Выбрать главу

Ein Schuss hallte durch die Nacht. Tom duckte sich, fürchtete, die Kugel einschlagen zu hören. Da ertönte ein weiterer Schuss.

»Sie halten sie auf«, rief Juli verwundert.

Tom sah in den Rückspiegel. Aus dem Wagen direkt hinter ihnen wurden Schüsse auf die Brasilianer dahinter abgefeuert. Deren Fahrzeug schlingerte und blieb zurück. Kurz darauf erwiderten die Brasilianer das Feuer, und während die beiden Wagen im Gefecht abbremsten, nutzte Tom die Gelegenheit, um zu flüchten. Mit quietschenden Reifen fuhr er durch die Kurve, beschleunigte auf der Geraden und preschte bald denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Die beiden Wagen ließen sie weit hinter sich. Einige weitere Schüsse konnten sie noch hören, dann waren sie außer Sicht- und Hörweite.

»Was war denn das?«, fragte Tom, als sie wenige Kilometer entfernt durch die Gassen des Portugiesenviertels fuhren.

»Irgendjemand hat uns anscheinend Rückendeckung gegeben.«

»Oder wollte seinen Anspruch verteidigen. Nur weil jemand unsere Gegner angreift, ist er noch lang kein Freund von uns.«

»Hier sind wir nicht sicher«, sagte Juli. »Irgendwo müssen wir hin.«

»Ja. Und ich weiß auch schon, wo.«

»Nicht schlecht«, meinte Juli und sank erschöpft nach hinten.

Sie parkten in der Tiefgarage des Verlags. Tom arbeitete zwar nur als Freier, aber einmal hatte er sich statt eines mageren Honorars eine Chipkarte für die Garage ausgehandelt. Selbst wenn ihre Verfolger noch unterwegs waren, würden sie hier nicht hineinkommen.

Sie hatten die Lehnen der Sitze so weit zurückgedreht, wie es ging, und versuchten, ein paar Stunden zu schlafen. Am Morgen würden sie entscheiden, was sie nun tun konnten.

Es war erst halb acht, als Juli bereits durch die ersten Wagen, die morgens durch die Garage fuhren, geweckt wurde.

Sie fühlte sich wie gerädert. Der wenige Schlaf, die Flucht über die Balkone und schließlich mit dem Wagen durch die halbe Stadt hatten ihre Spuren hinterlassen. Ihr Mund fühlte sich pelzig an und der Geschmack darin war übel. Tom schlief noch. Sie drehte ihre Rückenlehne senkrecht und öffnete das Handschuhfach, um einen Kaugummi oder ein Minzbonbon zu finden. Aber in dem Fach lagen nur selbst gebrannte CDs, ein alter Kugelschreiber mit abgebrochenem Clip und allerlei Papiere. Sie sah an sich herab. Bis auf die Tatsache, dass sie keine Schuhe mitgenommen hatte, sah sie mit Jeans und Bluse halbwegs passabel aus. Tom hingegen trug weder Schuhe noch T-Shirt. Bevor sie etwas unternehmen konnten, mussten sie sich herrichten.

Ihre Tasche hatte sie in Toms Wohnung gelassen, aber sie wusste, dass Jungs wie er ihr Geld häufig in der Hosentasche trugen. Sie befühlte Toms Hose und tatsächlich konnte sie Münzen und zusammengefaltete Scheine ertasten. Sie schob ihre Finger in seine vordere Tasche. Tom grummelte etwas im Halbschlaf und schob sich auf dem Sitz zurecht. Juli erwischte die Scheine mit zwei Fingerspitzen und zog sie heraus. Ein Zwanziger und zwei Fünfer. Nicht üppig, aber es würde reichen.

Sie schrieb eine kleine Notiz, legte sie auf das Armaturenbrett, dann nahm sie seinen Schlüssel mit dem Garagenchip und verließ den Wagen so leise sie konnte.

Als sie eine halbe Stunde später zurückkam, schlief Tom noch immer. Sie stieg ein, drehte die Fenster runter und rüttelte ihn wach.

»Guten Morgen«, sagte sie, als er sich orientiert hatte. »Ich hab dir ein T-Shirt besorgt und ein paar Flipflops.« Dann reichte sie ihm einen Pappbecher mit Kaffee. »Wir müssen jetzt mal überlegen, wie es weitergeht.«

Tom nahm den Kaffee dankend entgegen. »Tja, gute Frage«, sagte er nach einer Weile. »Wir haben nichts dabei, wir können nicht in die Wohnung, um die Sachen zu holen, und irgendwo müssen wir unterkommen.«

»Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um zur Polizei zu gehen«, schlug Juli vor.

