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»Gut, das haben Sie ja jetzt getan.«

»Außerdem lässt er mich Ihnen mitteilen, dass er sich auf das Treffen mit Ihnen freut und auf eine weiterhin fruchtbare Zusammenarbeit auf dem medizinischen Sektor hofft.«

Erneut verzog Christiansen das Gesicht. Die Warnung war unverhohlen. Denn dass dem Land das Geld an allen Ecken und Enden fehlte, war kein Geheimnis, und Villiers hatte auf dem einen oder anderen Weg die Hand auf fast jedem der privatisierten Krankenhäuser in der Stadt.

»Richten Sie ihm aus, ich werde mein Möglichstes tun, um ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.«

Gironde nickte freundlich. »Vielen Dank. Und auch für Ihre Zeit. Ich muss nun einiges erledigen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

Luc verließ das Rathaus. Auf dem Weg nach draußen vibrierte sein Handy. Er kannte die Nummer. In Manaus musste es jetzt etwa Mittagszeit sein. Das Gespräch war nur kurz.

»Scheiße!«, war alles, was ihm über die Lippen kam.

Kapitel 10 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 16. Mai

Ich habe mein Lager ein Stück abseits des Flusses errichtet und liege nun in einer Hängematte, über mir ein Moskitonetz und unzählige Mücken, Nachtfalter und Insekten, die versuchen, hineinzukommen. Im Licht der kleinen Gaslaterne ist es schwer zu schreiben, aber ich wollte vor Einbruch der Dunkelheit möglichst weit vorankommen und mich nicht mit dem Tagebuch aufhalten.

Ich weiß nicht, wie weit ich gekommen bin, vielleicht zehn Kilometer, vielleicht auch nur fünf. Es lässt sich kaum abschätzen, weil der Weg streckenweise sehr beschwerlich ist. Eine Zeit lang konnte ich dem Fluss folgen, aber dann wurden die Mangroven so dicht, dass ich mich immer weiter vom Ufer entfernen musste. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, vollkommen allein in der Wildnis zu sein. Beunruhigend, aber dann auch wieder seltsam erregend und frei.

Anders als ich vermutet hatte, gab es im Camp heute Morgen keine langen Diskussionen, fast so, als sei es Susan gar nicht so unrecht, dass ich gehe. Niemand hat versucht, mich aufzuhalten, obwohl ich kaum Erfahrung mit dem Dschungel habe und erst recht keine Survival-Expertin bin. Seltsam eigentlich, aber nun bin ich froh, unterwegs zu sein, denn vielleicht hätte ich es mir anders überlegt, wenn man auf mich eingeredet hätte. Ich werde auch so zurechtkommen, und in zwei oder spätestens drei Tagen werde ich mich auch schon auf den Rückweg machen, wenn ich nichts finde. Jetzt werde ich erst einmal versuchen, hier draußen zu schlafen.

Ich bin vorhin aufgewacht, weil ich Geräusche gehört habe. Der Urwald ist auch nachts voller Leben, aber dies war anders. Ein unheimliches Heulen und Kreischen, das fast menschlich klang. Ich habe lange Zeit regungslos in meiner Hängematte gelegen, mein Herz klopfte bis zum Hals. Es ist stockfinster hier tief unter dem Blätterdach, selbst bei Vollmond sähe man seine Hand vor Augen nicht. Aber ich wagte nicht, meine Lampe anzuzünden, um nicht auf mich aufmerksam zu machen. Das Kreischen war mal lauter, mal leiser, mal war es weiter entfernt, dann wanderte es in einem Kreis um mich herum. Es war, als belauere mich etwas. Ich kenne kein Tier, das solche Laute von sich gibt. Vielleicht war es ein seltsamer Nachtvogel oder ein verletzter Affe, vielleicht ein Raubtier … es war unmöglich, die grauenvollen Schreie zu identifizieren.

Während ich im Dunklen lag, vollkommen ungeschützt und nur von der Nacht dürftig verschleiert, fiel mir auf, dass ich außer einem Messer nichts bei mir trage, mit dem ich mich notfalls verteidigen könnte. Ich horchte in die Schwärze, alle meine Sinne gespannt. Nicht nur das seltsame Wesen, dessen entsetzliche Schreie mein Mark durchdrangen, ließ mich erschaudern, auch die Tatsache, dass die anderen Geräusche des Waldes, das beständige Zirpen, Zischen und Pfeifen der anderen Tiere, auf unheimliche Weise verstummt waren.

