Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Menschen stieben kopflos in alle Richtungen auseinander, und in Sekundenschnelle breitete sich eine massenhafte Panik aus. Von überall her ertönten Rufe nach einer Bombe und angsterfüllte Schreie. Alles strömte und stolperte in Richtung der Ausgänge. Juli wurde von allen Seiten angerempelt, geschoben und getreten und schaffte es schließlich gerade noch nach draußen. Nur Augenblicke später waren die Türen hoffnungslos verstopft. Menschen prallten und hämmerten von innen gegen die Scheiben. Erste Sirenen heulten auf.
Einen Augenblick lang blieb Juli stehen und sah betroffen auf das panische Toben. Zahllose Menschen rannten atemlos an ihr vorbei, versuchten, sich vermeintlich in Sicherheit zu bringen. Koffer landeten auf dem Boden, brüllende Kinder wurden gezerrt.
Eigentlich hatte sie bloß geplant gehabt, dass sich die Sicherheitskräfte um den Mann kümmern und ihn festhalten würden. Nun hoffte sie, dass in dem Chaos niemand zu Schaden kam. Aber sie durfte keine Zeit verlieren. Immerhin hatte sie den Mann wirkungsvoll abgehängt. Jetzt musste sie in die Innenstadt verschwinden, bevor er den Weg nach draußen schaffte.
Tom wartete im Foyer des Hotels. Große Ventilatoren drehten sich unter der Decke, nur wenige Gäste waren zu sehen.
Während der Fahrt hatte er zum ersten Mal die Atmosphäre des Landes bewusst in sich aufgenommen. Es war noch viel wärmer, als er es sich vorgestellt hatte. Unerträglich warm und so schwül, dass das Schwitzen keine Kühlung brachte. Der Wagen hatte keine Klimaanlage gehabt, und durch die geöffneten Fenster strömte die Luft wie aus einem Warmluftgebläse ins Innere. Sie roch nach feuchter Erde und Abgasen.
Manaus war laut und stickig. Die Straßen waren überfüllt und dreckig, vereinzelte Palmen und gewaltige Bäume, die direkt dem Regenwald entsprungen zu sein schienen, leuchteten wie grüne Fremdkörper zwischen den Häusern. Eine Millionenstadt mitten im Urwald und lediglich über den Fluss oder per Flugzeug zu erreichen. Dennoch gab es hier auch Hochhäuser, Industrie und eine halbwegs moderne Infrastruktur, die man in einer so abgelegenen Gegend nicht erwartet hätte. Ein merkwürdiges Völkchen tummelte sich draußen, die meisten mit T-Shirts oder luftigen Hemden, alles wirkte unorganisiert und trotzdem funktionierte es irgendwie. Es musste eine Qual sein, hier ein Unternehmen zu führen und mit der unbekümmerten Gelassenheit der Leute zurechtzukommen. Tom schüttelte innerlich den Kopf.
Nach etwa einer halben Stunde begann er sich Sorgen zu machen, aber da tauchte Juli schon auf.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Stau.«
»Und?« Er stand auf. »Wie ist es gelaufen?«
»Ich bin hier, oder?«
»Wie bist du ihn losgeworden?«
»Ich habe nur ein bisschen Verwirrung gestiftet.«
»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Tom.
»Wir müssen den Rio Negro überqueren und nach Süden. Aber das wird heute nichts mehr.«
»Es ist doch erst Mittag.«
Juli lachte auf. »Ja, in Hamburg würde man jetzt noch einiges erledigen können. Aber hier laufen die Uhren anders. Erst brauchen wir einen Mietwagen, allein damit sind wir hier eine Stunde beschäftigt. Auf die Fähre warten und übersetzen dauert noch mal zwei Stunden. Dann ist es vier, bis wir am anderen Ufer sind.«
Tom nickte, so ähnlich hatte er sich das nach seinem ersten Eindruck der Stadt auch vorgestellt. Ein Albtraum.
