»Die Behörden?« Tom hob die Kamera an. Konnte wohl doch noch spannend werden. »Los, zeigen Sie schon.«
»Dem Mädchen ist übrigens nichts passiert. Sie hat nur einen Schock.«
Tom winkte ab. »Hab ich gesehen. Das Mädchen ist mir egal. Nun machen Sie nicht so ein Geheimnis daraus. Oder wollen Sie morgen nicht in der Zeitung stehen?«
»Haben Sie schon was gegessen?«
»Was soll das denn heißen?«
»Dann können Sie es jetzt gleich wieder von sich geben.« Der Mann schob seinen Arm nach vorn. Es war tatsächlich ein Turnschuh. Er hielt ihn von unten, präsentierte ihn auf seiner ausgestreckten Hand wie zum Verkauf.
Toms Blick zuckte, suchte etwas, an dem er sich festhalten, ablenken konnte. Adidas, war der erste klare Gedanke. Eigentlich ein ganz normaler Schuh. Aus einem ganz normalen Geschäft. Und dann war etwas mit dem Schuh passiert. Denn jetzt steckte darin nur noch ein abgerissener Fuß. Aufgequollenes, unnatürlich violettfarbenes Fleisch brach aus der oberen Öffnung hervor, in kaum noch zusammenhängenden Lappen und halb verfaulten, schleimigen Brocken. Fäden, die einmal Sehnen gewesen sein mochten, hingen in einer grotesken Nachahmung von Schnürsenkeln daran herab. Ein fünf Zentimeter großes Stück Knochen ragte wie ein zersplitterter Pfahl nach oben.
»Ist das …« Tom würgte. »Das ist doch nicht echt, oder?«
»Vermutlich schon«, sagte der Rettungsschwimmer.
Tom holte tief Luft. Mit zitternden Fingern schoss er hastig einige Bilder des Fußes, ohne sich lange mit den grausigen Details zu beschäftigen. Wie abgebrüht musste der Typ sein, dass ihn das so kaltließ?
»Mein Gott, das muss ein ekelhafter Scherz sein«, murmelte er.
»Sieht aber verdammt noch mal ziemlich echt aus.«
»Dann hoffen wir mal, dass Sie keine Ahnung haben. Nichts für ungut.«
»Ich bin Medizinstudent«, sagte der Rettungsschwimmer nicht ohne einen Hauch von Herablassung. »Und wenn man ein paar Mal in der Pathologie war, dann kann man das schon ganz gut beurteilen.« Dann wandte er sich ab und ging zurück zu den Gebäuden oberhalb des Strandes.
Es war schwer zu sagen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, dass Gregory ihn in die Redaktion bestellte. Tom hatte den Artikel noch im »28 Grad« auf seinem Laptop geschrieben und zusammen mit zwei Bildern als E-Mail verschickt. Keine halbe Stunde später hatte ihn der Chefredakteur angerufen und ihn in die Innenstadt bestellt.
Es war nicht üblich, dass die Freien herbeizitiert wurden. Tom war zwar häufig genug im Axel-Springer-Gebäude, aber meistens nur, um in der Kantine ein paar Euros zu sparen. Sein Tagesgeschäft, die kleinen Reportagen und Randnotizen, die bestenfalls ein paar Hunderter abwarfen, wurden per Internet abgewickelt.
Gregory saß in einem Büro, das ihn mit einer Glastür vom beständigen Lärmpegel des Parketts abschirmte. »Parkett«, so nannte man den Rest des Großraumbüros, in dem je nach Tageszeit ein bis zwei Dutzend Redakteure an ihren Rechnern saßen, recherchierten, Artikel tippten, Fernsehprogramme prüften, telefonierten oder Grafiken vorbereiteten. Da die meisten Redakteure auf Zeile schrieben, direkt in das Layout hinein, war der aktuelle Entwicklungsstand der wichtigsten Seiten auf großen Bildschirmen schräg unter der Decke an einer Stirnseite des Raums zu verfolgen. Gregory hatte sich in den letzten Jahren hochgearbeitet und betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie wichtig es sei, das Geschäft von der Pike auf gelernt zu haben. Toms Einschätzung nach hatte dessen Aufstieg aber weniger mit seiner fachlichen Qualifikation zu tun, sondern lag einzig und allein daran, dass Gregory Netze spinnen konnte. Er verfügte über ein besonderes Maß an Selbstsicherheit, gab sich charmant und immer politisch korrekt. Aber er war ihm einfach zu glatt.
