Wenn es stimmte, dass die Betreiber des verlassenen Labors auf der Elbinsel Transplantationsversuche vorgenommen hatten, dann erklärte sich die Geheimhaltung daraus, dass diese Forschung nicht akzeptiert und vermutlich auch nicht genehmigt war. Darüber hinaus hatten sie möglicherweise nicht nur an Gewebe, sondern an menschlichen Patienten experimentiert, was üblicherweise nur unter allerstrengsten Auflagen erlaubt war.
Juli wies noch auf einen anderen Aspekt hin, der Tom gar nicht in den Sinn gekommen war: das Risiko einer Seuche.
Es war denkbar, dass Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übersprangen. Selbst wenn die Tiere keimfrei und absolut gesund aufgezogen wurden, gab es die Möglichkeit, dass bestimmte Viren plötzlich auftraten. Sogenannte Retroviren konnten sich als Bestandteil des Erbguts in einen Organismus einpflanzen und sogar durch viele Generationen weitergegeben werden, ohne dass sie aktiv oder entdeckt wurden. Als Teil der DNS, die sich in jeder Zelle eines Lebewesens fand, würden diese Retroviren durch eine Gewebe- oder Organtransplantation in den menschlichen Körper gelangen, wo sie mutieren und einen neuen, für den Menschen gefährlichen Virenstamm bilden konnten. Einen Virenstamm, für den der menschliche Organismus weder Abwehrkörper noch Impfstoffe hatte. Bestenfalls löste er lediglich Tumore aus, schlimmstenfalls konnte er zu einer hoch ansteckenden und tödlichen Gefahr werden. Die katastrophalen Folgen von Krankheiten, die vom Tier auf den Mensch übergesprungen waren, ließen sich am H5N1-Virus, dem Erreger der Vogelgrippe, und am HI-Virus, dem Erreger von AIDS, mehr als deutlich sehen.
Auch aus diesem Grund war das Feld der Xenotransplantation unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Die gesundheitlichen Folgen waren einfach nicht abschätzbar und das Risiko daher unkalkulierbar. Die Lage des Labors auf einer Insel bot immerhin eine gewisse Isolation. Für den Fall, dass eine ansteckende Virusinfektion auftrat, konnte verhältnismäßig leicht eine natürliche Quarantänezone eingerichtet werden – jedenfalls davon ausgehend, dass das Virus nicht durch Vögel einen Weg aufs Festland fand.
Als sie in Manaus landeten, waren sie seit rund siebzehn Stunden unterwegs. Nun war es Mittag, und Tom, der kaum ein Auge zugemacht hatte, war froh, dass der halbe Tag schon um war.
Sehr schnell bekamen sie eine Ahnung von der unklimatisierten, tropischen Luft, die, warm, schwer und feucht, bereits im Flughafengebäude spürbar war. Und Tom fragte sich, wie es wohl draußen sein würde.
»Hast du diesen Kerl gesehen?«, raunte ihm Juli ins Ohr, als sie die Passkontrolle hinter sich gelassen hatten und auf ihr Gepäck warteten. »Sieh nicht direkt hin. Ich meine den dahinten mit dem schwarzen T-Shirt, der Baseballmütze und dem kleinen Rucksack.«
Tom nickte und ließ seinen Blick unauffällig in die Richtung schweifen, die Juli ihm gedeutet hatte.
»Hm, was ist mit ihm?«
»Kommt er dir nicht bekannt vor? Ich meine, ich habe ihn vor Kurzem erst gesehen.«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Stell ihn dir ohne Mütze vor. Er hat doch eine Glatze, wenn ich das richtig sehe.«
Ein weiteres Mal sah Tom hinüber. Ein glatzköpfiger, kräftiger Mann … Sie hatten in letzter Zeit nur einen einzigen …
»Meinst du, das ist der Brasilianer von der Insel?«
»Ich bin mir nicht sicher«, gab Juli zurück. »Es war ja schon dunkel. Aber die Statur und der Gesichtsausdruck … Außerdem war er mir schon in São Paulo aufgefallen. Ich habe das Gefühl, er beobachtet uns!«
»Wenn man in einem Flugzeug unterwegs ist, sieht man doch ganz automatisch immer wieder die gleichen Gesichter.«
»Ja, aber der beobachtet uns, ich bin mir ziemlich sicher.«
»Vielleicht hat er aus anderen Gründen ein Auge auf dich geworfen?«
Juli grinste. »Du solltest nicht von dir auf andere schließen.« Dann fügte sie etwas leiser hinzu: »Aber mal im Ernst: Achte einfach ein bisschen auf ihn, okay?«
Als sie ihre beiden Koffer schließlich in Empfang genommen hatten, machten sie sich auf den Weg zum Ausgang. Tatsächlich hatte Tom eine beunruhigende Beobachtung gemacht und erzählte Juli davon. Der Glatzköpfige hatte überhaupt keinen Koffer erhalten. Zwar hatte er gewartet, als käme noch etwas, aber als Tom und Juli die Halle verließen, folgte er ihnen in gemessenem Abstand, ohne jedoch am Schalter vorbeizugehen, wo er verlorenes Gepäck hätte melden können.
