Выбрать главу

Die Frau, die ihnen das Essen gegeben hatte, tat so, als würde sie sie nicht beachten, aber Tom hatte bemerkt, dass sie immer wieder verstohlene Blicke herüberwarf. Juli hatte versucht, sie auf Portugiesisch anzusprechen, aber offenbar verstand sie es nicht, jedenfalls reagierte sie nicht.

»Ich fürchte, es wird schwierig, etwas von den Indios zu erfahren«, meinte Tom schließlich. »Wollen wir uns noch einmal das Camp ansehen? Probieren, irgendwo reinzukommen?«

»Einsteigen, meinst du?«

»Ja, warum nicht? Es scheint ja keiner da zu sein, den es stört. Und wer weiß, wann und ob sie überhaupt noch einmal zurückkommen.«

»In letzter Zeit haben wir schon eine ganz ordentliche kriminelle Karriere begonnen. Ich glaube, du hast einen schlechten Einfluss auf mich.«

»Tatsächlich? Dafür hast du dich aber ganz gut angepasst.«

»Kann schon sein.« Sie lächelte.

»Also?«

»Es kann vielleicht nicht schaden, wenn wir uns dort noch einmal umsehen. Aber lass uns das auf morgen verschieben, ja? Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen durchgeschüttelt von der Fahrt, und es wird jetzt auch schnell dunkel. Wir sollten uns lieber morgen in aller Ruhe und bei Tageslicht Zeit für das Camp nehmen.«

»Na gut.« Tom rieb sich seinen Bauch. »Nur dieser mysteriöse Eintopf liegt mir reichlich schief im Magen. Bevor ich es mir hier auf dem wunderbaren Steinfußboden gemütlich mache, könnte ich noch etwas zu trinken vertragen.«

»Wir haben noch Softdrinks im Wagen.«

Tom sah sie zweifelnd an. »Das ist nicht das, wonach mir der Sinn steht.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Aber einen Martini wirst du hier nicht finden.«

Tom seufzte. »Das wäre ein Grund gewesen, im Camp nachzusehen. Da hätte man vielleicht noch eine Flasche Bier auftreiben können. Aber irgendwas müssen die Indios doch auch trinken.«

Juli stand auf und klopfte sich den Hintern ab. »Gut, dann schauen wir mal, ob wir uns bei der Alten mit deinem Problem verständlich machen können. Und was das Übernachten angeht: Statt des Steinfußbodens schlage ich lieber das Auto vor.«

»Verlockend, verlockend.«

Tom schreckte auf, weil er kratzende Geräusche hörte. Die Sitze ließen sich nicht vollkommen gerade nach hinten neigen und waren unbequemer, als er es aus seiner Jugend in Erinnerung hatte. Damals war er oft unterwegs gewesen, und ein paar Stunden Schlaf auf einer Raststätte im Wagen hatten ihm gereicht, um Kraft zu tanken und weitere acht Stunden zu fahren. Ein paar Mal war sein Wagen auch trotz aller Enge zur Spielwiese für aufregenden Sex geworden. Inklusive heftigst schaukelnder Federung und beschlagener Scheiben. Nun zählte er sich noch lange nicht zum alten Eisen, aber dass sein Körper nicht mehr ganz so unempfindlich war wie noch vor zehn Jahren, machte sich bisweilen schon bemerkbar. Er lag hier auf engstem Raum mit einer jungen Frau mit verlockendem Körper und dass er kaum schlafen konnte, lag nicht etwa an einer unbefriedigten Lust, sondern weil es ihm zu warm war und sein Rücken schmerzte.

Wieder kratzte und klopfte es am Wagen. Tom sah durch die Frontscheibe, aber es war so dunkel, dass er nur ineinanderfließende Schatten erkannte. Vielleicht hatten irgendwelche kleinen Tiere ihr Auto entdeckt und kletterten nun darauf herum? Vögel vielleicht, Ratten oder anderes Urwaldgetier.

Tom presste sein Gesicht an die Seitenscheibe und versuchte, dort etwas zu erkennen. Er fuhr mit einem Schrei zusammen, als eine flache Hand gegen die Scheibe vor seinem Gesicht schlug.

Er wich zurück und rüttelte Juli an der Schulter.

»Da ist jemand draußen!«

»Was?« Julis Stimme klang schläfrig.

