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Unterdessen jagte Tom weiter die Straße hinunter, ignorierte rote Ampeln und scherte sich nicht um Verkehrsregeln. Im Gegenteil, es wäre ihnen sogar gelegen gekommen, wenn die Polizei auf sie aufmerksam geworden wäre.

»Du kannst sie nicht abhängen«, rief Juli, die die Manöver der Brasilianer hinter ihnen beobachtete.

Plötzlich bremste Tom. Juli wurde in den Gurt gepresst. Sie sah nach vorn. Tom fuhr auf die roten Lichter eines Wagens zu. Vor ihnen befand sich die Ampel einer Baustelle. Die Straße war bis auf eine schmale Durchfahrt gesperrt und im Augenblick nur für den Gegenverkehr freigegeben.

»Verdammt«, fluchte Tom. Es gelang ihm gerade noch abzubremsen, um nicht auf den stehenden Wagen aufzufahren. Die Straße vor ihnen war wie ausgestorben. Kurz entschlossen gab er wieder Gas, scherte aus und raste durch die Gasse.

Die Brasilianer preschten ebenfalls auf die Baustelle zu. Kurz bevor sie sie erreichten, sprang die Ampel auf Grün um, und der wartende Wagen fuhr an.

Juli beobachtete über die Schulter hinweg, wie sich ihre Verfolger mit rasendem Tempo gerade noch an dem anderen Wagen vorbeidrängten, dabei einen heftigen Schlenker machten und einige der rot-weißen Sicherheitsbalken der Baustelle beiseitefegten. Ihre Geschwindigkeit zu verringern, schien den Brasilianern nicht in den Sinn zu kommen.

Die Straße vor ihnen war frei. Tom hatte inzwischen wieder neunzig Stundenkilometer erreicht, aber ihre Verfolger waren nur noch zehn Meter hinter ihnen. Einer der Brasilianer kurbelte ein Fenster runter und beugte sich seitlich heraus. Im ausgestreckten Arm hielt er eine Waffe.

Tom riss das Steuer herum. Der Wagen machte einen gefährlichen Satz zur Seite, als im selben Augenblick der Knall eines Schusses zu hören war.

Tom gab weiter Gas. Es war irrsinnig, auf den unübersichtlichen Straßen der Stadt so schnell zu fahren, aber er hatte keine andere Wahl. Er versuchte, Schlangenlinien zu fahren, und überlegte fieberhaft, wohin er steuern sollte. Reeperbahn, schoss es ihm durch den Kopf. Dort tobte die ganze Nacht das Leben, die Männer würden es nicht wagen …

Weiter kam er nicht. Ein Krachen zerriss das Innere des Wagens, Splitter schossen an seinem Kopf vorbei, dann spürte er Kälte und hörte das ungefilterte Rauschen der Fahrgeräusche. Er hatte sich instinktiv geduckt. Als er wieder aufsah, erkannte er im Rückspiegel, dass die Brasilianer die Heckscheibe zerschossen hatten. Er musste aus der Schusslinie verschwinden! In kleine Seitenstraßen. Oder in dichteren Verkehr.

Vor ihnen tauchte eine Kreuzung auf. Tom hielt auf den Fernsehturm zu, der ins Blickfeld kam. »Das ist ein echt schlechter Zeitpunkt, um sich weiter umzuziehen«, sagte Tom, der beobachtete, wie Juli ihr T-Shirt auszog. Der Beifahrer im Wagen der Verfolger lehnte sich bereits wieder aus dem Fenster, als Juli das T-Shirt durch die zerschmetterte Heckscheibe warf.

»Hey, das war meins!«, rief Tom. Aber dann sah er, wie das T-Shirt auf der Motorhaube der Brasilianer landete, auf die Windschutzscheibe rutschte und an den Scheibenwischern hängen blieb.

»Ha!«, machte Juli.

Die Verfolger bremsten notgedrungen ab. Der Fahrer betätigte die Scheibenwischer, aber das T-Shirt löste sich nicht. Toms Abstand vergrößerte sich rasant.

»Gut gemacht!«, rief er und sah kurz zu Juli hinüber. Sie nutzte die Zeit, um ihr Top anzuziehen, das sie zuvor zusammen mit ihrer Jacke in den Fußraum geworfen hatte. Sie sieht toll aus, zuckte es ihm durch den Kopf.

»Pass auf!«

Er sah nach vorn und raste dabei um Haaresbreite am Heck eines Lieferwagens vorbei, der von links kommend über die Kreuzung fuhr, die sie gerade überquerten. Hier waren noch mehr vereinzelte Autos unterwegs. Sie fuhren an den Messehallen vorbei und näherten sich der Innenstadt.