Und dann begann dieser Gesang. Ähnlich wie der, den ich in der Nacht im Camp gehört hatte, ohne erkennbare Melodie, auf irritierende Weise atonal und gespenstisch. Der Schamane hatte auf ähnliche Art gesungen, wenn man es überhaupt einen Gesang nennen konnte. Vielleicht war auch dies der Schamane, der sich im Wald herumtrieb, vielleicht war es auch eine Frau, es war einfach nicht zu erfassen.

Ich lag da wie versteinert. Selbst wenn ich es gewollt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, mich zu bewegen.

Der schauderhafte Gesang wanderte umher, ich fürchtete schon, er würde sich meinem Lager nähern. Aber stattdessen wurde er nach einer Weile leiser, und ich bemerkte, wie sich auch die Schreie der Kreatur von mir zu entfernen begannen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mir schließlich sicher war, dass ich nichts mehr hören konnte, dass ich nur noch den Echos in meinem Kopf lauschte.

Sie waren fort. Und bald darauf setzten die Geräusche des Waldes wieder ein. Das Zirpen und Rascheln der Insekten, die Rufe der Nachtvögel. Die Normalität kehrte in den Wald zurück.

Ich habe mich entschieden, nun doch alles aufzuschreiben. Ich bin noch so elektrisiert, dass ich ohnehin nicht schlafen kann. Und morgen früh sind die Eindrücke vielleicht verschwommen, und ich wäre mir nicht mehr sicher, was wirklich passiert ist. Hotel Dez de Julho, Manaus, 28. Juli

Juli hatte recht gehabt. Nach dem Essen waren sie zu Bett gegangen, und wie dringend er sich ausruhen musste, hatte Tom daran gemerkt, dass er eingeschlafen war, kaum dass sein Kopf das Kissen berührt hatte. Dank der Klimaanlage war die Nacht wunderbar frisch und erholsam gewesen. Er meinte sich zu erinnern, dass sich Juli irgendwann an ihn gekuschelt hatte, aber als er am Morgen wach wurde, stand sie bereits unter der Dusche, und sie sprachen nicht darüber.

Nun saßen sie bei einem gewöhnungsbedürftigen Frühstück mit streng riechendem Käse, gebratenen Würstchen, viel zu süßer Marmelade, ein paar Früchten, von denen er nur Mangos identifizieren konnte, und labberigem Brot. Wenigstens der Kaffee war wirklich gut.

Tom schenkte sich nach und beobachtete Juli, die sich eine Frucht aufschnitt. Wie hübsch sie war. Und was für äußerst merkwürdige Umstände ihn nun hier mir ihr zusammengeführt hatten. Noch vor zwei Wochen hatte er sich nicht vorstellen können, sich in nächster Zeit erneut auf eine Frau einzulassen, geschweige denn mit einer, die jünger war als er. Sie war sicher unter dreißig, der von ihm selbst gezogenen Schwelle der geistigen Entwicklung, und trotzdem strahlte sie eine Klarheit und Entschlossenheit aus, die ihn beeindruckte. Er wollte sie noch viel besser kennenlernen, und diese Erkenntnis überraschte ihn. Woher sie kam, was sie dachte, wie sie fühlte. Er kannte sie bisher kaum, und nun fürchtete er fast, dass es auch dabei bleiben würde. Juli war eine Frau, die selbst entschied, wie weit sie ging, wie sehr sie sich auf etwas einließ, wie sie Abstand hielt. Und es war abzusehen, dass sich ihre Wege nach diesem gemeinsamen Unterfangen einfach wieder trennten.

Während Juli aß, machte sie sich Gedanken über diesen Mann, mit dem sie nun an einem Tisch saß und der sie schweigend beobachtete. Es war nicht leicht, aus ihm schlau zu werden. Er pendelte zwischen einem selbstgefälligen, fast arroganten Mittdreißiger, der meinte, schon alles gesehen zu haben und alles zu wissen, und einem in die Jahre gekommenen unfreiwilligen Single, der in manchen Momenten unsicher, fast scheu wirkte. Ihr gefiel die Mischung auf eine gewisse Weise. Nicht nur, dass er durchaus gut aussah und seine blauen Augen ein verdammt charmantes Blitzen von sich geben konnten. Sie hatte auch festgestellt, dass er ihr ohne große Umstände das Ruder übergab, wenn er erkannte, dass die Situation es erforderte. Es war beinahe so, als führten sie einen sanften Wettstreit, in dem jeder streckenweise dem anderen zeigen wollte, was er konnte und wusste, ohne jedoch den anderen in stolzer Manier zu übertrumpfen. Es war ein Kennenlernen, ein sich Annähern, das Hand in Hand ging.