Ich bleibe den Rest des Tages hier im Gebäude, und heute Abend fahrt ihr mit mir nach Hause. Ich habe ausreichend Platz für die Nacht, und morgen könnt ihr euch schon auf den Weg nach Rio machen.«
»Manaus«, korrigierte Tom tonlos.
»Dann eben so.«
Kapitel 9 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 15. Mai
Die Geheimniskrämerei geht mir auf die Nerven. Heute habe ich Susan noch einmal zur Rede gestellt. Als ich wissen wollte, was es mit dem Friedhof im Wald auf sich hat, war sie völlig überrascht, tat, als wüsste sie von nichts. Aber sie kann mich nicht täuschen. Warum will sie es mir nicht sagen? Was ist so irrsinnig geheim?
Ich habe sie auch auf das Gefasel von Tia Velha angesprochen, von dem Geist oder den Geistern des Waldes und deren Haus im Wald. Ich habe sehr wohl bemerkt, dass Susan bei der Erwähnung leicht zusammenzuckte, aber wieder tat sie so, als hätte sie noch nie davon gehört.
Erst als ich erzählte, dass ich von einem Oliver erfahren habe und ob sie mir wenigstens etwas über ihn erzählen könne, hat sie dann eingelenkt. Vielleicht, weil sie dachte, ich wüsste mehr und wollte sie testen, keine Ahnung, vielleicht auch, um mir wenigstens eine einzige Antwort zu geben.
Aber viel war das auch nicht. Sie sagte, es habe mal einen Oliver im Camp gegeben, vor rund einem Jahr, auch ein Medizinstudent. Der sei etwas merkwürdig gewesen und hätte sich genauso wie ich für das abergläubische Gerede über den Chupacabra und die Geister des Waldes interessiert. Überhaupt hätte er sich viel für Mythologie, Sagen, legendäre Wesen und dergleichen begeistert, so sehr, dass er überzeugt war, dass es einen wahren Kern geben müsse. Dann hätte er eines Tages seine Sachen gepackt, habe sich offiziell abgemeldet und sei flussaufwärts gezogen. Seitdem habe man nichts mehr von ihm gehört und wisse nicht, was aus ihm geworden sei.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nur die halbe Wahrheit war und dass Susan mir diese Geschichte nur aufgetischt hat, um mir Angst zu machen.
Irgendetwas verbirgt sich flussaufwärts. Es muss einfach so sein. Ich habe mir den ganzen Tag darüber Gedanken gemacht, aber letztlich gibt es nur einen Weg, es herauszufinden.
Ich werde nachher noch einen Brief an Juli schreiben, aber ohne die ganzen Details, ich weiß nicht, wer die Post unterwegs vielleicht aufmacht.
Proviant habe ich nun schon zusammen, eine kleine Ausrüstung mit Messer, Seil, Medikamente und was man so braucht. Und morgen früh breche ich auf. Flughafen Fuhlsbüttel, Hamburg, 26. Juli
Tom und Juli warteten darauf, dass ihr Gate öffnete und die Maschine nach Frankfurt zum Einsteigen freigegeben wurde.
Der ganze vorherige Tag war noch mit der Organisation der Reise angefüllt gewesen. Gregory hatte sein Versprechen gehalten und schon am Vortag mithilfe der vorgeblichen Putzfrau nicht nur die Pässe und Brieftaschen unbehelligt aus den Wohnungen holen können. Auch hatte er zwei Assistentinnen abgestellt, die die Einkäufe erledigten. Mehrfach fielen Tom und Juli zahlreiche weitere Kleinigkeiten ein, und sie schickten sie erneut los. Außerdem mussten sie sich ausreichend Malariaprophylaxe verschreiben lassen und besorgen, und Tom, der nicht wie Juli bereits in den letzten Jahren einmal in Brasilien gewesen war, musste sich im Tropeninstitut gegen Gelbfieber impfen lassen. Die Resistenz würde sich zwar erst in etwas mehr als einer Woche bilden, aber so lange konnten sie nicht warten, und immerhin war es besser als gar nichts.
Ihr Gepäck war aufgegeben und durchgecheckt, nun gab es nichts weiter zu tun, als zu warten. Der Flug würde von Frankfurt aus nach São Paulo gehen und von dort nach Manaus. Einen längeren Zwischenstopp gab es nicht, lediglich vier Stunden am frühen Morgen in São Paulo, wo sie sich die Beine vertreten und frühstücken wollten. Tom hoffte, auf dem Flug schlafen zu können, um nicht völlig gerädert in Brasilien anzukommen. Seine Fototasche hatte er als Handgepäck dabei, ausreichend Akkus, Ladegeräte und Speicherkarten ebenfalls. Nun musste er sich auf Juli und ihre immerhin rudimentäre Ortskenntnis verlassen, bis sie in dem Camp waren, von dem sie immer erzählte.
