»Eins fünf.«
»Tausend.«
»Tausend und zweihundert pro Foto.«
Gregory schwieg einen Moment. »Einverstanden«, sagte er dann und reichte seine Hand über den Schreibtisch. »Und das, was du bisher abgegeben hast, das ist natürlich inklusive. Das nehme ich jetzt schon mal rein.«
Als Tom das Gebäude verließ, grinste er breit. Er wollte der Geschichte sowieso noch mal nachgehen, und ein anderes Thema hatte er ohnehin gerade nicht in Aussicht. Gregory hatte sich jetzt zwar das heutige Material kostenlos ergaunert, aber der Rest des Honorars war in Ordnung. Vor allem, weil Tom nicht vorhatte, sich übermäßig anzustrengen. Jedenfalls nicht mehr heute.
Kapitel 2 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai
Ich verbrachte den Rest des heutigen Vormittags mit Tätigkeiten, die wie ein Nebel an mir vorbeizogen. Ich erinnere mich daran, dass ich, nachdem ich aus dem Fluss gekommen und wieder zurück im Camp war, eine Rastlosigkeit spürte und mich sofort um viele Dinge kümmerte, kleine, nutzlose Dinge. Vermutlich war es eine natürliche Reaktion, um mich abzulenken, um die Bilder in meinem Kopf auszublenden und das Gefühl des intensiven Ekels loszuwerden, das mich befallen hatte.
Erst eine gute Weile nach dem Mittagessen, von dem ich kaum etwas anrührte, konnte ich wieder etwas klarer denken und erkundigte mich, ob die anderen am Fluss etwas erkannt hatten.
Christian, der neben mir saß, sagte, sie hätten die Leiche herausgeholt und wollten sie noch untersuchen, bevor die Polizei aus Manaus kam, der sie den Vorfall gemeldet hatten. Als er fragte, ob ich Lust hätte, sie mir anzugucken, war mein erster Impuls »Mein Gott, nein!«, aber irgendwie ließ mich der Gedanke danach nicht mehr los. Ich überlegte, ob es mir nicht helfen würde, mein Erlebnis zu überwinden, wenn ich dem albtraumhaften Objekt nun noch einmal, vorbereitet, auf neutralem Boden und gemeinsam mit anderen Ärzten gegenübertreten würde. Und schließlich bin ich ja selbst mehr oder weniger Ärztin, und die Karriere mit einem solchen Trauma im Gepäck zu beginnen, ist sicherlich keine gute Idee.
Also habe ich Christian am Nachmittag noch einmal angesprochen, als er gerade mit seiner Visite fertig war. Gemeinsam sind wir in den Lagerraum neben dem Generatorhäuschen gegangen.
Elvira kam gerade mit einem Mundtuch und zwei leeren Eimern aus dem Lager. Christian und ich gingen hinein.
Für ein so abgelegenes Camp der Ärzte ohne Grenzen ist es ein Luxus, gemauerte Räume mit Türen und Wellblechdächern zur Verfügung zu haben, die der Regenzeit standhalten können. Aber dieser Lagerraum wird selten verwendet, weil der Gestank des Diesels von nebenan die meiste Zeit herüberzieht und sich in allem, was hier gelagert wird, festsetzt. Heute war ich froh über den vertrauten Geruch nach Maschinenraum und Tankstelle. Üblicherweise macht er die schwül-heiße Luft des Regenwaldes noch unerträglicher, nun aber war er etwas, an dem man sich festhalten konnte, eine Verankerung in der Normalität, ein Parfum der Sachlichkeit.
In der Mitte des Raums haben sie einen Tisch aufgebaut, auf dem die Leiche liegt. Sie ist mit schweren Tüchern bedeckt, die von Elvira und einigen anderen der Indios regelmäßig mit Wasser übergossen und getränkt werden. Ich bemerkte, dass sich unter dem Tisch eine stinkende Pfütze gesammelt hat, denn was von oben herabtropft, ist nur zum Teil das von den Tüchern aufgesaugte Wasser; es ist gemischt mit anderen Sekreten, die dem faulenden Leichnam entrinnen. Neben dem Tisch stehen zwei Standventilatoren, die mit größter Kraft über das Konstrukt blasen, um so ein wenig Verdunstungskälte zu erzeugen und alle Gerüche aus den geöffneten Fenstern hinauszupusten. Wir haben nur zwei Kühltruhen hier im Camp, und die sind natürlich für die Medikamente gedacht. Außerdem wären sie zu klein. Eine ganze Leiche – auch in Einzelteilen – können wir nicht aufbewahren. Aber bei dreißig Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von über neunzig Prozent muss man sich etwas einfallen lassen, wenn man totes Fleisch und Eingeweide vor dem weiteren Verwesen bewahren soll, bis die Polizei ein oder zwei Tage später eintrifft. Falls sie überhaupt kommt.