Hinter ihnen preschte der Wagen der Brasilianer über die Kreuzung. Das T-Shirt war verschwunden, und nun holten sie wieder auf. Tom bemühte sich, auf der schmaler gewordenen Straße voranzukommen, wich immer wieder anderen Fahrzeugen aus, doch die Verfolger kamen stetig näher.

Bald erschien eine weitere Kreuzung vor ihnen. Die Ampel war rot. Zwei Wagen warteten dort. Tom wollte überholen und einfach weiterfahren, aber er musste bremsen, als er sah, dass ihnen auf der Gegenspur ein Taxi mit Lichthupe entgegenkam. Als es vorbei war, trat Tom augenblicklich das Gaspedal wieder durch und zog an den wartenden Autos vorbei. Die Verfolger kamen in diesem Moment von hinten heran, und ihr Wagen krachte in ihr Heck. Tom und Juli wurden in die Sitze geschleudert.

»Scheißkarre!«, rief Tom aus. Er trat weiter aufs Gas, aber der Wagen beschleunigte nur zäh.

Ein weiteres Mal rammten die Brasilianer sie, dann endlich konnte Tom den Abstand halten, und nach einigen Überholmanövern und halsbrecherischen Kurven schien es, als hätten die Verfolger ihren Eifer eingebüßt. Aber Tom wusste, dass sie nichts gewonnen hatten, solange sie sie nicht endgültig abhängen konnten.

Die Straße führte nun am mitten in der Stadt gelegenen legendären Fußballstadion FC St. Pauli vorbei. Immer mehr Autos waren hier unterwegs, und als sie an der nächsten großen Kreuzung abbogen, fanden sie sich unvermittelt im neonbeleuchteten Treiben der Reeperbahn wieder, der Lebensader des Hamburger Rotlichtbezirks. Hier konnten sie nur in Schrittgeschwindigkeit vorankommen. »Irgendwie weiß ich nicht, wie uns das hier weiterhelfen soll«, meinte Juli.

»Immerhin schießen sie jetzt nicht mehr«, bemerkte Tom. »Vielleicht schaffen wir es nun, zu entwischen.«

»Und wo sollen wir dann hin? In deine Wohnung können wir nicht zurück. Und in meine vermutlich auch nicht.«

Tom zögerte. »Dazu fällt uns schon noch was ein.«

Der Verkehr rollte weiter. Tom wechselte mehrfach die Spur und drängte sich voran. Bald hatten sie die Allee der bunt leuchtenden Sexshops und Bars hinter sich gelassen. Er bog ab, um im Gewirr der Seitenstraßen unterzutauchen. Verkehr gab es hier wenig. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass die meisten Straßen nur in eine Richtung befahrbar waren und ihn zwangen, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Die Verfolger würden ein leichtes Spiel haben, die gleiche Strecke zu nehmen.

Tom überlegte kurz, ob er sich nicht einfach durch die Einbahnstraßen mogeln sollte, aber sie waren dicht beparkt, und das Risiko war zu hoch, dass er durch ein entgegenkommendes Auto gezwungen war, stehen zu bleiben. Er suchte nach Möglichkeiten, den vorgegebenen Weg zu verlassen, aber da waren sie schon auf einer neuerlichen Hauptstraße angelangt, die in einer weiten Kurve zum Elbufer und den Landungsbrücken hinabführte. Sie waren nicht weit gekommen, als ein Fahrzeug hinter ihnen aufschloss. Es war nicht der schwarze Wagen der Brasilianer. Aber er bedrängte sie auf dieselbe Weise. Die beiden Insassen gestikulierten heftig. Tom trat das Gaspedal durch.

Er schoss an der Hafenstraße entlang, quer über die nächste Kreuzung. Ein lautes Rumpeln erfüllte den Wagen, als sie den mit Kopfsteinen gepflasterten Teil der Straße erreichten, der zum Fischmarkt führte. Die Reste der zersplitterten Heckscheibe klirrten im Fond.

Nun tauchte auch das Auto der Brasilianer auf und kam näher. Jetzt hatten sie zwei Verfolger im Nacken.

Tom beschleunigte auf dem Kopfsteinpflaster. Ihm fiel siedend heiß ein, dass diese Straße irgendwann nicht weiterführte, sondern eine große Schleife beschrieb. Wenn die Verfolger sich an der Kreuzung aufteilten, war er geliefert.

Sie preschten an alten Lagerhäusern vorbei. Um diese Uhrzeit waren die Prostituierten verschwunden, die üblicherweise hier auf Kundschaft warteten. Die Gegend war verlassen und nur spärlich erhellt. Kurz darauf weitete sich die Straße und teilte sich bald auf. Tom entschied sich, geradeaus zu fahren. Erleichtert bemerkte er, dass beide Wagen noch immer hinter ihm blieben. Er würde also die Schleife entlangfahren und denselben Weg zurück nehmen können.