So exotisch die Umgebung auch war, so eintönig wurde sie mit der Zeit. Tom verstand, dass die Fahrtzeit von drei Stunden keineswegs aufgrund der besonderen Entfernung zustande kam. Streckenweise musste Juli den Wagen im Schritttempo über die Bodenschwellen und durch gewaltige Löcher bugsieren.
Die Lichtung tauchte unvermittelt hinter einer Biegung auf. Eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld. Der Boden war aufgewühlt, von Erdhaufen, herumliegenden Baumstämmen und Ästen übersät, einige Wellblechhütten zeugten davon, dass Waldarbeiter hier einen Aufenthalts- und Umschlagplatz gehabt hatten. Einstmals hatten hier Bagger und Bulldozer rangiert, waren Lastwagen beladen und Fahrer instruiert worden. Niedriges Gestrüpp und junge Bäume überwucherten inzwischen den Großteil der Lichtung.
»So«, sagte Juli, »jetzt ist es nicht mehr weit. Bis hier führt die offizielle Straße. Der Rest ist ein alter Waldpfad. Er müsste irgendwo dahinten liegen.«
Tatsächlich fanden sie am anderen Ende der Lichtung eine schmale Schneise zwischen den Bäumen. Sie war nicht so breit und verlief auch nicht so gerade wie die bisherige Straße. Man hatte wohl einen natürlichen Weg gesucht, ohne dafür die Urwaldriesen fällen zu müssen, deren gewaltige Brettwurzeln einen Umfang von zehn und mehr Metern aufwiesen. Strauchwerk, Lianen und kleineres Gehölz hatte man offenbar entfernt und so aus einem ehemaligen Trampelpfad eine Schneise geschaffen, die immerhin so breit war, dass ein Wagen sie passieren konnte. Dass Tom und Juli nicht die Einzigen waren, die sie verwendeten, bewiesen frische Reifenspuren. Einige Kilometer später erreichten sie schließlich den natürlichen Waldrand und fuhren aus dem Halbdunkel der Bäume ins Sonnenlicht.
Nicht weit entfernt von ihnen standen einige niedrige Gebäude, gemauert und schlicht verputzt.
»Da sind wir. Das Camp!« Juli fuhr eine Kurve und parkte den Wagen.
»Wurde auch Zeit«, meinte Tom. »Nachdem wir schon das Mittagessen verpasst haben, könnte ich jetzt gut was im Magen vertragen.«
Als sie ausstiegen, überraschte Tom aufs Neue die Wucht der heißen, tropischen Luft, die gesättigt war mit einer Vielzahl unbekannter Gerüche; erdig und süß. Aus dem Wald hinter ihnen drang ein dichter Klangteppich aus Zirpen, Zischen und Zwitschern; Tausende von Insekten und Vögeln, die mit ihren Lauten auf sich aufmerksam machten.
Er folgte Juli hinüber zu den Gebäuden. Niemand kam heraus, um sie zu begrüßen. Sie sahen keine Bewegungen, hörten keine Stimmen, nicht einmal ein Transistorradio, das Musik aus dem Äther zapfte und vor sich hin dudelte. Das Camp schien verlassen zu sein.
»Scheinen wohl alle gerade unterwegs zu sein«, vermutete Tom. Er rüttelte versuchsweise an einer Tür. Sie war verschlossen.
»Möglich«, meinte Juli. »Suchen wir weiter. Vielleicht finden wir einen Hinweis, wo sie sind.«
Sie streiften über das Gelände. Tatsächlich trafen sie niemand an. Alle Türen waren verschlossen oder führten lediglich in ungenutzte, leere Räume.
»Ich schätze, die sind nicht einfach nur mal eben zum Picknicken los«, meinte Tom schließlich, als sie alles abgesucht hatten. »Die haben das Lager verlassen. Warum sonst hätten sie sich die Mühe gemacht, alles abzuschließen? Ist sicher nicht so, dass man hier mitten im Urwald mit Einbrechern zu rechnen hätte. Es ist niemand hiergeblieben, um das Abendessen vorzubereiten, und der Generator ist ebenfalls aus. Und wenn es ein Auto hier gegeben hat, ist es nun weg.«
»Ja«, stimmte Juli zu, stemmte die Hände in die Hüften und ließ ihren Blick über das Camp wandern. »Es sieht ganz danach aus, als ob wir zu spät kommen. Antworten werden wir hier jedenfalls keine bekommen.«
»Und nichts zu essen.«
Sie lächelte. »Nun, dagegen können wir aber vielleicht was tun. Los, sehen wir uns das Dorf an.«
»Dorf?«
»Na, hast du gedacht, die Ärzte ohne Grenzen würden ihr Camp ins Nirgendwo bauen? Hinter der Anhöhe dort ist nicht nur der Fluss, hier gibt’s natürlich auch ein Indiodorf.«
Sie folgten einem Pfad, der vom Camp aus eine Biegung beschrieb, und tatsächlich führte er kaum hundert Meter weiter auf eine Ansammlung hölzerner Hütten zu.