Mehr als ein paar Grad kann der Aufbau den Körper nicht abkühlen, und die Ventilatoren sorgen dafür, dass der faulige Gestank im ganzen Raum herumgewirbelt wird.
Ich tat einen Schritt zurück.
Christian nickte und sagte, es sei in der Tat ziemlich unangenehm, aber sehr interessant und die beste Chance, etwas zu lernen.
Ich versuchte, mich auf Christian zu konzentrieren, mein Studium, meine Bücher. Ich wollte nicht ergründen, warum die Fäulnis etwas Süßliches an sich hatte und ob ich eher etwas Käsiges oder Säuerliches herausriechen konnte. Aber jene entsetzlichen Dünste, die den verrottenden Eingeweiden der verdeckten Leiche entstiegen waren, wanden und bohrten sich unbarmherzig durch meine Nase in mein Hirn, verdrängten alles andere. Rationale Gedanken waren unmöglich. Ich erstarrte nahezu. Nicht umsonst ist das olfaktorische System durch Hypothalamus und Hippocampus direkt mit Erinnerungen und Emotionen verbunden. Die Natur sorgt dafür, dass die Präsenz des Todes unmittelbar zu spüren ist, sämtliche vegetativen Alarmsensoren melden akute Lebensgefahr, das Rückenmark lädt sich funkensprühend elektrisch auf wie eine gigantische Spule, Millionen Impulse rasen durch den Körper, alle Muskeln bereiten sich in panischer Todesangst auf Flucht oder Totalausfall vor.
Ungeachtet der Urwaldhitze fühlte ich, wie sich eine Eiseskälte in mir ausbreitete, so als würde mir Kleidung und Haut vom Leib gerissen werden und als liefe eisiger Sirup über meinen Rücken.
Christian trat schnell auf mich zu und hielt mich fest. Er sagte mir hinterher, er habe nie zuvor gesehen, wie ein Mensch innerhalb von Sekundenbruchteilen erst grau und dann weiß wie eine Marmorsäule wurde. Hätte er mich nicht gehalten, wäre ich umgekippt und auf den Boden geschlagen. Café Transmontana, Schanzenviertel, Hamburg, 19. Juli
Ben trat mit vier Gläsern Milchkaffee aus dem Inneren des Cafés und ging zu einem der Biergartentische hinüber, die auf der Promenade aufgestellt waren. Er stellte die Gläser ab und verteilte sie an seine Freunde, als er Juli entdeckte. Sie saß in einiger Entfernung und war in ihre Notizen vertieft.
»Die Toasts kommen gleich«, sagte er an die anderen gewandt. »Ich bin gleich wieder da.«
Er ging durch die Reihen der Tische, die am Vormittag nur zur Hälfte besetzt waren, und nahm ihr gegenüber Platz. Ihre kurzen braunen Haare hingen ihr wie ein Vorhang um ihr Gesicht, während sie in ein Moleskine-Buch schrieb.
Er hatte Juli etwa ein Jahr zuvor auf einer Party kennengelernt, eine dieser halboffiziellen Agenturpartys, wo man nur rein kam, wenn man von jemandem mitgenommen wurde, der jemand kannte. Aber im Grunde war dies nicht weiter schwer, denn die Szene war verhältnismäßig klein, und selbst als Student bekam man schnell Anschluss, weil die Hälfte der Agenturleute ohnehin Studenten waren, die eigentlich noch ihr Diplom machen wollten, aber sich in Wahrheit schon seit Jahren als feste Freie die Überstunden um die Ohren schlugen in der Hoffnung, irgendwann einmal von einer der großen Agenturen übernommen zu werden. Juli war ihm aufgefallen, weil sie etwas abseits auf einer Couch gesessen hatte. Nicht im üblichen Agenturstil aufgemacht, sondern dezent lässig und ohne den alternativen Studentenlook. Auch die Tatsache, dass sie nicht von einem Haufen Werbetexter oder Webdesigner umgeben war, zeigte ihm, dass sie irgendwie nicht dazugehörte. Sie strahlte eine Selbstsicherheit aus, die vermutlich schon ausreichte, um die allzu schlichten Anbaggerversuche der Meute fernzuhalten.
Ben hatte sie eine Weile beobachtet, wie sie sich immer wieder mit wechselnden Gesprächspartnern abgab, die sich zu ihr gesellen wollten. Sie wirkte dabei offen, aber unverbindlich, und Ben stellte amüsiert fest, wie viele nach einer Weile etwas steif und mit hochgezogenen Augenbrauen abzogen, um sich anderswo nach Amüsement umzusehen. Juli, so schien es ihm, lächelte dabei leise in sich hinein, schien ganz zufrieden mit ihrer Rolle und hatte es wohl auch nicht auf nähere Kontakte abgesehen. Es war ihm klar, dass er sie kennenlernen musste. Seine erste Lektion lernte er, als er sie mit einem »Hi, ich bin Ben. Na, arbeitest du hier?« ansprach und »Bisschen trockene Luft hier« als Antwort bekam.