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Tom wachte auf, weil er Durst hatte. Er orientierte sich kurz. Neben ihm lag Juli und atmete kaum hörbar. Er setzte sich auf, erhob sich behutsam aus dem niedrigen Bett und ging in die Küche. Er ließ das Wasser am Spülbecken einen Moment laufen, bis es kalt genug war, dann füllte er sich ein Glas und trank es in einem Zug leer.

Die LED-Anzeige am Radio zeigte kurz nach vier Uhr an. Die friedlichste Zeit der Nacht. Der Mond schien in den kleinen Raum und hüllte alles in einen unwirklichen Schein. So unwirklich wie die Liebesnacht, die er gerade erlebt hatte, unerwartet, ohne Umschweife, fordernd und doch erstaunlich sanft und intensiv.

Es waren seltsame Wege, die das Leben nahm. Innerhalb kürzester Zeit war aus einer Geschichte mit einem abgerissenen Fuß und einer forschen Studentin ein Abenteuer ganz anderer Art geworden, eines, das ihn im Innersten berührte. Er war sich nicht sicher, ob es ihn nachhaltig beeinflussen würde, ob er es überhaupt wollte. Aber dass es ihn berührte, daran bestand kein Zweifel. Nachdem Anne ihn verlassen hatte, war sein Interesse an anderen Menschen, insbesondere an Frauen auf den absoluten Nullpunkt gesunken. Anne hätte behauptet, das sei vorher auch schon nicht anders gewesen, aber er wusste, dass es nicht stimmte. Er hatte sich bemüht. Einen Job, in dem man sich täglich beweisen und um den nächsten Auftrag kämpfen musste, und eine Frau, die ständig ihren Anteil an Aufmerksamkeit einforderte, waren zeitgleich nicht leicht und schon gar nicht immer mit Ruhe und großer Einfühlung zu handhaben. Er musste Prioritäten setzen wie jeder andere Mensch auch. Und dass in Annes Freundeskreis dann die Heirats- und Kinderwunsch-Welle ausgebrochen war, hatte die Situation nicht vereinfacht. Er hatte sich weiß Gott bemüht, hatte Termine abgesagt, Kinokarten besorgt, war mit ihr am Samstag einkaufen gewesen, wenn er stattdessen hätte recherchieren und Artikel vorbereiten müssen. Am Ende hatte sie ihn angeklagt, nur halbherzig bei der Sache zu sein, sich überhaupt nicht mehr wirklich für ihre Belange zu interessieren. Sie hatte ihm Kälte und Lieblosigkeit vorgeworfen, hatte dann begonnen, abends selbstständig etwas zu unternehmen, und als sie eines Morgens erst um sechs Uhr nach Hause kam, hatte sie ihm erklärt, dass es da einen anderen Mann gäbe und dass Tom im Grunde schuld daran sei. Damit löste sich alles auf, und wenige Tage später war Anne zügig und spurlos wie der Morgennebel aus seinem Leben verschwunden.

»Was ist los?«

Tom fuhr herum, als er hinter sich Julis Stimme hörte.

Sie hatte sich ihr T-Shirt übergezogen, das sie aus dem Bad geholt haben musste, und sah ihn an. »Alles okay?«

Tom nickte. »Ja klar. Ich hatte nur Durst.«

Juli ging an ihm vorbei, füllte sich ebenfalls ein Glas mit Wasser und blickte aus dem Fenster.

»Ich brauchte das«, sagte sie nach einem Moment der Stille. »Ich hoffe, du kommst damit zurecht.«

Tom wusste nicht, was er sagen sollte. »Ja, sicher«, war alles, was er herausbrachte.

Sie drehte sich zu ihm und legte eine Hand auf seine Brust. »Danke.« Dann ging sie in den Flur.

Tom sah ihr irritiert hinterher.

Plötzlich verharrte sie. Sie hob ihre rechte Hand und beugte sich nach vorn. Dann winkte sie.

»Was ist los?«, fragte Tom und ging zu ihr, aber Juli drehte sich zu ihm um und legte einen Finger auf ihren Mund.

Dann hörte er es auch. An der Tür waren Kratzgeräusche zu vernehmen. Jemand versuchte, das Schloss zu öffnen!

Tom griff Juli an der Schulter.

»Die Brasilianer! Abhauen, los!«, drängte er und zerrte sie in Richtung des Schlafzimmers.

»Meine Sachen!«, stieß sie aus und hastete hinüber ins Badezimmer, aus dem sie gleich darauf mit ihren eilig zusammengeklaubten Kleidungsstücken herauskam.