Tom blieb stehen. »Können wir da einfach hin? Was, wenn sie aggressiv reagieren?«
»Ach was. Warum sollten sie? Sie kennen doch die Ärzte. Außerdem wissen sie längst, dass wir hier sind.«
Sie näherten sich dem Dorf. Die auf niedrigen Stelzen gebauten Behausungen schienen fast ebenso verlassen wie das Camp. Keine Kinder, die herumtollten, keine Frauen oder Männer, die mit etwas beschäftigt waren. Nur ein paar Hühner scharrten zwischen den Hütten.
»Was ist hier los?«, raunte Tom. »Sind hier alle Menschen ausgestorben?«
»Das ist wirklich merkwürdig …«
»Da sieh mal! Dort ist noch jemand.«
An der Wand einer Hütte stand ein Aluminiumstuhl mit einer Sitzfläche aus bunten Plastikschnüren. Auf dem Stuhl saß eine alte Frau. Sie war nicht sonderlich groß, aber außerordentlich dick. Sie sah ihnen stumm und ohne sonderliche Regung entgegen.
»Die habe ich schon einmal gesehen«, sagte Juli halblaut. »Ist so eine Art Dorfunikum.«
»Vielleicht haben die anderen sie zurückgelassen?«
Juli ging zu der Alten hinüber, die sie unverwandt ansah. Als Juli direkt vor ihr stand, hellte sich das Gesicht der Frau auf. Sie lächelte sie an und begann zu sprechen, wobei sie ihre letzten verbliebenen Zähne entblößte.
»Was sagt sie?«, fragte Tom, als er herangetreten war.
Juli hielt ihren Kopf ein wenig schräg. »Ich weiß nicht. Es ist schwer zu verstehen …«
»Frag sie, wo die Leute aus dem Camp sind.«
Juli wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Os médicos. Onde estão?«
Die Alte unterbrach kaum ihren Redefluss, machte aber dabei eine wegwerfende Handbewegung.
»Sie sind weggegangen, sagt sie«, übersetzte Juli. »Erst kamen die Götter des Waldes, dann bin ich weggegangen, und dann sind die Ärzte gegangen. Aber nun bin ich zurückgekommen. Und vielleicht kommen die Ärzte nun auch wieder zurück.«
»Was soll das heißen, du bist weggegangen und wieder zurückgekommen?«
»Vielleicht verwechselt sie mich mit meiner Schwester.« Juli stellte der Frau erneut einige Fragen, woraufhin die Alte ihre Hand hob und auf Julis Arm legte. Sie schloss die Augen und nickte, dann erwiderte sie etwas.
»Sie sagt, meine Schwester und ich sind eins. Sie sagt, ich habe die Götter des Waldes gefunden und nun würde ich gehen und sie besänftigen.«
»Ich glaube, die Alte faselt einfach nur. Wundert mich auch nicht, dass man sie hiergelassen hat.«
Wieder fragte Juli etwas. Dann übersetzte sie. »Die Alten sind noch hier. Aber sie haben Angst. Die Jüngeren sind von den Göttern des Waldes geholt worden.«
Tom sah sich um. Tatsächlich waren nun an einigen Türen und Fensteröffnungen der anderen Hütten Menschen zu sehen, die verstohlen zu ihnen herüberspähten.
»Hier geht irgendetwas vor sich«, raunte Tom.
»Ja, das Gefühl habe ich auch.«
»Wir müssen ihr Vertrauen gewinnen. Sie sollen verstehen, dass wir ihnen vielleicht helfen können.«
Juli sah ihn fragend an. »Und wie wollen wir das anstellen?«
Tom grinste. »Frag sie, ob wir etwas zu essen haben können.«
»Also gut«, sagte Tom, während er sich die Finger an der Hose abstreifte. »Ein kulinarischer Genuss war es nicht. Aber ich will nicht undankbar sein.«
Auf Julis Frage hin hatte die Alte nur auf eine andere Hütte gedeutet und ihnen zu verstehen gegeben, sie sollten dort nachfragen. Eine Frau war in der Tür erschienen. Sie hatte an den Fremden vorbei einen Blick mit der Alten auf dem Stuhl gewechselt, dann aus einem Topf zwei Kellen eines pampigen Eintopfs in hölzerne Schalen gefüllt und vor Tom und Juli auf den Boden gestellt. Die beiden hatten sich in der kleinen Hütte im Schneidersitz hingesetzt und die klumpige Masse mit verbogenen Blechlöffeln gegessen.