»Jemand klopft an unser Auto!«

Juli richtete sich auf. »Wer ist es?«

»Ich kann es nicht erkennen. Ich bin von Geräuschen wach geworden. Und vorhin habe ich eine Hand gesehen.«

»Kann es vielleicht ein Affe gewesen sein?«

»Nein, es war ganz eindeutig eine Menschenhand. Mit einem Perlenband um das Gelenk … Was machen wir jetzt?«

Juli bemühte sich, hinauszusehen. Gerade als sie etwas sagen wollte, erschien direkt neben ihr ein Gesicht an der Scheibe, und sie zuckte zurück.

»Es ist die Dicke!«, rief Tom aus.

Und tatsächlich erkannte Juli nun, dass es das Gesicht der Alten war, die vor ihrer Hütte auf dem Stuhl gesessen hatte. Sie winkte ihnen zu.

Juli ließ das Fenster herunter. Die hereinströmende Luft war feucht und süß und ebenso warm wie das Wageninnere. Die Alte begann heftig zu gestikulieren und redete in einem eindringlichen Wortschwall.

»Was will sie?«, fragte Tom.

»Langsam …«, sagte Juli zu der Frau. »Ich verstehe nicht …« Sie hob beschwichtigend eine Hand und sagte ein paar Worte auf Portugiesisch. Die Frau redete weiter und schwenkte eine Halskette mit einem Amulett. Damit deutete sie erst auf Tom, dann auf Juli und reichte die Kette durch das Fenster. Zögernd nahm Juli das Geschenk entgegen. Damit schien die Frau erreicht zu haben, was sie wollte. Sie sprach noch einige Sätze, dann wandte sie sich ab und ging schwerfällig zurück zu ihrem Dorf.

Juli schloss das Fenster und reichte die Kette unschlüssig an Tom.

»Sie sagte, du sollst das tragen. Es wird dich beschützen.«

»Aha?« Tom besah die Konstruktion aus hölzernen Perlen und einem Anhänger aus geschnitztem Horn, der eine kleine Maske mit grimmigem Blick darstellte. »So ein Quatsch.«

»Sieht aber doch ganz hübsch aus, findest du nicht?«

»Soll ich das etwa jetzt wirklich anlegen?«

»Warum nicht?« Sie nahm ihm die Kette aus den Händen und hängte sie ihm um den Hals. »Es macht dich so … verwegen.«

Tom lachte auf. »So. Und nur deswegen war sie hier?«

»Sie wollte uns vor irgendetwas warnen. Alles konnte ich nicht verstehen. Es ging um den Wald und wieder um die Geister des Waldes und ihre Heimat, flussaufwärts. Wir sollen die Geister fürchten und diejenigen strafen, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind. Oder so ähnlich.«

»Ich dachte, wir wollten nur deine Schwester suchen.«

»Ganz offenbar liegt hier noch deutlich mehr im Argen …«

»Na, wie gut, dass ich jetzt ein Zaubermedaillon habe.« Er lehnte sich wieder zurück.

»Sieh es als Geste des Vertrauens. Besser zu wissen, dass die Dorfbewohner uns unterstützen, als wenn wir fürchten müssten, dass sie uns in den Rücken fallen, weil wir unbeabsichtigt heiligen Boden betreten oder so.«

»Dann hoffen wir mal, dass du recht hast.«

Kapitel 11 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 17. Mai

Etwas verfolgt mich.

Erst dachte ich, es läge an meinen überspannten Nerven. Die Nacht war kurz, nach den merkwürdigen Schreien und Geräuschen konnte ich nicht mehr richtig schlafen, und es war viel zu warm. Nun bin ich seit einigen Stunden wieder unterwegs, inzwischen konnte ich auch wieder das Flussufer erreichen.

Mehrmals habe ich in einiger Entfernung hinter mir etwas zwischen den Bäumen huschen sehen. Einmal bin ich stehen geblieben, um zu sehen, ob es sich nähern würde. Ich weiß nicht einmal, was es ist. Es scheint größer zu sein als ein Affe. Es bewegt sich über den Boden. Und es ist schnell. Wenn ich mich blitzartig umdrehe, erkenne ich manchmal noch einen Schatten. Dann scheint es fort zu sein, aber nach einer halben Stunde wiederholt sich das Spiel. Wenn es ein Raubtier ist, verfolgt es mich sehr hartnäckig. Vielleicht wartet die Kreatur auf einen günstigen Augenblick, mich anzugreifen. Aber es weicht immerhin meinem Blick aus. Solange ich mich ständig umsehe, scheine ich sicher zu sein. Auch wenn das nur ein schwacher Trost ist.