Ich habe sie gefragt, ob sie denn der Sache nicht nachgehen will, zumal es ja vielleicht auch ein Mord gewesen sein kann. Aber Susan wollte nichts davon wissen. Der Urwald sei zu groß, um Spuren zu finden, und außerdem, sagte sie, wäre man auf sich allein gestellt, denn keiner der Einheimischen würde mitkommen wollen, denn sie hätten viel zu viel Angst, den Chupacabra ins Dorf zu locken.
Nun ist die Leiche also verbrannt, und der Fußboden des Lagerraums wird gerade mit Bleiche oder Chlor oder etwas Ähnlichem gereinigt. Ich vermute aber, dass der Gestank trotzdem noch lange haften bleiben wird.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass Susan mir immer noch nicht alles gesagt hat, was sie weiß. Sie wirkte zu eifrig, mir ihre Geschichte so einfach wie möglich zu erzählen und alles Weitere abzuwiegeln. Man sollte meinen, dass man eine so außergewöhnliche Sache nicht allzu oft erlebt und sie nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit abhandelt. Susan wirkte so gefasst, als handle es sich um eine seltene, aber durchaus bekannte Routine. Auch dass ausgerechnet Dr. Paulsen in der Nacht dabei war, einer, der schon genauso lange im Camp arbeitet wie sie, scheint mir merkwürdig.
Am Nachmittag bin ich ins Dorf gegangen. Im Grunde geht das Dorf in unser Camp über, unsere Häuser stehen etwas außerhalb, was wohl einmal so angelegt worden war, um Kranke einerseits isolieren, sie aber andererseits in Sichtweite ihrer Angehörigen behalten zu können.
Ich suchte Elvira, die geholfen hatte, den Leichnam nass und damit kühl zu halten. Entweder sie wusste zu dem Zeitpunkt noch nichts vom Chupacabra oder sie kümmerte sich nicht um das Gerede der anderen. Von ihr ließ sich vielleicht mehr erfahren. Sie arbeitet nur gelegentlich im Camp, und da sie heute nicht da war, hoffte ich, sie im Dorf zu treffen.
Aber die Straße war leer. Die Kinder spielten nicht, sondern drückten sich in den Hauseingängen herum. Niemand war unterwegs, niemand beschäftigt. Nur die voluminöse Tia Velha saß vor ihrer Hütte auf ihrem Aluminiumstuhl, dessen Sitzfläche aus bunt geflochtenen Plastikschnüren sich weit durchwölbte. Tia Velha ist vermutlich die Dorfälteste, aber alle halten sie für beschränkt, und niemand kümmert sich um sie. Sie wird Alte Tante genannt, aber wir wissen nicht, mit wem sie tatsächlich verwandt ist, vielleicht mit allen, vielleicht mit niemandem. Bevor es das Camp und den Aluminiumstahl gab, hat sie sicher auch schon dort gesessen, auf einem Holzschemel vermutlich, und genauso beständig über den Unsinn der Welt nachgedacht und vor sich hin gelächelt.
Die uralte Tia Velha schert sich nicht um das, was alle tun oder denken, und es wunderte mich nicht, dass sie da saß wie an jedem anderen Tag auch, obwohl ganz offenbar etwas im Dorf vor sich geht. Ich habe mich neben sie auf den Boden gesetzt, mit dem Rücken an ihre Hütte, und mich mit ihr unterhalten. Das ist nicht leicht, weil sie nur ganz wenige Brocken Portugiesisch spricht, die sie irgendwann im Laufe der tausend Jahre ihres Lebens aufgeschnappt hat, und dass sie nur noch drei dunkle Zähne im Mund hat, hilft ihrer Artikulation auch nicht gerade.
Aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie mag mich. Jedenfalls lacht sie mich immer an, und das ist kein Reflex, denn bei anderen Weißen macht sie das nicht.
Wie dem auch sei, jedenfalls hat sie mir nach einer Weile zu verstehen gegeben, dass Elvira nicht da sei, sondern mit dem Geist in den Wald gegangen sei, was auch immer das bedeuten sollte. Als ich sie dann über das Ritual befragte und mich nur mit einfachen Worten wie »Feuer« und »Nacht« verständlich machen konnte, sah sie mich erst fragend an.
Ich wusste nicht weiter, also ahmte ich den Singsang des Schamanen und seine verklärten Gesten nach. Da begann Tia Velha plötzlich zu lachen. Ja, den kenne sie, gab sie mir zu verstehen, die Geister des Waldes seien gekommen. Ich weiß nicht, ob sie nun den Chupacabra oder den Schamanen meinte. Mal sagte sie Geist, mal Geister. Was das Feuer bedeute, wollte ich noch einmal wissen. Dann brabbelte sie etwas von den Jahreszeiten oder etwas Ähnliches und von dem Feuer, den Geistern und deren Haus und wies in den Wald.