»Ich sag’s dir«, meinte Juli halb laut. »Das ist der Brasilianer von der Insel. Und ich würde mich auch nicht wundern, wenn er bei der Schießerei in dem Wagen dabei war.«
»Er wird uns vermutlich noch weiter folgen.«
»Ja. Aber ich habe eine Idee. Wir müssen uns dazu aufteilen.«
»Aufteilen?!«, fragte Tom. »Bist du verrückt? Dann erwischt er mindestens einen von uns.«
»Keine Sorge. Du rennst, so schnell du kannst, ich bleibe etwas langsamer zurück, dann wird er sich an mich halten.«
»Na großartig, und was dann?«
»Ich weiß, was ich tue, vertrau mir. Ich kann ihn ganz sicher loswerden. Du rennst los und schnappst dir ein Taxi. Wir treffen uns später im Hotel Dez de Julho, warte dort auf mich, auch wenn’s etwas länger dauert. Dez de Julho, kannst du dir das merken?«
Tom nickte. »Sicher, ja. Aber ich halte das für eine verdammt schlechte Idee.«
»Tu’s einfach! Anders können wir ihn nicht loswerden. Wenn wir durch die Tür sind, rennst du los. Die Taxis sind irgendwo draußen, und drängel ruhig, stell dich bloß nicht irgendwo an, das macht hier auch keiner, okay?«
Tom grummelte, nickte aber. Sich von Juli hier zu trennen war das Letzte, was ihm behagte. Aber vielleicht war ihr Vorschlag die beste Lösung, und nun war keine Zeit für lange Erklärungen.
Sie erreichten die Vorhalle des Flughafens und fanden sich unversehens im vielfältigen Getümmel der Menschen wieder, die hier auf die Ankunft von Reisenden warteten. Familien, Reiseleiter, Fahrer, betriebsames Personal und Schaulustige. Englisch war nur vereinzelt zu hören, stattdessen das kantige Portugiesisch Brasiliens, von dem Tom kein Wort verstand.
Sie drängten sich durch die Menge, und Tom sah, dass ihnen der Kahlköpfige auf den Fersen blieb.
»Los jetzt!«, sagte Juli, und sofort spurtete Tom los, tauchte zwischen die Menschen, boxte mit seinem Koffer immer wieder Leute beiseite und sah zu, dass er schnellstmöglich in Richtung der Ausgänge kam. Einmal drehte er sich kurz um, aber im Gewimmel konnte er nicht erkennen, ob ihm jemand folgte.
Er rannte, bis er einen gläsernen Ausgang erreicht hatte, zwängte sich nach draußen und wäre fast an der dichten, feuchtwarmen Luft zurückgeprallt, die ihm entgegenschlug. Hastig versuchte er, sich zu orientieren. Dann sah er Taxis. Er lief auf eines zu, das sich gerade einen Halteplatz suchen wollte, an dem bereits zwei Leute warteten.
Er drängte sich an ihnen vorbei, riss die Tür zum Fond auf, warf seinen Koffer hinein, stieß ein »Sorry, emergency!« aus, stieg ein und knallte die Tür hinter sich zu.
»Hotel Dez de Julho please«, wies er den Fahrer an. »As fast as you can. It’s an emergency.«
Während das Taxi beschleunigte, sah Tom aus dem Rückfenster und stellte befriedigt fest, dass der Kahlköpfige nirgendwo zu sehen war.
Juli drehte sich um, als Tom losrannte. Sie wollte sichergehen, dass der Glatzkopf sie sah. Dann bewegte sie sich in eine andere Richtung, langsamer als Tom, als würde sie versuchen, heimlich unterzutauchen. Wie sie erwartet hatte, heftete sich der Mann an sie und ließ Tom davonlaufen.
Juli versuchte, den Mann auf Abstand zu halten, der nun seinen Schritt beschleunigte, nachdem ihm klar geworden war, dass man ihn entdeckt hatte. Juli steuerte eine mindestens zwanzigköpfige Großfamilie an, die sich mit mehreren Gepäckwagen, zahlreichen Großeltern, Kindern und zwei Hunden versammelt hatte. Sie lief auf die Gruppe zu, drängte sich hastig zwischen den Gepäckwagen hindurch, und als sie in einiger Entfernung ein paar Sicherheitsbeamte stehen sah, rief sie laut: »Cuidado! Tem uma bomba na mochila!« Während sich sofort zahlreiche Umstehende umdrehten, deutete sie auf den Brasilianer, der sie verfolgte. »Tem uma bomba!«, rief sie noch einmal.