Tom fühlte sich ein wenig überfahren. »Wo willst du denn hin?«
»Na, in deinen Verlag. Wir suchen deinen Chef und erzählen ihm von der Sache. Und dann soll er uns helfen. Er will doch eine Story oder nicht? Dann wird er auch etwas dafür tun.«
Tom folgte Juli, die zielstrebig den Weg zum Fahrstuhl eingeschlagen hatte. »Weißt du«, erklärte er, »ich habe nicht das beste Verhältnis zu ihm. Ich bin ziemlich sicher, dass Gregory keinen Finger krumm machen wird. Ich bin nicht das, was man gemeinhin Teamplayer nennt.«
»Ja, das habe ich schon gemerkt«, gab Juli zurück. »Aber jetzt wirst du dich mal langsam dran gewöhnen müssen. Mit mir hat es bis jetzt gut geklappt – von deinem blöden Spruch vorhin mal abgesehen –, und mit Gregory wird es auch klappen.« Sie betraten den Fahrstuhl. »Stockwerk?«
»Zwölf.«
»Und wer weiß«, fuhr sie fort, »vielleicht stellst du ja ganz überraschend fest, dass es sich sogar lohnen kann.« Büro der Transcontor, Hamburg
Luc Gironde sah die Männer einen Augenblick lang schweigend an. Grobschlächtige Gorillas, wie sie nur einem vorstädtischen Getto entwachsen konnten, wo körperliches Durchsetzungsvermögen und kriminelle Energie die einzigen Überlebenschancen boten. Er verstand noch immer nicht, wie ein nobler Visionär und Unternehmer vom Schlage Villiers in der äußeren Peripherie seiner Aktivitäten auf derartige Leute zurückgreifen konnte, von deren Händen schließlich, wie man sah, Erfolg und Misserfolg seiner überwichtigen Projekte abhingen.
Er kannte nur einen von ihnen. Lazaro. Das war der große Glatzköpfige. Wie sein richtiger Name war, wusste Luc nicht. Lazaro war seit den Hamburger Versuchsreihen Teil des Unternehmens geworden und Villiers besondere Treue schuldig. Seitdem trug er diesen Namen. Ein unbedingt gehorsamer und zuverlässiger Soldat mit besonderen Fähigkeiten. Aber trotz des scharfen Verstands, der ihn indirekt anleitete, zweifelte Luc daran, ob es richtig war, einem so groben und ungebildeten Klotz so viel Verantwortung zu überlassen.
»Wie konnte es dazu kommen?«, fragte Luc. Seine Stimme war leise, aber eindringlich.
Die drei Brasilianer rührten keine Miene. Sie kannten Respekt, aber keine Furcht. Sie ließen sich weder einschüchtern noch bedrohen, zumindest würden sie es sich nicht anmerken lassen. Sie standen aufrecht und wussten, dass sie versagt hatten. Sie würden jede Konsequenz tragen.
»Wir haben sie unterschätzt«, gab Lazaro zu. »Sie konnten fliehen und sind weggetaucht.«
»Untergetaucht«, verbesserte Luc. Die Brasilianer schwiegen. »Wisst ihr, wo sie hin sind?«
»Nein.«
»Ihre Wohnungen?«
»Wir haben Männer dort.«
Luc seufzte hörbar auf. Der Journalist und die Frau wussten, dass sie verfolgt wurden, und würden nicht so leichtsinnig sein, in nächster Zeit in ihre Wohnungen zurückzukehren. Trotzdem war es natürlich richtig, dort Leute zu postieren. Nur für den Fall. Die Frage war aber: Wo waren sie jetzt, und was würden sie als Nächstes tun? Sie standen bereits mit Berger in Kontakt. Würden sie also die Polizei aufsuchen und dort Schutz suchen? Luc schätzte den Journalist als eher eigensinnig ein. Möglich, dass er sich nicht so leicht abschrecken ließ und seine Nase nun erst recht überall reinstecken würde. Und es gab im Grunde nur einen Weg, den er nun sinnvollerweise einschlagen würde. Luc nickte leicht. Ja, das war sogar wahrscheinlich. Also wandte er sich an seine Männer und erklärte ihnen, wie sie vorgehen sollten. Axel-Springer-Gebäude, Valentinskamp, Hamburg
»Das ist eine ziemlich verrückte Geschichte«, sagte Gregory. Er saß zurückgelehnt hinter seinem Schreibtisch, und seine Augen funkelten. »Habt ihr irgendwelche Beweise?«
»Die Unterlagen sind in meiner Wohnung, und Fotos habe ich keine, wenn du das meinst«, sagte Tom. »Aber du kannst dir gerne die Einschusslöcher ansehen. Der Wagen steht in der Tiefgarage.«
»Das ist gut.«
»Gut?«
»Sicher! Den werden wir als Corpus Delicti benötigen. Vielleicht können wir den für eine Fotostrecke inszenieren. Unten am Fischmarkt zum Beispiel, dort wo es passiert ist, das ist doch eine tolle Location.«
»Im Moment haben wir ein ganz anderes Problem als das Auto«, warf Juli ein.
