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Sie hatte kurz überlegt, ob sie sich nach der Dusche noch einmal zu ihm legen sollte. Lust hätte sie gehabt, und die Situation wäre ideal gewesen. In diesem Augenblick der Ruhe, der Verschnaufpause vor den Strapazen, die vielleicht vor ihnen lagen, hätte sie gerne noch einmal die intensive Energie seiner Leidenschaft aufgenommen. Vielleicht hätte es beiden gutgetan, sich noch einmal aufzuladen, sich gegenseitig Lust zu schenken und dann entspannt den Tag anzugehen. Nun hing zwischen ihnen eine unausgesprochene sexuelle Spannung. Sie wusste, wie er sie beobachtete, wie er sich kontrollierte, sich zurückhielt. Aber das war auch der Grund, weshalb sie sich schließlich dagegen entschieden hatte. Vielleicht hätte der Sex ihre Bande gestärkt, aber vielleicht hätte es Tom auch ausgesprochen irritiert. Zu viel war zwischen ihnen noch ungeklärt. Über Gefühle hatten sie bisher nicht gesprochen, sicher war nur, dass keiner von beiden auf der Suche nach einer Partnerschaft war, und wenn sie sich nun auf ihre Suche konzentrieren sollten, war es vielleicht keine gute Idee, das Miteinander unnötig kompliziert zu machen.

Sie hatte entschieden, ihre gemeinsame Unternehmung so sachlich und professionell wie möglich zu halten. Vielleicht ergab sich mehr, wenn dies alles vorbei war. Aber dann war auch Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

»Und nun? Fahren wir los?«, fragte Tom unvermittelt.

»Ja«, sagte Juli und legte ihr Besteck beiseite. »Lass uns aufbrechen.«

Wenig später waren sie in ihrem gemieteten Toyota-Geländewagen unterwegs. Die Koffer hatten sie im Hotel gelagert und außer ihrer Umhängetasche und seiner Fotoausrüstung nur eine große Reisetasche dabei, die quer auf den Rücksitzen lag. Es war halb zehn, die Straßen voll und geschäftig, aber die Klimaanlage im Wagen funktionierte, und die wiederholten Staus machten ihnen nichts aus.

Nach einer halben Stunde wichen die großen Häuser zurück, fast schon glaubte Tom, dass sie sich dem Stadtrand näherten und in zunehmend bewaldetes Gebiet kommen würden, als er am Ende der Straße plötzlich Schiffe ausmachte, und kurz darauf fanden sie sich in einer wartenden Autokolonne wieder.

»Die wollen auf die Fähren«, erklärte Juli. »Wie wir auch. Jetzt müssen wir Geduld haben.«

Die Fähre entpuppte sich schließlich als etwas, das Tom bestenfalls als Floß bezeichnet hätte. Die Konstruktion war vollkommen flach und bot nur Platz für ein gutes Dutzend Wagen. Fast erwartete er, dass die Plattform vom anderen Ufer des Flusses aus mit Seilen herübergezogen würde, aber er bemerkte bald, dass es ganz offenbar irgendwo einen recht starken Motor gab, der die Fähre antrieb. Mit Seilen wäre es ohnehin schwierig geworden, denn das gegenüberliegende Ufer des braun und träge dahinfließenden Rio Negro lag in mindestens zwei Kilometern Entfernung.

Während der Überfahrt wanderten sie zwischen den Wagen umher und kauften sich kühle Getränke von einem Mann mit Kühlbox.

Tom überdachte noch einmal, weswegen sie hergekommen waren. Sie suchten das Camp der Ärzte ohne Grenzen, um herauszufinden, was mit Julis Schwester geschehen war, und um zu erfahren, was sich über die früheren Vorfälle von angeschwemmten Leichen und den im Jahr zuvor verschwundenen Oliver in Erfahrung bringen ließ. Aber das war nur eine der Spuren, die sie hatten. Sie wussten auch, dass es mindestens eine Firma in Manaus gab, die mit Lieferungen an das geheime Labor in Hamburg in Kontakt stand. Und sie vermuteten, dass das in den Unterlagen erwähnte brasilianische Labor M2 hier in der Nähe lag. Das waren zwei weitere Spuren, denen sie nach dem Ausflug in das Camp noch folgen mussten. Aber die Suche nach Julis Schwester hatte Vorrang. Und möglicherweise fanden sie dort auch Hinweise, die ihnen für die weiteren Recherchen von Nutzen sein konnten.

