicht, dass wir hier noch mehr finden.«
Der Hund lief ihnen voraus. Sie verfolgten ihren Weg zurück durch die Gänge und erreichten schließlich den Operationssaal, als der Hund einige Meter vor ihnen erneut seine Rückenhaare aufstellte und leise knurrte.
»Mach das Licht aus!«, zischte Juli.
»Was?!«
»Los, schnell! Da ist jemand!«
Tom schaltete seine Lampe aus, und in der plötzlichen Dunkelheit fühlten sie sich einen Augenblick lang orientierungslos. Dann hörten sie die Geräusche. Es waren entfernte Schritte. Und ein unverständliches Gemurmel.
Auf einmal preschte der Hund davon. Sie hörten seine Krallen über den Boden kratzen, dann war er weg.
»Jemand läuft hier herum«, sagte Tom. »Wir müssen uns verstecken!«
»Los, in den Waschraum«, entschied Juli. »Da waren Wandschränke.«
»Ohne Licht?«
Juli griff nach Toms Hand. »Hier, fass mich an. Ich gehe voraus.«
Er spürte ihre zarte Hand warm in seiner. Sie zog ihn voran, und wäre es nicht eine so unbequeme Situation gewesen, hätte er den Moment genossen. So aber hoffte er nur, dass sie wusste, was sie tat, und dass er nicht im nächsten Augenblick mit dem Schädel gegen eine Wand oder einen Türrahmen stoßen würde.
Während er sich vortastete, hörte er die Schritte näher kommen. Und nun waren auch die Stimmen auszumachen. Tief, männlich, aber in einer fremden Sprache.
»Espera aí! Ouve lá!«
»O que foi?
»Cala-te!«
Dann war es einen Moment lang ruhig. Juli zog Tom hinter sich her, tastete herum, und schließlich hörte Tom, wie sich eine Schranktür öffnete.
»Hier«, flüsterte sie. »Das sind vermutlich Kleiderschränke für Kittel oder so was. Rein mit dir und mach mir etwas Platz.«
Tom drängte sich blind voran und schob beiseite, was er vorfand. Er quetschte sich in eine Ecke und fühlte, wie Juli ihm folgte und sich an ihn presste. Er nahm einen süßlichen Duft wahr, der von ihren Haaren aufstieg.
»Leise jetzt«, hauchte sie.
Die geschlossene Schranktür dämpfte alle Geräusche von draußen. Aber die Fremden mussten die Spuren ihres Einbruches und die offen stehenden Türen entdeckt haben und folgten sicherlich dem gleichen Weg. Sie würden auch durch diesen Raum kommen.
Nach einer Weile drangen tatsächlich Stimmen durch das dünne Holz der Tür. Tom machte zwei verschiedene Personen aus, die sich unterhielten. Kurz darauf wurden die Stimmen wieder leiser.
»Es sind Brasilianer«, flüsterte Juli, als die Männer an ihrem Versteck vorbei waren.
»Hast du verstanden, was sie gesagt haben?«
»Sie suchen uns.«
»Was?!«
»Sie sind uns anscheinend gefolgt und vermuten, dass wir noch hier unten sind.«
»Verdammt, dann müssen wir sofort hier raus!«
Tom hörte, wie Juli die Schranktür öffnete, und spürte mit leichtem Bedauern, wie sie sich von ihm entfernte.
»Los, komm«, sagte sie. »Wir müssen uns beeilen!«
Tom kletterte hinter ihr aus dem Schrank. Er legte seine Hand vor die Taschenlampe und schaltete sie ein, sodass nur ein schmaler Lichtstreifen sichtbar wurde. Nach der Zeit in absoluter Dunkelheit kam es ihm gleißend hell vor.
Sie machten sich auf den Weg durch den Waschraum und die Gänge, die sie gekommen waren.
Sie waren nicht weit gegangen, als sie hinter sich laute Rufe hörten. Dann bellte ein Schuss durch die unterirdischen Räume. Tom und Juli sahen erschrocken zurück, ob sich Lichter näherten, als von dort plötzlich der Streuner durch die Dunkelheit auf sie zugerannt kam, an ihnen vorbeihetzte und Richtung Ausgang verschwand.
»Ich schätze, es wird Zeit, abzuhauen«, sagte Tom, und gemeinsam liefen sie so schnell es ging den Weg zurück.
Die aufgebrachten Stimmen der Männer kamen näher.
»Estão aí em frente«, war zu hören.
»Hier links«, rief Tom atemlos. Juli folgte ihm. Doch plötzlich standen sie in einem Raum ohne weiteren Ausgang.
»Verdammt«, stieß er aus. Er wollte sich wieder umwenden, als Juli ihn festhielt.
»Lampe aus, schnell.«
Dann zog sie ihn zur Seite, weg vom Eingang und in eine versteckte Ecke.
Nur einen Lidschlag später fielen tanzende Lichtkegel in den Gang, von dem sie abgebogen waren. Hastige Schritte näherten sich, dann waren die dunklen Silhouetten von zwei kräftig gebauten Männern zu sehen. Sie blieben neben dem Türrahmen stehen. Die Strahlen ihrer Taschenlampen fielen in den Raum, sie wanderten über den Fußboden und zuckten über die Wände, streiften flüchtig das Regal, hinter dem sich Tom und Juli duckten. Dann wandten die Männer sich wieder dem Gang zu und eilten weiter.
»Da können wir nicht mehr entlang«, sagte Juli. »Wir müssen zurück zum Hinterausgang.«
Mit abgedunkelter Lampe liefen sie durch die Anlage zurück, ein weiteres Mal durch den unheimlichen Operationssaal und bis zu dem Lagerraum mit der eingestürzten Decke.
Tom atmete auf, als er den Nachthimmel sah und die frische Luft einatmete.
»Okay«, sagte er nach einer kurzen Verschnaufpause leise. »Vielleicht sind sie noch da oben. Wir müssen also vorsichtig sein und das Gelände sondieren. Ich klettere hoch und sehe mich um.«
Dann machte er sich an den Aufstieg über die Bretter, Regale und Trümmer. Er erreichte die Oberfläche, versuchte, zwischen Brombeerdornen und Brennnesseln eine hockende Stellung einzunehmen und richtete sich ganz langsam auf, um über das Gestrüpp hinweg in Richtung des Schuppens zu sehen.
Deutlich waren die beiden Männer zu erkennen, die das Gebäude inzwischen verlassen hatten und nun mit ihren Taschenlampen die aufgebrochene Tür und den Boden untersuchten.
»Kannst raufkommen«, rief Tom leise nach unten.
Als Juli kurz darauf bei ihm angekommen war, deutete er zum Schuppen. »Noch sind sie beschäftigt, können aber jederzeit hersehen. Wir müssen den nächsten günstigen Moment abpassen, um von hier in Richtung der Bäume zu verschwinden.«
»Sie haben Waffen dabei.«
»Das kannst du sehen?«
»Nein, aber wir haben es doch vorhin gehört.«
»Ja … Ich schätze, der Hund hatte sie unten erschreckt.«
»Gut, dass er uns vor ihnen gewarnt hat.«
Die Männer hielten sich noch eine Weile vor dem Schuppen auf, berieten vielleicht, was nun zu tun sei. Dann drehten sie sich um und gingen je einer links und rechts um das Gebäude herum.