Gregory verschränkte die Hände und stützte die Ellenbogen auf. »Ich höre?«
»Die Story ist größer als nur ein Überfall und ein angeschossenes Auto«, begann Tom.
»So viel ist mir schon klar«, sagte der Chefredakteur.
»Wir brauchen Ihre Hilfe«, platzte Juli heraus.
»Du willst mehr Geld, hm?« Gregory sah Tom abschätzend an. »Gefahrenzulage oder so?«
»Es geht nicht um Geld«, erklärte Juli. »Wir brauchen organisatorische Hilfe.«
»Eine Zusammenarbeit?« Gregory grinste und winkte ab. »Tom arbeitet immer allein. Hat er mir lange genug zu verstehen gegeben.«
»Siehst du«, sagte Tom an Juli gewandt. »Ich hab’s dir gleich gesagt.«
»Es ist tatsächlich so«, fuhr Juli unbeirrt fort. »Wir wollen der Sache auf den Grund gehen, aber wir brauchen Unterstützung.«
Gregory sah von einem zum anderen. »Tatsächlich? Und wie sollte die aussehen?«
»Wir müssen irgendwie an unsere Kreditkarten und unsere Pässe herankommen. Wir gehen aber davon aus, dass unsere Wohnungen überwacht werden, also müssen wir uns irgendetwas einfallen lassen. Und dann brauchen wir ein bisschen Ausrüstung und zwei kurzfristige Flüge nach Brasilien.«
»Das klingt nicht so sonderlich aufwendig«, meinte Gregory. »Und deswegen kommt ihr zu mir? Tom?«
»Es war Julis Idee«, gab er zu. »Aber es ist die beste, die wir haben. Dich interessiert die Story doch vielleicht auch …«
»Ob sie mich interessiert?« Gregory schlug die Hände zusammen. »Und wie sie mich interessiert! Junge, ich gäbe etwas darum, selbst noch losziehen zu können. Aber du weißt ja, wie das ist …«, er deutete auf das Büro um sie herum, »wenn man einen festen Job hat, Verantwortung, Termine und so.« Er stand auf und ging hinter seinem Schreibtisch auf und ab. »Ach, ich beneide euch! Das wäre wirklich tolles Material. Ihr reist nach Brasilien und versucht herauszufinden, was in dem Camp vor sich geht, und ich werde derweil die Spuren verfolgen, die von der Schweiz ins Hamburger Rathaus führen. Und wenn ihr zurück seid, legen wir alles zusammen und machen eine fette Nummer daraus. Was haltet ihr davon?«
»Und das Honorar und die Rechte?«, hakte Tom nach.
»Ehre wem Ehre gebührt, sage ich immer«, antwortete der Chefredakteur. »Wenn wir es zusammen machen, teilen wir auch alles.«
Tom verzog den Mund. Damit waren seine Träume, Gregory eine exklusive Coverstory teuer verkaufen zu können, dahin. Aber andererseits: Den Chefredakteur im Boot zu haben, konnte vielleicht auch nicht schaden, wenn man sicher sein wollte, dass man Aufmerksamkeit bekam. Er würde nur dafür sorgen müssen, dass sein Name nicht »versehentlich« unterschlagen wurde.
»Wir sind einverstanden«, sagte nun Juli. »Aber wir haben es eilig.«
Gregory setzte sich hin und begann, Notizen zu machen. »Das bekommen wir schon hin. Ich werde eine Putzfrau in Toms Wohnung schicken lassen, die alle eure wichtigen Unterlagen gemeinsam mit der schmutzigen Wäsche mitnehmen kann. Dann haben wir auch Ihre Handtasche, Frau Thomas, und damit kann sie gleich weiter in Ihre Wohnung und dort das gleiche Spiel noch einmal spielen. Natürlich müssen wir die Dame vorher ausführlich instruieren, und wir geben ihr ein Handy mit.
Tom, du stellst dir aus unserem Fundus eine leichte Fotoausrüstung zusammen und was du sonst noch brauchst.«
Tom brachte keine Erwiderung hervor. Zu sehr überraschte ihn der plötzliche Eifer des Mannes.
»Das Kofferpacken wird etwas problematisch«, fuhr Gregory inzwischen fort. »Ich werde euch also nach dem Mittagessen zwei Teamassistentinnen besorgen, denen ihr eine Einkaufsliste erstellt mit einfacher Kleidung, Toilettenartikeln und allem, was ihr für zwei Wochen Brasilien benötigt.