Ich wurde nicht schlau aus ihr, aber beunruhigt schien sie nicht zu sein. Ob sie denn keine Angst habe, wollte ich von ihr wissen, denn es schien mir offensichtlich, dass die anderen Dorfbewohner aus abergläubischer Furcht in ihren Hütten blieben. Daraufhin lachte Tia Velha, deutete an sich herunter, hob mit den Händen eines ihrer Beine an, ließ es wieder fallen, hob dann mit einer Hand einen ihrer Arme an, wackelte an ihm wie an einer losen Zaunlatte, ließ ihn wieder fallen und entblößte dann ihre dunklen Zahnstummel. An so etwas, meinte sie lachend, hätten die Geister kein Interesse.
Dann ergriff sie plötzlich meinen Arm und sah mich ernst an. Ich solle nicht gehen, sagte sie eindringlich. Wohin, das sagte sie nicht. Nur immer: »Geh nicht!« Und dann hörte ich einen Namen aus ihrem Genuscheclass="underline" »Oliver.«
Ich wusste nicht, wen sie meinen könnte, denn wir haben keinen Oliver im Camp, und dass einer der Indios so heißen sollte, wäre mir neu gewesen.
Ich nahm mir vor, Susan darauf anzusprechen, aber als ich auf dem Rückweg von Tia Velha war, fiel mein Blick wieder auf den Waldweg, den ich in der Nacht gegangen war.
Ohne dass ich mir einer gezielten Entscheidung bewusst gewesen wäre, führten mich meine Beine zum Waldrand. Ich sah die Schneise entlang, die bei Tageslicht so viel breiter und freundlicher wirkte, und wie von unsichtbaren Fäden gezogen, ging ich voran. Ich hatte das Gefühl, als spürte ich Augen in meinem Rücken und schlenderte absichtlich beiläufig, so als wolle ich mich bei etwas Verbotenem nicht erwischen lassen. Dabei war ich diesen Weg schon zig Mal gegangen und noch viel häufiger gefahren. Aber heute war irgendetwas anders als sonst.
Nach einigen Hundert Metern gelangte ich an den abzweigenden Trampelpfad zu meiner Linken. Ich ertappte mich dabei, einen Blick zurück auf das Camp zu werfen, das ich am Ende der Schneise sehen konnte, dann schlüpfte ich zwischen die Bäume.
Der Pfad war kaum erkennbar, nur die niedergetretenen Gräser und Farne am Boden zeugten davon, dass in der letzten Nacht Menschen hier entlanggegangen waren. Ich fragte mich, wie ich den Weg in der Dunkelheit so zielsicher gefunden hatte. Aber indem ich dem Gesang und später dem Lichtschein gefolgt war, war ich vielleicht auch querfeldein gelaufen.
Bald drang mir ein beunruhigender Geruch in die Nase, rauchig und würzig, und als ich bald darauf die ehemalige Lichtung erreichte, sah ich die Überreste des Holzstapels. Er war vollkommen in sich zusammengefallen, ein großer Haufen weißer Asche, der eine Rauchfahne absonderte, die sich bis hoch in die Bäume schlängelte. Der Geruch nach verbranntem Fleisch überlagerte nun alles und ließ mich würgen. Mit vorgehaltener Hand trat ich näher und erschauderte, als ich zwischen der Asche und einigen verkohlten Holzresten einen langen, geschwärzten Knochen herausragen sah. Das Feuer war nicht heiß genug gewesen, um ihn zu verbrennen. Auch der Schädel würde sicher noch erhalten sein. Ich wandte den Blick ab, um ihn nicht entdecken zu müssen.
Ich wusste nicht, was mich hergeführt hatte, welche Neugier, welcher Irrsinn. Aber ich hatte dieses unerklärliche Bedürfnis, zu verstehen, was geschehen war.
Ich ließ meinen Blick über die Lichtung schweifen. Das einstige Ackerland war mit Gräsern und niedrigen Sträuchern überwuchert. Ich ging ziellos umher. Warum mieden die Indios diesen Platz, hatten ihn verfallen lassen? Waren die Ernten nicht gut gewesen? Fürchteten sie etwas?
Und dann sah ich, was alles erklärte und doch gar nichts: Ich trat auf einen Ast, der keiner war. Bleicher Knochen leuchtete zu mir herauf, umgeben von schwarzen Holzresten. Ich hatte einen alten Scheiterhaufen gefunden. Und als ich mich umsah, erkannte ich überall auf der Lichtung die Stellen, die sich im Bewuchs vom Rest des Untergrunds unterschieden.
Dies war lange schon keine normale Lichtung mehr, sondern ein Friedhof! Heiliger oder unheiliger Boden, wer konnte das wissen, aber hier waren schon mehr Leichen verbrannt worden, womöglich alle mit einer ähnlichen Zeremonie. Üblicherweise verbrennen die Indios ihre Toten nicht – mit diesem Ort hatte es also ganz eine besondere Bewandtnis. War der Chupacabra schon so oft gekommen? Und wie viel weiß Susan darüber? Löwenstraße, Eppendorf, Hamburg, 23. Juli