Der Flug verlief ereignislos, und Tom schien es, als zöge er sich unendlich in die Länge. Seine Gedanken kreisten immer wieder um ihre Erlebnisse, die Entdeckung auf der Elbinsel und ihre Verfolger, die es tödlich ernst meinten. Nun tatenlos herumzusitzen, mit Angst im Nacken und unsicheren Zielen vor ihnen, die sich unaufhaltsam näherten, schürte sein Unbehagen. Er fühlte sich rastlos, aber zur Handlungsunfähigkeit verdammt.
Dann dachte er an den undurchsichtigen Dr. Villiers, über den er recherchiert hatte. Was trieb einen seriösen und hoch angesehenen Mediziner an, sich in solche Machenschaften zu verstricken? Oder war er nur eine Strohpuppe an der Spitze eines Konzerns, die gar nicht wusste, was in weiter Ferne und ohne ihr Wissen getan wurde? Wer steckte tatsächlich hinter dem geheimen Labor, den aufwendigen Firmenverschachtelungen und letztlich hinter den Killern, die sich an ihre Fersen geheftet hatten?
Und was geschah dort überhaupt? Es ging um medizinische Forschungen, um Transplantationsversuche, so viel hatten sie herausgefunden, aber viel weiter waren sie noch nicht.
Juli hatte ihm auf dem Flug einiges zur Xenotransplantation erläutert. Dahinter steckte der Drang, Menschen helfen zu können, die einen Ersatz für ihre Organe benötigten. Knochen und Gelenke ließen sich durch Stahl ersetzen, und für geschädigte Herzen gab es künstliche Klappen und Schrittmacher. Aber vollständig funktionsuntüchtige Organe ließen sich nur schwer oder gar nicht ersetzen. Und bei aller medizinischen Komplikation blieb das größte Problem, Spenderorgane zu finden, denn es gab weltweit viel zu wenige davon.
Ein weiteres Problem war, dass sie häufig vom Körper des Patienten nicht angenommen wurden, weil das Immunsystem sie als Fremdkörper erkannte und bekämpfte. Patienten mussten den Rest ihres Lebens Medikamente nehmen, um ihr eigenes Immunsystem zu unterdrücken, was sie aber anfällig für jede andere Art von Krankheit oder Infektion machte.
Der medizinische Zweig, der sich mit der Transplantation beschäftigte, suchte also nicht nur nach effizienteren Möglichkeiten, die Autoimmunreaktion besser kontrollieren zu können, damit Spenderorgane als körpereigen erkannt wurden und sich ganz natürlich in den Patienten integrierten. Und es ging auch darum, mehr Spenderorgane zu finden.
Schon früher hatte es vereinzelte Experimente gegeben, tierische Organe die Funktionen menschlicher Organe übernehmen zu lassen, aber stets ohne Erfolg. Damals verstand man noch nicht, dass es trotz prinzipiell gleicher Funktionsweise zu viele Unterschiede und Hindernisse für ein reibungsloses Zusammenspiel gab. Die Patienten starben stets nach wenigen Tagen. Aber seit man Mitte der Achtzigerjahre ein Pavianherz in ein Baby verpflanzt hatte, das immerhin zwanzig Tage damit überlebte, wurde die Hoffnung der Wissenschaftler wieder genährt, ob es nicht eines Tages möglich wäre, Tiere nicht nur für den Verzehr, sondern auch als Organlieferanten zu züchten, sodass eine Niere, eine Leber oder ein Herz billig und vor allem schnell ersetzt werden konnte.
Selbstverständlich waren die moralischen Fragen längst nicht geklärt. Aber wie überall gab es auch hier genügend Wissenschaftler, die die Notwendigkeit der Weiterentwicklung und den potenziellen Nutzen ihrer Forschung – und natürlich die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen – über die gesellschaftlichen Bedenken stellten.
Die Forschung ging also weiter. Zwar nicht in der Öffentlichkeit, aber der heimliche Wettlauf hatte längst begonnen. Und während in einigen Ländern ethische Grundsatzdiskussionen geführt und sogar Resolutionen oder Gesetze erlassen wurden, arbeiteten unabhängige Wissenschaftler weiter und würden die Welt eines Tages vor vollendete Tatsachen stellen. Genauso, wie es inzwischen nicht nur zahlreiche geklonte Tiere gab, sondern eines Tages auch geklonte Menschen geben würde – völlig unabhängig von ethischen Fragen oder religiösen Bedenken.