Das Ende ihrer Überfahrt brachte sie keineswegs einfach an das andere Ufer. Vielmehr fuhren sie eine große Schleife und gelangten schließlich an das Ufer eines kaum weniger breiten Nebenarmes, des Rio Solimões, wie Juli erklärte. Ein Name, der übersetzt »Fluss der Gifttränke« bedeutete, was wenig vertrauenerweckend war. Der Ort, den sie dort ansteuerten, hieß Careiro da Várzea. Das klang zwar erfreulicher, etwas mit einer Flussniederung, wie Juli übersetzte, aber der Anblick war ernüchternd. Am Anlegesteg ging das Flussufer in eine schlammige Fläche über, durch die eine rotbraune Piste bis zu etwas höher gelegenen Häusern und der dort beginnenden Asphaltstraße führte.

Ihr Toyota führte sie durch die kleine Ortschaft und am anderen Ende wieder hinaus, wo die Landschaft ländlicher wurde. Die Straße war gesäumt von Feldern und einzelnen Häusern, die zum Teil nicht mehr als Baracken waren, die Wände aus unverputzten Zementquadern, die Dächer mit Wellblech bedeckt.

»Wieso bist du eigentlich sicher, dass du das Camp wiederfindest«, fragte Tom. Er hatte Juli das Steuer überlassen und sah aus dem Fenster. »Wie oft warst du schon hier?«

»Einmal nur, zusammen mit Marie. Aber jetzt geht’s erst mal eine gute Stunde lang nur geradeaus. Und danach …« Sie steckte ihren rechten Arm in ihre Umhängetasche, die auf dem Rücksitz lag, wühlte darin herum und zog ein kleines Gerät hervor. »Danach geht’s hiermit weiter.«

»Ein GPS-Empfänger, natürlich!« Tom nahm das Gerät entgegen, schaltete es ein und studierte die Handhabung. »Hast du die Zielkoordinaten schon hinterlegt?«

»Vorbereitung ist alles. Dort, wo wir hinfahren, gibt es niemand, den wir nach dem Weg fragen können.«

Tom sah sie von der Seite an und lächelte. »Macht Spaß mit dir«, sagte er.

Juli runzelte die Stirn und sah kurz zu ihm hinüber. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Okay … Danke.«

»Was ist? Findest du nicht?«

»Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment sein sollte oder ob es herablassend war.«

»Wieso denn herablassend?«

»Na, dann ist es ja gut.«

Tom versuchte, die merkwürdige Stimmung aufzulockern. »Hey, ich habe auch etwas Sinnvolles mitgebracht.« Er öffnete die Kameratasche zu seinen Füßen und holte eine rote Frucht hervor, die er Juli reichte. »Hunger?«

»Wo hast du denn die her?«

»Aus dem Hotel, da lagen ganz viele beim Büfett.«

Juli lachte auf. »Die sind doch nur Dekoration gewesen. Aus den Kernen wird Farbe hergestellt, die kann man nicht essen!«

»Also gut.« Tom öffnete das Fenster und warf die Frucht hinaus. Zwei weitere warf er hinterher. »Du kennst dich besser aus. Aber es war einen Versuch wert.«

Sie hatten etwa achtzig Kilometer zurückgelegt, als Juli Tom bat, auf das GPS-Gerät zu achten. »Die Abzweigung müsste bald auf der rechten Seite kommen.«

Es dauerte noch zehn Minuten, und Tom war sich sicher, dass er sie ohne den Empfänger übersehen hätte. Was Juli eine Abzweigung genannt hatte, war nicht mehr als eine staubige Piste, die ebenso gut eine Zufahrt zu einer etwas abgelegenen Hütte hätte sein können.

»Ab jetzt wird’s etwas rumpelig«, sagte Juli. »Aber es sind auch nur noch drei Stunden.« Dabei grinste sie. »Musst sagen, wenn du eine Pause machen willst.«

Die Route führte sie abseits einer Siedlung quer durch den Wald. Nun verstand Tom, weswegen Juli darauf bestanden hatte, einen Wagen mit Allradantrieb zu wählen. Der Boden war alles andere als eben, bestand lediglich aus hart gefahrenem Lehm, der von tiefen Rillen und Löchern übersät war. In der Regenzeit gab es hier vermutlich überhaupt kein Durchkommen. Tom stellte sich vor, dass die Straße vor vielen Jahren als Schneise durch den Urwald geschlagen worden war, um Holztransportern und Baggern eines Rodungsunternehmens Platz zu schaffen. Ehemals vorhandener Schotter war noch stellenweise zu erahnen, hatte aber auf die Dauer dem immer wieder aufweichenden Boden keinen Widerstand bieten können. An den Rändern der Piste wucherten junge Sträucher und nahmen die Schneise wieder in Besitz. Zunächst unterschied sich der Wald im Wesentlichen kaum von einem europäischen Laubwald, aber nach einer Weile zog sich das Unterholz immer mehr zusammen, verfilzte geradezu, die Bäume wuchsen höher und höher, und ihr undurchdringliches Blätterdach entschwand immer weiter ihren Blicken. Die Schneise glich geradezu einem Tunnel, der sie durch eine unwirkliche und menschenleere Landschaft führte.