»Ich weiß ja nicht, wie fit du nach dem Flug bist«, fuhr Juli fort, »aber die vierstündige Fahrt von dort aus ins Camp ist kein Vergnügen. Das ist keine gute Idee, wenn einem die Augen zufallen, und im Dunkeln schon gar nicht. Ab halb sieben siehst du da draußen gar nichts mehr.«
Tom zuckte mit den Schultern. »Ist ja gut. Also Schluss für heute?«
»Ja. Wir können uns ein bisschen ausruhen, nachher einen Wagen besorgen, und heute Abend gehen wir etwas essen und dann zeitig ins Bett. Wir werden es brauchen, denn die Hitze wird uns noch früh genug zu schaffen machen.« Büro der Senatskanzlei im Hamburger Rathaus, 27. Juli
»Sie wissen, dass dieses Treffen reichlich unpassend ist.«
Paul Christiansen, der Erste Bürgermeister der alten Hansestadt, lehnte sich in seinem gepolsterten Sessel zurück. Als Luc Gironde kurzfristig erschienen war, hatte er das nächstbeste freie Büro gesucht und alle anderen Leute rausgeschickt. Nun saß er dem Schweizer gegenüber und seiner ganzen Haltung war abzulesen, wie unbehaglich er sich fühlte.
»Dr. Villiers schickt mich«, erwiderte Gironde. »Wie Sie sich sicher denken können, duldet die Sache dann keinen Aufschub. Die MedExpo steht vor der Tür und mit ihr der Empfang von Dr. Villiers.«
»Was gibt es so Dringendes, dass es nicht die Kanzlei übernehmen könnte? Sie ist für alle organisatorischen Fragen zuständig, wie Sie wissen. Und alles Weitere bespreche ich nur mit Dr. Villiers persönlich wie in der Vergangenheit auch.«
»Das ist mir vollkommen klar, Herr Bürgermeister. In diese Gespräche mische ich mich nicht ein. Hier geht es jedoch um einige Vorfälle, die in mein Aufgabengebiet fallen. Und von Ihrer Seite aus müsste der Innensenator eingebunden werden. Daher wende ich mich an Sie, damit Sie im Boot sind.«
Der Bürgermeister verzog den Mund. Als er sich vor Jahren auf die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Arzt und Finanzmagnaten eingelassen hatte, war ihm alles so einfach und elegant erschienen. Aber nun drohten ihn die Geister der Vergangenheit einzuholen. Während er Villiers sehr schätzte, machte ihn Gironde nervös. Etwas allzu Glattes umgab den Mann. Unter seinem oberflächlichen Charme lauerte eine zielgerichtete Skrupellosigkeit. Wenn Gironde etwas vom Innensenator verlangte, dann war es keine Kleinigkeit. Und vermutlich alles andere als legal.
»Also was gibt es?«
»Das Labor auf Neßsand ist entdeckt worden.«
Christiansen zuckte zusammen. Das war in der Tat die Art von Neuigkeit, auf die er gerne verzichtet hätte. Über die ganze Neßsand-Geschichte hatte er damals viel zu leichtfertig entschieden. Ihm war nicht wohl dabei, und er war froh gewesen, als Villiers die Arbeiten nach kurzer Zeit hatte einstellen lassen. Danach hatte er jeden Gedanken daran verdrängt. Aber ein Labor ließ sich nicht verdrängen. Unabgeschlossenes hatte die Angewohnheit, irgendwann wieder aufzutauchen. Und dieser Zeitpunkt war offenbar gekommen.
»Sie haben meine volle Aufmerksamkeit«, sagte Christiansen mürrisch.
»Das ist gut«, gab Gironde zurück. »Denn es kommt leider noch schlimmer. Die beiden, die das Labor gefunden haben, sind Journalisten, jedenfalls einer von ihnen. Wir können also davon ausgehen, dass sie der Sache weiter nachgehen werden.«
»Und …«, der Bürgermeister rutschte auf dem Stuhl in eine bequemere Lage, »hat sich noch niemand darum … gekümmert?«
»Doch. Es kam dabei zu einer Schießerei. Neulich am Fischmarkt. Sicher haben Sie davon gelesen.«
Christiansen hob die Augenbrauen. »Also das …«
»Ja, das waren sie. Leider sind die beiden entwischt und befinden sich nun auf dem Weg nach Manaus. Dort können wir sie immerhin festsetzen. Trotzdem muss hier in Hamburg noch einiges bereinigt werden. Es gibt zu viele Spuren.«
»Was ist mit dem Polizeipräsidenten? Und diesem einen Hauptkommissar, der sich überall hineinhängt, wie heißt er, Berger?«
»Um beide werde ich mich kümmern. Aber auf Dr. Villiers’ ausdrücklichen Wunsch hin sollte ich die Sachlage zuerst mit Ihnen besprechen.«