»Tom, mein Bester«, sagte der Chefredakteur, »toll, dass du vorbeikommen konntest!« Er kam um den Schreibtisch herum und schüttelte Toms Hand. »Warte mal kurz«, unterbrach er sich, ging an seinem Besucher vorbei, streckte den Kopf durch die Tür und rief: »Claudia, kannst du mal zwei Kaffee bringen?« Dann kam er zurück und setzte sich in den schwarzen Sessel hinter seinem Schreibtisch. »Erzähl mal, wie geht’s dir so? Du solltest wirklich öfter mal reinkommen. Man verliert ja sonst ganz den Kontakt.«
Tom trat an die Fenster und sah hinaus. Gab es einen Grund, auf Gregory neidisch zu sein? Nette Aussicht, gut bezahlte Position, aber ein verdammter Bürojob war es trotzdem. Und da half auch keine Designerbrille mit breiten schwarzen Bügeln oder eine Assistentin mit Modelmaßen, wie sie gerade mit den beiden Kaffees durchs Büro schwebte. Tom nahm seine Tasse entgegen und setzte sich.
»Habe nichts zu klagen, danke.«
»Schön!« Über Gregorys Gesicht huschte ein Lächeln. »Freut mich zu hören. Wirklich.«
»Was gab’s denn so Eiliges?«, fragte Tom. Er wusste noch nicht, ob am Ende dieses Gespräches Geld oder Ärger für ihn herausspringen würde, daher war noch Zurückhaltung angebracht. Nur die Formalitäten wollte er gerne überspringen.
»Ich will dich gar nicht lange aufhalten, hast ja bestimmt viel zu tun«, sagte Gregory. »Ich weiß doch selbst noch, wie das war. Von einem Termin zum nächsten, nicht?«
»Hm, ja genau.«
»Also, es geht natürlich um die Geschichte aus dem Beachclub.« Gregory beugte sich vor. »Ich habe ja so meine eigene Vermutung, aber ich wollte gerne wissen, wie du das siehst. Was denkst du: Wird das eine größere Story?«
Auf diese Frage war Tom nicht gefasst. Bei aller jovialen Attitüde, die Gregory zur Schau stellte, waren sie keineswegs alte Freunde, die sich gegenseitig beraten würden. Wenn der Chefredakteur der Ansicht war, ein Externer hätte eine heiße Geschichte am Wickel, würde er einen Teufel tun, es ihm auf die Nase zu binden. Schließlich ging es um die Honorare für Text und Bilder. Was also bezweckte Gregory?
»Schwer zu sagen«, antwortete Tom. »Vielleicht ein Gewaltverbrechen, aber vielleicht auch bloß ein Unfall …«
»Hast du noch mehr Fotos?«
»Klar. Aber mehr als zwei zur Auswahl braucht ihr ja nicht.«
Gregory nickte. »Jetzt noch nicht, nein. Aber ich sage dir was.« Er machte eine verschwörerische Geste, als wolle er Tom heranwinken. »Ich will, dass du an der Sache dranbleibst! In zwei Wochen beginnt die MedExpo. Während der ganzen Messe werden die Zeitungen voll sein mit Ankündigungen, Anzeigen und Artikel zum Thema Gesundheit, es wird internationale medizinische Fachtagungen in den Hotels geben, Experten-Interviews, Talkshows, der ganze Budenzauber. Bis dahin wollen wir uns ein bisschen munitionieren. Du weißt schon, die Privatisierung der Krankenhäuser noch mal thematisieren, Skandale im Pflegesektor, und eine Story mit abgerissenen Füßen, die die Elbe runtertreiben und den Touristen auf die Strandlaken gespült werden, wäre wirklich passend.« Er legte seine Hände zusammen. »Leider ist dein Bericht dafür noch ein bisschen dünn.«
Tom lächelte künstlich. »Und soll ich mir jetzt noch ein paar mehr Extremitäten aus dem Arsch ziehen oder was?«
Der Chefredakteur schüttelte den Kopf. »Tom, Tom, nein, natürlich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass man da ein bisschen mehr Fleisch dran bekommt.« Er grinste. »Oha, böses Wortspiel, was? Wie auch immer, also ich will, dass du die Sache im Auge behältst. Wo kam der Fuß her, wo ist er jetzt, wem hat er mal gehört, und warum ist er ab? Na, du weißt schon. Ich will sehen, ob wir da noch einen Hebel ansetzen können. Okay?«
Tom winkte ab. »Also wirklich, mein Kalender ist dicht, weißt du. Ich kann jetzt nicht irgendeiner Idee hinterherlaufen, wenn ich meinen Schnitt machen will.« Er machte eine Pause. »Wäre natürlich was anderes, wenn es eine Auftragsarbeit werden soll …«
»Weißt du was?«, warf Gregory ein. »Warum nicht? Wir machen einen Auftrag draus. Achthundert für den Artikel, fünftausend Zeichen. Mit Zitaten aus offiziellen Quellen, Wasserschutzpolizei, Kripo oder so was, bis nächste Woche Dienstag.«