»Los, los«, rief Tom aus dem Schlafzimmer, während er noch den letzten Knopf seiner Jeans schloss, in die er geschlüpft war. »Auf den Balkon!«

Er öffnete die Fenster, und nun sah Juli, dass sich dahinter ein nur wenige Quadratmeter großer Balkon befand, auf den sie hinaustraten.

»Und jetzt?«

»Rüberklettern!«, rief Tom, hielt sich mit einer Hand an der Wand fest und bestieg das Geländer. Mit einem kleinen Sprung war er auf dem Nachbarbalkon angekommen. »Komm schon!«, rief er und winkte.

Juli hatte ihre Sachen unter einen Arm geklemmt und tat es ihm gleich. Die Geländer waren kalt unter den blanken Füßen, aber wenigstens fand sie sicheren Halt.

»Vom letzten Balkon aus kommt man auf das Dach da drüben«, erklärte Tom und kletterte weiter.

Eilig folgte Juli ihm. Sie bemühte sich, ihren Blick nicht nach unten zu richten, aber es war unmöglich zu ignorieren, dass sie sich mindestens zehn Meter über dem Boden befanden. Ein Fehltritt wäre verhängnisvoll.

Einige Augenblicke später hatten sie die letzte Wohnung erreicht. Wie Tom beschrieben hatte, war es möglich, von hier aus auf das etwas niedrigere Flachdach des direkt angrenzenden Gebäudes zu springen. Tom wartete dort schon auf sie. Nach kurzem Zögern sprang sie. Ihr T-Shirt rutschte hoch, die kalte Nachtluft fuhr über ihre nackte Brust darunter, und ein wenig ungeschickt landete sie zwischen Toms Armen, der sie abfing. Aber weder er noch Juli hatten Sinn für den Reiz des Moments.

»Los, weiter«, rief er, und noch während er Juli am Handgelenk fasste, bellte ein Knall durch die Nacht.

»Schießen die etwa?«, rief Juli atemlos. Sie stolperte Tom hinterher und versuchte gleichzeitig, sich umzudrehen.

»Auf jeden Fall sollten wir nicht stehen bleiben, um es herauszufinden. Komm mit!«

Sie hasteten über das Dach. Tom führte sie zu einem weiteren Balkon auf der anderen Seite. Hinunter auf eine Dachterrasse, dann zu einem neuerlichen Balkon und schließlich auf das Dach einer Garage und von dort aus auf die Straße. Juli musste bei der waghalsigen Klettertour ein Höchstmaß an Konzentration aufbieten. Aber Tom drängte sie sogleich zum Weiterlaufen.

»Wo willst du hin?«, rief sie ihm hinterher, aber Tom machte sich nicht die Mühe zu antworten. Er fischte einen Gegenstand aus seiner Jeans, als hinter ihnen laute Rufe über die Straße hallten. Dann bellte ein weiterer Schuss, und dieses Mal hörte Juli die Kugel unweit von ihnen am Asphalt abprallen.

Juli widerstand dem Drang, sich umzudrehen, und beschleunigte stattdessen ihren Lauf.

Tom bog um eine Straßenecke, und als Juli ihn erreichte, sah sie, dass er auf sein dort geparktes Auto zulief, dessen Lichter gerade aufblitzten. Sie bekam die Türklinke zu fassen, als Tom bereits den Motor startete. Sie warf sich hinein, zog die Tür hinter sich zu, Tom schlug die Reifen ein und gab Gas. Wenige Augenblicke später hatten sie die Wohnstraße verlassen.

Während Tom an einer Ampel stehen blieb, schlüpfte Juli in ihre Kleider. Sie streifte gerade ihre Jeans über den Po, als Tom plötzlich beschleunigte und sie in den Sitz gepresst wurde.

»Pass doch mal auf!«, stieß sie aus.

»Sie sind hinter uns«, rief Tom.

Juli drehte sich um. Auf der menschenleeren Straße war das Auto ihrer Verfolger deutlich daran zu erkennen, dass es Toms wiederholtem Spurwechsel folgte und beständig näher kam.

»Und jetzt?!«

»Wir müssen in die Innenstadt«, sagte Tom.

»Wir können doch in die City Nord fahren, zum Präsidium.«

»Keine Chance.« Tom überholte ein Taxi mit inzwischen neunzig Stundenkilometern. »Da ist jetzt Totentanz. Wir müssen unter Menschen!«

Juli sah, wie die Brasilianer – jedenfalls vermutete sie, dass es die Brasilianer waren – ebenfalls weiter beschleunigten. Auf den verlassenen Straßen zu dieser Uhrzeit würden sie ein leichtes Spiel haben, sie einzuholen.