Tom schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Und was dann? Glaubst du wirklich, die würden den Fall übernehmen? Selbst wenn wir ihnen alles präsentieren, was wir haben, werden sie uns sicherlich keine Überwachung rund um die Uhr zu unserem Schutz abstellen. Die werden ganz reguläre Ermittlungen aufnehmen, und alles, was ins Ausland führt, in die Schweiz oder nach Brasilien, das versandet doch. Auf jeden Fall wird es sich endlos hinziehen, und ich bezweifle, dass deine Schwester so viel Zeit hat.« Wenn sie noch lebt, wollte er hinzufügen, biss sich aber gerade noch auf die Zunge.

»Also willst du auf eigene Faust weitermachen?«

»Als Journalist kenne ich es nicht anders. Wenn man etwas geschafft bekommen will, ist man alleine besser dran.« Er trank noch einen Schluck. »Die Sache ist so groß, sie darf nicht irgendwo in den Behörden versacken. Wir brauchen mehr Material, Beweise, Fotos, und dann müssen wir an die Öffentlichkeit.«

»Du willst nach Brasilien?«

»Ja.«

»Gut, aber trotzdem müssen wir an Geld kommen.«

Tom nickte stumm.

»Kennst du irgendwelche Leute, die uns helfen können?«, fragte Juli.

»Na ja, hier geht es um mehr als einen kleinen Gefallen …«

»Was ist denn mit deiner Zeitung? Können die dich nicht unterstützen? Die könnten dich doch vorfinanzieren. Immerhin haben die selbst ein Interesse an der Geschichte, oder nicht?«

Tom wiegte den Kopf. »Keine Ahnung. So gut ist mein Verhältnis auch wieder nicht. Und ich bin auch nur ein Externer. Außerdem hasse ich es, solche Verpflichtungen einzugehen und dann von jemandem abhängig zu sein.«

»Mag ja sein, aber so furchtbar viele Möglichkeiten zur Auswahl haben wir nicht. Ich habe jedenfalls keine derartigen Kontakte.«

»Soll ich etwa für dich gleich mit fragen?«

»Ja, was glaubst du denn? Oder wolltest du etwa alleine weitermachen?«

»Ja, eigentlich schon. Es geht längst nicht mehr darum, Daten über einen abgegammelten Fuß zu finden oder sich in ein Naturschutzgebiet zu schleichen. Inzwischen wurden wir gesucht, verfolgt, überfallen und beschossen. Das ist eine Nummer zu groß für dich.«

»Vielen Dank! Und du alleine würdest besser zurechtkommen oder wie?«

»Ich kann dich nicht immer beschützen wie gestern Abend. Es war reines Glück, dass uns nichts passiert ist.«

Juli stieg aus.

»Na prima. Dann wird dich das kleine Mädchen nicht weiter aufhalten. Wenn du so viel Ahnung hast, dann sieh doch zu, wie weit du kommst!« Sie knallte die Wagentür zu und ging.

Scheiße, dachte Tom. Er stieg aus und lief ihr hinterher. »Hör mal, es tut mir leid, okay. So war es nicht gemeint.«

»Ach ja?«

»Ich …« Tom suchte nach Worten. »Ich bin nicht gut in solchen Sachen, okay? Was ich meinte, ist … ich kann keine Verantwortung für dich übernehmen.«

Juli stemmte die Hände in die Hüften. »Danke, aber ich bin alt genug, um für mich selbst Verantwortung zu übernehmen, weißt du?«

»Sicher. Aber … ich will nicht, dass dir etwas zustößt, gut?«

Juli lächelte. »Aha. Und deswegen willst du lieber alleine losziehen?«

»Ja, genau.«

»Ach, du Dummkopf. In Brasilien kennst du dich doch gar nicht aus. Und Portugiesisch kannst du auch nicht. Du wirst mich brauchen. Mal ganz abgesehen davon, dass du keinen Schimmer von Medizin hast. Was auch immer es zu finden gibt, wirst du gar nicht verstehen können.«

Tom wollte etwas erwidern. Aber sie hatte recht. Er war tatsächlich auf sie angewiesen.

»Es ist in erster Linie mein Interesse, dass wir herausfinden, was hier läuft«, fügte sie hinzu. »Oder hast du jetzt etwa Angst, dass ich anfange zu klammern?«

»Wie meinst du das?«

»Nur, weil wir letzte Nacht Sex hatten?«

»Nun ja, zugegeben, da bin ich mir auch nicht so sicher, was du jetzt denkst.«

»Da mach dir mal keine Sorgen. Wir hatten unseren Spaß und um mehr musst du dir meinetwegen keine Gedanken machen, klar?« Juli wandte sich um. »Kommst du jetzt?«